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Wohl mehr als nur ein paar Bier

Der Angeklagte, der morgens den Verhandlungssaal betrat, bot ein erschreckendes Bild. Mit seinen 42 Jahren sah der Mann schon aus wie ein Greis: ausgezehrt ...

Der Angeklagte, der morgens den Verhandlungssaal betrat, bot ein erschreckendes Bild. Mit seinen 42 Jahren sah der Mann schon aus wie ein Greis: ausgezehrt und wacklig auf den Beinen. Zudem erschien er zur Hauptverhandlung vor dem Strafrichter des Amtsgerichtes Prenzlau auch noch zehn Minuten zu spät. Entschuldigung überflüssig.

Die Frage des Richters, wann er denn zuletzt Alkohol getrunken habe, beantwortete er allerdings umgehend: „Heute, aber nur ein paar Bier.“ Da der Angeklagte gerichtsbekannt ist und auch sein Alkoholproblem längst kein Geheimnis mehr war, verfügte der Richter gleich den Beginn der Hauptverhandlung, damit der Mann zumindest der Verhandlung folgen konnte.

Im nüchternen Zustand wäre dies wohl problematischer gewesen. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen Diebstahls, weil er gemeinsam mit einem Kumpel in einem Prenzlauer Einkaufsmarkt neun Flaschen Goldkrone mitgehen lassen wollte. Diese habe er in seinem Rucksack verstaut, so der Vorwurf.

„Ganz so stimmt das nicht“, verteidigte sich der Sünder. „Ich war besoffen an diesem Tag, hatte aber Filmriss, so dass ich mich nicht erinnern kann.“ Irgendwas habe ihm jemand in den Rucksack gestopft. Aber wer das gewesen sei, dazu könne er nichts sagen, so der Angeklagte. „Wie soll es mit dem Alkohol bei Ihnen weiter gehen?“, fragte der Richter.

„Nach meinem Geburtstag will ich zur Entziehung“, antwortete der Mann. Es sei allerdings das …zigste Mal, auch Langzeittherapien hätten ja nichts gebracht. „Sie wissen doch, wie das enden kann“, redete der Richter ihm nochmals ins Gewissen. „Einige ihrer Kumpel haben diesen Weg schon vollendet und sind von uns gegangen...“
Doch mehr als ein Achselzucken war vom Sünder nicht zu sehen. Die Staatsanwältin plädierte auf gemeinschaftlichen Diebstahl und forderte eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 15 Euro. Dabei verwies sie auf die elf Vorstrafen des Angeklagten. Auch der Strafrichter teilte diese Auffassung und sprach eine Geldstrafe von 1350 Euro aus. Dabei sei es egal, wer den Rucksack gefüllt habe, es bleibe eine gemeinschaftlich begangene Tat, hieß es in der Urteilsbegründung. Das sei die klassische Form von Beschaffungskriminalität. „Sie sind erwischt worden und Ihr Kumpel ist abgehauen“, erklärte der Richter. „Lösen Sie Ihr Alkoholproblem, sonst wird das schlimm enden“, appellierte der Jurist nochmals am Ende der Gerichtsverhandlung.