Helfer auf vier Pfoten:

Paten für Begleithunde gesucht

Rollstuhlfahrer oder blinde Menschen können einen Begleithund anfordern. Bevor die Tiere eine spezielle Ausbildung bekommen, leben sie zur Vorbereitung bei Paten. Das kann jeder übernehmen, der viel Zeit und Geduld mitbringt.

Zeit zum Spielen muss auch sein: Hundetrainerin Sabine Häcker (l.) und Rollstuhlfahrerin Jasmin gönnen Begleithund Mars eine Auszeit.
Franziska Koark Zeit zum Spielen muss auch sein: Hundetrainerin Sabine Häcker (l.) und Rollstuhlfahrerin Jasmin gönnen Begleithund Mars eine Auszeit.

Sie heißen Elsa und Quandace, sind zwei Jahre und ein Jahr alt, haben dunkle Kulleraugen, sind vom Charakter her sehr unterschiedlich und bei Regina Jung zu Hause. Noch. Die Erzieherin aus Biebesheim am Rhein ist nämlich Patin der beiden jungen Hunde, die bald zu Begleithunden für Rollstuhlfahrer ausgebildet werden sollen.

Solche Paten werden von verschiedenen Vereinen in Deutschland immer wieder gesucht. Im Alter von acht Wochen kommen die Welpen von den Züchtern zu ihren Paten und leben dort ein gutes Jahr. „Die Tiere brauchen von Anfang an eine erziehende Hand und eine Bezugsperson, die sie sanft mit positiven Methoden erzieht und konsequent ist“, sagt Tatjana Kreidler, Vorsitzende des Vereins VITA Assistenzhunde in Hümmerich bei Koblenz.

So sollen die kleinen Kerle vorbereitet werden, um später Rollstuhlfahrer als Begleithunde in ihrem Alltag zu unterstützen. Die Paten müssen den Hunden jedoch nicht spezielle Fertigkeiten wie das Öffnen einer Tür oder das Bringen eines Telefons beibringen – das lernen sie später.

Situationen im Alltag kennenlernen und meistern

Vielmehr erfahren die Welpen bei ihnen die Sozialisation: Sie lernen also Sitz, Platz, Fuß und was Beißhemmung oder Stubenreinheit bedeuten. Vor allem aber zeigen die Paten ihnen die Welt in all ihren Facetten, Farben und Geräuschen.

Sie fahren mit den Tieren in die Stadt, mit dem Bus ebenso wie mit dem Auto, sie gehen in Geschäfte und Kaufhäuser und führen sie an laute Straßen heran. Außerdem fahren sie mit ihnen im Aufzug oder besuchen Wildgehege und Zoos mit den für kleine Hunde spannenden Düften. „Ich nehme die Hunde mit, wenn ich die Mülltonne herausbringe, so lernt er das große, schwarze Ding kennen, das sich bewegt“, sagt Jung. Auf dem Weg zur Post kommt die Erzieherin an einem Schulhof vorbei – also ist sie dort mit dem Vierbeiner unterwegs, wenn gerade Pause ist und die Kinder toben, kreischen und lachen. „Bei all dem sehe ich, wie sicher der junge Hund schon im Umgang mit solchen Alltagssituationen ist, ob er sich wohlfühlt oder etwas unangenehm für ihn ist“, sagt die Patin.

„Die Prägephase dauert von der vierten bis zur zwölften Woche“, erklärt Tierärztin Sabine Häcker vom Berufsverband der Hundeerzieher und Verhaltensberater und Vorsitzende des Vereins Hunde für Handicaps in Berlin. „In der Zeit sollte er möglichst viel kennenlernen.“

Das bedeutet einen großen Zeitaufwand. „Drei Stunden am Tag ist man sicher mit Füttern, Gassi gehen und Training beschäftigt“, betont Häcker. Ein- bis zweimal wöchentlich treffen sich Hundetrainer, Paten und Tiere außerdem zum gemeinsamen Üben – bei Sonnenschein ebenso wie bei Kälte oder strömendem Regen, am Wochenende und nach Feierabend.

Paten werden geschult und von Trainern betreut

Wer mit dem Gedanken spielt, sich als Pate zu bewerben, sollte sich das vorab gründlich überlegen, statt einem spontanen Gefühl oder Wunsch nach einem Tier nachzugehen. Daneben braucht man Empathie und Geduld, um einen Hund für seine spätere Aufgabe vorzubereiten. Interessenten sollten sich bei den Vereinen beraten lassen und bei Trainings vorbeischauen. Auch mit den Trainern kann man sich so austauschen – und diese können einen potenziellen Paten genauer
beobachten.

Alleinstehende Menschen, die Zeit haben, dürfen ebenso Paten werden wie Familien – wobei in letzterem Fall immer einer die Bezugsperson sein muss. Trubel mit Kindern ist willkommen, doch ebenso braucht der kleine Vierbeiner viel Ruhe.

Erfahrung als Hundehalter ist nicht erforderlich. Die Paten werden immer geschult, etwa wie man Grundgehorsam übt, was die Körperhaltung des Tieres aussagt, wie man es an Neues heranführt. „Die Paten werden sehr eng von den Trainern betreut und bekommen jederzeit Unterstützung“, sagt Kreidler. Andere Tiere im Haushalt können von Vorteil sein, denn so lernt das Patenkind gleich weitere Mitglieder der Tierwelt kennen. Regina Jung hatte bei ihrem ersten Patenhund August noch ihren eigenen Hund. Vorab wurde jedoch geprüft, welches Wesen der eigene Hund hat, ob er ein gutes Vorbild sein und ob der Hundehalter zwei Tieren gerecht werden kann.

Nach einem Jahr wieder trennen

Der Pate bekommt die Grundausstattung für die Tiere geliehen – Decke, Futter, Schüsseln, bei den meisten Vereinen auch Tierarztkosten, Hundesteuer und Versicherung. „Bei uns müssen die Paten einzig bei der Hundehaftpflichtversicherung eine Eigenbeteiligung von 50 Euro für Schäden, die der Hund im eigenen Haushalt anrichtet, in Kauf nehmen“, erklärt Häcker.

Bei der Urlaubsplanung muss die Wahl auf ein Reiseziel fallen, bei dem die Welpen mitfahren können. Notfalls kommen sie in dieser Zeit bei den Trainern unter. Und irgendwann kommt der große Moment: „Viele schieben weg, dass sie den Hund nach etwa einem Jahr wieder abgeben müssen“, sagt Häcker. Doch oft bleiben Pate und Hund in Kontakt. „Ich kann dem neuen Besitzer einige Tipps geben, denn ich kenne das Tier von klein auf“, sagt Jung.

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