Babyserie:

Teil 1: Auf Umwegen zum Familienglück

Vom Kinderwunsch zum Wunschkind ist es für Paare manchmal ein langer Weg. Denn mitunter will sich eine Schwangerschaft partout nicht einstellen. Diese Erfahrung machten auch Claudia und Björn Allers*. Künstliche Befruchtung war für sie die einzige Möglichkeit, ein eigenes Kind zu bekommen. Bundesweit gibt es 120 Kinderwunschzentren. Das bange Warten, ob sich der Kinderwunsch mit ihrer Hilfe endlich erfüllt, stellt viele Beziehungen auf eine harte Probe.

künstliche Befruchtung
imago

„Papa, Traktor!“ Aufgeregt läuft Ole* dem lauten Tuckern vor dem Stubenfenster entgegen. Sehen kann er trotzdem  nichts. Das Fensterbrett ist für den Zweijährigen zu hoch. Er stellt sich vor Papa Björn Allers*, zieht an dessen Hosenbein und schon bereiten Papas Arme ihm den gewünschten Ausblick. Zufrieden, das große Ungetüm gesehen zu haben, erreicht er wieder festen Boden unter den Füßen und flitzt jauchzend seinem Papa in Richtung  Terrassentür davon.

In Momenten wie diesen bekommt das Wort Mutterglück für Mama Claudia* eine ganz besondere Bedeutung. Wäre es nach Mutter Natur gegangen, würde auf dem Esstisch keine  bunte Geburtstagseisenbahn mit einer abgebrannten Zwei an Oles Ehrentag erinnern.  Auch ein Laufrad und unzählige Bausteine würden nicht in der Stube stehen.

Als sich das Ehepaar aus der Nähe von Schwerin vor ein paar Jahren entschließt, eine Familie zu gründen, ahnt es nicht, dass sich bei Claudia Allers unbemerkt gutartige Wucherungen am Eierstock gebildet haben. Diese senden ihre Signale erst aus, als sie die Pille absetzt. Vergeblich wartet das Paar darauf, dass der Schwangerschaftstest ein positives Ergebnis anzeigt. Stattdessen bekommt Claudia Allers immer wieder Bauchschmerzen. „Endometriose“ lautet die Diagnose ihres Frauenarztes. Dahinter verbirgt sich Gewebe ähnlich der Gebärmutterschleimhaut, das sich zum Beispiel an den Eileitern oder Eierstöcken ansiedelt und zu Zysten heranwächst.

Hoffnung auf Kinderwunschzentrum

Bei Claudia Allers wuchern sie an den Eierstöcken. Zweimal innerhalb weniger Monate werden die Zysten operativ entfernt. „Dann stand fest, dass wir es allein nicht schaffen werden, ein Baby zu bekommen“, sagt sie. Nach dem ersten Schock entscheiden sich Claudia und Björn Allers dafür,  ihren Traum von einer eigenen Familie trotzdem nicht so schnell aufzugeben.

Ihre große Hoffnung ist das Kinderwunschzentrum in Rostock. Es ist eines von 120 in Deutschland und das einzige in Mecklenburg-Vorpommern. Ursprünglich angesiedelt in der Universitäts-Frauenklinik der Hansestadt ist es inzwischen eine eigenständige Praxis auf dem Klinikgelände.

Wenn Paare zu Dr. Heiner Müller  und seinem Team kommen, liegt meistens schon ein langer Leidensweg hinter ihnen. Denn: „Von Unfruchtbarkeit spricht man eigentlich erst, wenn ein Paar mindestens zwei Jahre lang erfolglos ungeschützten Geschlechtsverkehr hat“, sagt der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.
Claudia und Björn Allers haben Anfang 2009 ihren ersten Termin bei Dr. Heiner Müller. Obwohl die Gründe für die Kinderlosigkeit bei seiner Frau liegen, wird auch Björn Allers gründlich untersucht.  Das soll ausschließen, dass auch bei ihm  diesbezüglich etwas nicht in Ordnung ist.

Bei der Hälfte der Patienten reiche die Behandlung

Als die Ergebnisse vorliegen, beginnen sie mit einer Hormontherapie, bei der Claudia Allers Medikamente bekommt, die ihre Eizellreife fördern sollen. Mit ihnen lässt sich auch der Zeitpunkt des Eisprungs genau steuern. „Die Paare kennen dann den genauen, etwa 36 Stunden umfassenden Zeitraum, an dem sie zu Hause miteinander ,kuscheln’ müssen“, sagt Dr. Heiner Müller. Bei ungefähr der Hälfte seiner Patienten reiche diese Behandlung, die noch nicht als künstliche Befruchtung zählt, bereits aus, um schwanger zu werden.

Claudia und Björn Allers warten sechs Monate vergeblich darauf. „Die bange Zeit war eine große Belastungsprobe für die Beziehung“, sagt die heute 32-Jährige. Ihr Mann wollte in der Zeit nur wenig über das Thema sprechen, sie selbst dafür umso mehr. Aber nicht mit jedem aus der Familie oder dem Freundeskreis. „Das wussten nur ganz, ganz wenige.“ Entsprechend oft hörten sie die unbedarft gestellte Frage, ob es denn nicht auch bei ihnen mal Zeit für Nachwuchs wäre. Die Allers redeten sich raus, sie seien beruflich so eingespannt. „Aber natürlich hat das unseren Druck erhöht.“ Seit Claudia Allers weiß, wie sich das anfühlt, fragt sie selbst andere nicht mehr, ob es nicht Zeit für Kinder wäre.

Nachdem die Hormontherapie das Paar seinem Kinderwunsch nicht näher bringt, rät Dr. Heiner Müller  nun zur In-vitro-Fertilisation, kurz IVF. Auch hierfür regen Hormone zunächst die Reifung der Eizellen an. Die gereiften Zellen werden dann der Frau entnommen und, sehr vereinfacht gesagt, im Labor gemeinsam mit den Samenzellen des Mannes in eine Petrischale gegeben. „Die Samenzellen sind so im direkten Kontakt mit der jeweiligen Eizelle und finden allein den Weg hinein“, sagt Dr. Heiner Müller. Anschließend wird der Embryo in die Gebärmutterhöhle gepflanzt.

Mit dieser Methode gelang Robert Edwards 1978 nach jahrelangen Forschungen ein Meilenstein in der Reproduktionsmedizin. Unzählige Eltern weltweit verdanken dem britischen Wissenschaftler ihr Familienglück. Vor zwei Jahren erhielt er den Nobelpreis für Medizin.

76 000 Behandlungen und fast 8000 Kinder

Die medizinischen Möglichkeiten, Paaren den Kinderwunsch zu erfüllen, schritten seit Edwards’ Vorstoß immer weiter voran. Seit gut zehn Jahren kann Samen im Labor auch gezielt in eine Eizelle gespritzt werden. Diese Behandlung, kurz ICSI genannt, hilft zum Beispiel Paaren, bei denen nur sehr wenige Samenzellen verfügbar sind oder bei denen die Eizellen den Samen auf natürlichem Wege nicht in sich eindringen lassen. Ein Blick ins Jahrbuch des Deutschen IVF-Registers zeigt: 2010 gab es in Deutschland insgesamt knapp 76 000 Behandlungen und fast 8000 Kinder, die nach künstlicher Befruchtung geboren wurden.

Die medizinischen Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen, wird vielen Paaren jedoch nicht leicht gemacht: Behandlung und Medikamente kosten zum Beispiel pro IVF-Versuch mindestens 1500 Euro Eigenanteil. Dass es aber gleich beim ersten Mal klappt, ist eher die Ausnahme. „Die Wahrscheinlichkeit liegt durchschnittlich bei 40 Prozent“, sagt Dr. Heiner Müller. Manche Paare nehmen extra einen Kredit auf. Anderen fehle schon das Geld für die Zugfahrkarte, um aus entfernteren Gegenden ins Kinderwunschzentrum zu kommen.

Um die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen, werden in der Regel zwei befruchtete Eizellen eingesetzt.  Bei den Allers war es im Herbst 2009 soweit.  Nach zwei Wochen des Bangens und Hoffens bringt ein Bluttest die erlösende Nachricht: Es hat geklappt!

Für Dr. Heiner Müller ist die Behandlung nun fast beendet. Die weitere Betreuung übernimmt der Frauenarzt der Patientin. „In den ersten drei Monaten erhalten unsere Patientinnen oftmals weiterhin Hormone. Viele sehen wir etwa in der Mitte der Schwangerschaft nochmal zur Feindiagnostik, einem speziellen Ultraschall.“

Bis zu diesem Termin lagen für Claudia Allers schmerzhafte Wochen. Blutungen, Bauchschmerzen, erste Wehen. Drei Monate hat die damals 30-Jährige fast nur gelegen. In der 20. Woche wurden die Bauchschmerzen unerträglich. Die vermeintliche Blinddarmentzündung entpuppte sich als eine eingeblutete Zyste am Eierstock. Dieser hat sich dadurch so sehr entzündet, dass er mitten in der Schwangerschaft entfernt werden musste. Claudia Allers und ihr ungeborenes Baby haben die Operation gut überstanden. Mit dem Eierstock hat sie aber auch einen großen Teil ihrer natürlichen Eizellenreserve verloren.

Umso glücklicher hält sie jetzt Baby Charlotte* im Arm. Satt und zufrieden schlummert das wenige Wochen alte Mädchen vor sich hin. Da kommt Ole angeflitzt und gibt seiner kleinen Schwester vorsichtig einen Schmatz. „Der Weg war steinig, aber jetzt ist unser Leben komplett“, sagt Claudia Allers.
* Name geändert

Die künstliche Befruchtung
Welche Methoden der künstlichen Befruchtung gibt es?
Heute werden im Wesentlichen drei Methoden angewandt: Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) sorgen Hormone zunächst dafür, dass gleich mehrere Eizellen heranreifen. Im Labor werden diese mit den Spermien des Mannes im Reagenzglas zusammengebracht, wobei die Befruchtung ohne direkte Hilfe des Labors stattfindet. Der daraus entstandene Embryo wird einige Tage später in die Gebärmutterhöhle eingesetzt. Die intrazytoplasmatische Spermieninjektion, kurz ICSI, läuft ähnlich wie die IVF ab. Hier überlässt man die Befruchtung jedoch nicht den Eizellen und Spermien selbst, sondern bringt die Samen über eine kleine Kanüle direkt in die Eizelle. Eine dritte Variante ist die Samenübertragung, auch Insemination genannt. Um den „Hindernislauf“ der Spermien zu den Eizellen abzukürzen, werden die männlichen Samen im Labor aufbereitet und dann mit einer Spritze direkt in die Gebärmutter gebracht. Welche Methode angewendet wird, hängt vom ärztlichen Befund für das jeweilige Paar ab.

Inwiefern wirkt sich das Alter der Frauen auf die Fruchtbarkeit aus?
Sämtliche Eizellen sind bei Frauen schon vor der Geburt vorhanden. Während die Samen regelmäßig nachproduziert werden, muss die Frau also mit dem einmal angelegten Eizellenvorrat ihr ganzes Leben lang auskommen. Wenn ein Mädchen zur Welt kommt, hat es etwa eine Million. Die Zahl nimmt jedoch im Laufe der Zeit kontinuierlich ab. Bei Eintritt der Geschlechtsreife sind es noch ungefähr 200 000. Diese Zahl verringert sich Monat um Monat. Ihre Qualität nimmt ebenfalls ab. Längst nicht jede angelegte Eizelle wird auch zu einer befruchtungsfähigen Eizelle: Pro Zyklus reifen maximal ein bis zwei befruchtungsfähige heran. „Frauen sollten beim Kinderwunsch den Faktor Alter nicht unterschätzen“, sagt Dr. Heiner Müller vom Kinderwunschzentrum Rostock. Doch genau das tun offenbar viele. Das Institut für Demoskopie Allensbach wollte 2007 in einer Umfrage wissen, „ab welchem Alter es für eine Frau schwieriger wird, schwanger zu werden“. Fast 40 Prozent der Befragten gaben als Zeitspanne die Jahre 38 bis 42 an, 28 Prozent tippten auf 33 bis 37 Jahre. Tatsächlich nimmt die Fertilität aber bereits ab 30 ab. Im Körper gibt es ein Hormon, das Aufschluss über die Eizellenreserve im Körper geben kann. Es heißt Anti-Müller-Hormon, kurz AMH. Diesen Wert kann man beim Frauenarzt ermitteln lassen. Dr. Heiner Müller empfiehlt Frauen, die grundsätzlich einen Kinderwunsch haben, sich mit der Umsetzung aber noch Zeit lassen wollen, diesen Test zu machen.

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