Babyserie:

Teil 7: Marie kämpft sich ins Leben

Eine Schwangerschaft dauert normalerweise 40 Wochen. Bei Marie dagegen ließ sich die Geburt in der 28. Woche nicht mehr aufhalten. Ihr kleiner Körper musste vielen Komplikationen trotzen, denn: Je früher ein Baby zur Welt kommt, umso unvollständiger sind Organe und Körperfunktionen ausgebildet.

Mit Eltern
Sylvia Kuska

Leben? Oder Tod? Marie ist erst wenige Tage alt, als ihr kleiner Körper diesen Kampf führt. Die Kleine liegt in einem Inkubator, umgangssprachlich Brutkasten genannt. Ihre Augen sind geschlossen. Ab und an bewegt sie ihre kleinen Fingerchen. An ihrem Körper hängen unzählige Schläuche. Sie führen unter anderem zu einer Maschine, die sie beatmet und zu einem Gerät, das ihren Sauerstoffgehalt überwacht. Eine Sonde steckt in ihrem Magen, ein Katheder in ihrer Lunge. Ein anderes Gerät beobachtet ihren Herzschlag und Kreislauf.

Maries schwerer Start ins Leben beginnt am 29. April. Zwei Wochen zuvor hat ihre Mama Andrea G. zum ersten Mal Wehen bekommen. Der Gebärmutterhals ist bereits verkürzt – alles deutet darauf hin, dass die Geburt kurz bevor steht. Wenn da nicht die Zeit wäre: Die ist nämlich noch gar nicht reif für Marie. Das Mädchen wächst erst seit 26 Wochen im Bauch ihrer Mama heran.

Andrea G. kommt sofort ins Krankenhaus nach Schwerin. Die Helios Kliniken sind eines von drei sogenannten Perinatalzentren in MV, also Kliniken, die sich auf Frühchen spezialisiert haben. Die anderen beiden Einrichtungen befinden sich in Rostock und Greifswald.

Nach 14 Tagen lässt sich Geburt nicht mehr aufhalten

Um die Geburt hinauszuzögern, darf Andrea G. sich selbst in der Klinik so gut wie nicht bewegen. Die Ärzte spritzen ihr Mittel, die die Wehen hemmen sollen. Doch nach 14 Tagen lässt sich die Geburt nicht mehr aufhalten. Als Marie mit Kaiserschnitt zur Welt kommt, ist sie 41 Zentimeter groß und 1133 Gramm schwer. Das ist für 28 Schwangerschaftswochen optimal – um problemlos ins Leben zu starten jedoch viel zu wenig.

Marie kommt sofort auf die Intensivstation für Frühchen. „Eine Maschine half ihr zwar beim Atmen, aber ansonsten ging es ihr recht gut“, erzählt Papa Frank G. Das ändert sich am nächsten Tag. Die Lungen sind das Problem. Das ist nicht nur bei Marie so, sondern bei vielen Frühchen. „Die Organe sind in diesem Alter noch nicht reif genug“, sagt Dr. Olaf Kannt. Er ist Chefarzt der  Helios-Kinderklinik in Schwerin und hat Marie während ihrer ersten schweren Monate betreut. Den Lungen fehlt meistens eine bestimmte Substanz: Das so genannte Surfactant. „Das ist wichtig, damit die Lungenbläschen offen bleiben und nicht zusammenfallen.“ Weil so kleine Kinder wie Marie es aber noch nicht selber gebildet haben, erhalten sie es als Medikament. Ihr hilft es aber nicht so gut, wie es sich die Ärzte gewünscht hätten.

Der Blutdruck darf nicht steigen

Stattdessen steht ihr kleiner Körper gleich vor einer neuen Hürde: In ihm sind Lungenbläschen geplatzt und haben dabei einen Pneumothorax verursacht. Das bedeutet, dass das Rippenfell gerissen ist und sich Luft neben der Lunge angesammelt hat. Dadurch kann sich  die Lunge nicht mehr ausdehnen und fällt in sich zusammen. Dann muss die Luft über Schläuche in der  Brustwand  abgesaugt werden.

Wenn die Lungenbläschen platzen, steigt für einen kurzen Moment der Blutdruck deutlich an. Das kann bei Frühchen eine verhängnisvolle Kettenreaktion auslösen. „Wir haben im Kopf eine sogenannte Autoregulation: Wenn der Blutdruck im Körper steigt, bleibt er im Kopf trotzdem konstant. Das Gehirn reguliert den Druck in seinen Blutgefäßen ganz automatisch“, sagt Dr. Olaf Kannt. Frühgeborene können das jedoch noch nicht. „Wenn der Blutdruck in ihrem Körper steigt, wird er ungebremst ins Gehirn weitergegeben. Dann können unreife Blutgefäße platzen und Blutungen auslösen.“ Steigen kann der Druck durch Anstrengung – oder, wie im Fall von Marie, wenn das Rippenfell reißt.

Das kann schwerwiegende Folgen für das kleine Gehirn haben. „Wenn das Blutungsareal dort liegt, wo Bahnen durchgehen, die später zum Beispiel für Bewegungsabläufe oder die Sprache zuständig sind, können diese Bahnen unterbrochen werden. Dann könnte es zu bleibenden Schäden kommen“, sagt Dr. Olaf Kannt. 

Tage voller Hoffen und Bangen

Jeden Tag wachen Andrea und Frank G. an Maries Bettchen. Sie bangen. Und hoffen. Durch zwei Grifföffnungen an der Seite des Brutkastens streicheln sie vorsichtig über das kleine Gesicht und die Fäustchen. Das ist der einzige Körperkontakt zu ihrem Baby. „Mit kleinen Gesten haben uns die Schwestern immer wieder Mut gemacht und Kraft gegeben“, erzählt Andrea G. Sie zeigt bei einem Foto auf ein kleines Herz an Maries Wange, das die Stationsschwestern aus einem Pflaster geschnitten haben, um die Magensonde zu fixieren. Auf einem anderen trägt Marie selbstgestrickte Söckchen, die ihr die Schwestern geschenkt haben.

Leben! Nach gut einer Woche hat Marie den Kampf ums Überleben für sich entschieden: Ihr kleiner Körper ist über den Berg. „Wir waren so unendlich erleichtert!“, sagt Frank G. Noch ein paar Tage später ist es endlich so weit: Das Ehepaar darf zum ersten Mal mit Marie kuscheln. Zwei Stunden lang liegt sie – noch immer angeschlossen an viele Maschinen – abwechselnd auf Mamas und Papas Brust. „Sie sah aus wie ein Vögelchen ohne Federn.“ Zum ersten Mal hörten wir dich auch richtig schreien, schreibt Andrea G. am Abend in Maries rotes Frühchen-Tagebuch. Das haben die Stationsschwestern ihr geschenkt. Gemeinsam mit der Familie halten sie darin jeden Augenblick von Marie fest.

Auch jenen Rückschlag Ende Mai. Die Hirnblutung hat die Zirkulation des Hirnwassers gestört. „Dann kann im Kopf nicht mehr genügend Flüssigkeit abgebaut werden. Dass Wasser würde ihn immer weiter anschwellen lassen“, sagt Dr. Olaf Kannt. Deshalb muss es abgelassen werden. Zunächst gelingt dies durch eine Punktion unterhalb des Rückenmarks. Als das nicht mehr funktioniert, wird Marie am Kopf ein kleiner Schlauch unter die Haut gepflanzt. „Darüber können wir überschüssiges Hirnwasser problemlos abziehen.“ Gleichzeitig bekommt sie Medikamente, mit deren Hilfe sich weniger Hirnwasser bildet.

Leben mit Medikamenten und Geräten

Von nun an geht es wieder bergauf. Die Schläuche auf den Fotos in Maries Tagebuch werden von Seite zu Seite weniger. Als sie zwei Monate alt ist, wird sie zum ersten Mal angezogen. Bis Marie nach Hause darf, werden aber noch vier Wochen vergehen. „In der Regel bleiben die Kinder ungefähr bis zum errechneten Geburtstermin bei uns“, sagt Dr. Olaf Kannt.

Inzwischen ist Marie seit acht Wochen zu Hause. Kuscheln, füttern, wickeln, spazieren gehen – die Familie ist nun im wie sie sagt „normalen Babyalltag“ angekommen. Wann Andrea und Frank G. ihrer Tochter welche Medikamente geben müssen, ist bereits Routine. Ebenso, Maries Fuß immer mit einem kleinen Gerät zu verkabeln, das Alarm schlägt, falls sie plötzlich Atemaussetzer bekommt. Auch der Griff zum Maßband, mit dem die Eltern penibel den Kopfumfang beobachten, gehört zum täglichen Ritual wie das Gute-Nacht-Lied vorm Einschlafen. Einmal pro Woche fährt die Familie nach Schwerin in die Klinik. Dort kontrollieren die Ärzte mit Ultraschall Maries Kopf.  „Im Moment sind die Befunde nicht auffällig“, sagt Dr. Kannt.

In einem Punkt sind Maries Eltern aber dennoch unzufrieden: „Die Regelungen zum Elterngeld benachteiligen Eltern von Frühgeborenen. Uns sind dadurch drei Monate Elternzeit verloren gegangen“, sagt Andrea G. Denn: Der Anspruch auf Elterngeld beginnt mit der Geburt. Wenn Frühchen nach ihrem langen Klinikaufenthalt nach Hause dürfen, sind also schon mehrere Monate der bezahlten Elternzeit vorbei. „Dabei bräuchten gerade diese Babys mehr Zeit mit der Familie, um Verzögerungen in der Entwicklung aufzuholen“, sagt Andrea G. Sie plädiert dafür,  dass sich der Elterngeldanspruch nicht am tatsächlichen Geburtstag, sondern am errechneten Termin orientiert.

Ob Maries schwerer Start ins Leben bleibende Schäden hinterlassen wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Die Kleine folgt mit ihrem Kopf Licht und Lauten, dreht ihre Händchen, strampelt mit den Beinen – all das sind gute Zeichen. „Jeder noch so kleine Entwicklungsschritt ist für uns so etwas wie ein Meilenstein“, sagt Andrea G. Denn: Je länger Marie in Bezug auf schwerwiegende Defizite unauffällig ist, desto besser. Um jetzt schon Entwarnung zu geben, ist es aber noch zu früh. Dr. Olaf Kannt: „Eine entscheidende Hürde dafür ist das zweite Lebensjahr.“