Angelserie:

Teil 9: Angel-Tourismus in MV

Angeln kann jeder. Fische fangen dagegen hat nur wenig mit Glück zu tun. Mecklenburg hat die Angler als Touristen entdeckt. „Die Müritzfischer“ vermieten ihnen Ferienwohnungen und Angelkähne, und nehmen sie mit an Bord zu geführten Angeltouren.

Hechtangeln
Roland Regge-Schulz

 Der Hafen in Eldenburg ist zugeparkt von Yachten und Hausbooten. Im Mai wird er leer sein. „Dann sind die Boote da, wo sie hingehören, draußen auf dem See“, sagt Jürgen Browatzki. Er ist „Müritzfischer“ und fährt seit Jahren Angler hinaus auf den See. Die Ruhe selbst, wartet er am Steg auf seine heutigen Gäste.

Zwei Familienväter aus dem Saarland gehen an Bord. Sie haben sich eine Ferienwohnung gemietet, hier, direkt am Ufer der Elde, die Müritz und Kölpinsee miteinander verbindet. Sie wollen erst einmal gucken, wie es sich so angelt, hier oben im Norden. 840 Kilometer sind sie gefahren für ein verlängertes Wochenende ohne Familie. Und später? Mal sehen... Ein Urlauber aus Thüringen ist aus Plau am See herübergekommen. Er macht gern und oft Urlaub in Mecklenburg.

Ein Mecklenburger, wie er so nicht im Buche steht

Punkt Sieben. Leinen los, das Boot pöttert hinaus. Heute geht auf den Kölpinsee zum Hechtangeln. Sebastian Paetsch ist diesmal mit auf Tour. Er ist „Müritzfischer“ und Marketing-Mann als Beruf und aus Berufung. Er kümmert sich um Angler und Angelscheine, hat auch dem Saarland die Wohnung vermietet. Und er ist ein Mecklenburger, wie er so gar nicht im Buche steht.

Paetsch erzählt gern und gut. Und so wird die Fahrt hinaus auf den See zu einem unterhaltsamen Exkurs in die jüngere Unternehmensgeschichte der „Müritzfischer“. Der einsame Fischer, der bei Wind und Wetter auf den See hinaus fährt, Reusen stellt und Netze einholt ist nur noch die halbe Wahrheit. Heute werden auch Teile des Fangs weiterverarbeitet und verkauft, werden Fischbrötchen geschmiert und Touristen betreut.

Kalte Ohren und Sonnenbrand gleichzeitig

Das Boot tuckert aus dem Fluss in den See hinaus. Noch liegt grauer Dunst über dem Wasser, kriecht kalt die Beine hinauf.  Die Sonne blinzelt  am Horizont, verspricht einen warmen Tag. T-Shirt-Wetter, jedenfalls wenn man nicht auf dem See ist. Das Wasser hat im Moment gerade mal sieben Grad.  Nur ein paar Zentimeter darüber auf dem Boot kann man sich prima gleichzeitig kalte Ohren und einen Sonnenbrand holen.
Jürgen Browatzki erklärt den Touristen seinen See.

Ungewöhnlich ist er, der Kölpinsee, kein Badewannensee wie meist  in Mecklenburg. Keine großen Tiefen keine großen Untiefen. Dafür mit flachen Plateaus voller Kraut.  Da stehen die Hechte, nicht wie in  anderen Seen, in den Schilfbereichen der Ufer.

Kisten voller Köder für jede Gelegenheit

Die Angeln werden klar gemacht, in Kisten vollgestopft mit Wobblern, Spinnern, Blinkern und Gummifischen wird gewühlt. Welcher Köder mag der richtige sein? 
Sebastian Paetsch erzählt von einem Angler, der das ganze Jahr mit nur einem einzigen Köder geangelt hat. Und der hat auch nicht weniger gefangen als die anderen mit den Kisten voller Köder für jeden Geschmack und jede Gelegenheit. Paetsch hat selbst Kisten voller Köder für jede Gelegenheit. Groß sind seine, sehr groß. Ein Spleen sagt er. So groß wie Paetsch Köder sind  die Fische, die wir bei uns angeln, sagt das Saarland.

Die Angeln werden ausgeworfen und die Schnüre ruhig wieder eingeholt. Immer und immer wieder. Kein Biss, nur ein Nachläufer wurde gesichtet, ein Hecht, der den Köder bis ans Boot verfolgt hat, ohne zuzuschnappen. Browatzki wirft den Motor an: „Werfen haben wir genug geübt, nun fahren wir mal zu den Hechten.“

Nicht jeder Fisch darf mitgenommen werden

Zehn, schätzt Paetsch, werden heute insgesamt gefangen. Es hängt von der Wetterlage ab, je stabiler, desto besser. Die Sonne spielt eine Rolle und der Wind, und die  Jahres- und die Tageszeit. Und überhaupt sind die vier Todfeinde des Bauern auch die des Fischers: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Nicht jeder gefangene Fisch darf mitgenommen werden. Zwei Hechte sind es pro Tag und Angler maximal. Und groß müssen sie auch sein. Ein Mindestmaß von 60 Zentimetern haben die Müritzfischer für ihre Pachtgewässer festgelegt.

Auf dem Meer, wo der Fisch keinem oder allen gehört, wird herausgeholt, was die Netze hergeben. Binnenfischer dagegen müssen nachhaltig wirtschaften. Deshalb laufen die Verträge auch  über lange Zeiten. Es dauert halt, bis Fische heranwachsen.
„Dass wir den See erst leerfischen und dann teuer Angelkarten verkaufen, ist Quatsch“, sagt Paetsch, „ist ein Unsinn, der immer mal erzählt wird.“

Um Fische zu fangen, muss man die Gewässer kennen

Die Sonne vertreibt den Dunst, beim Saarland hängt der erste Hecht am Haken.
Zehn Minuten später wirft Jürgen Browatzki wieder den Motor an. Das Boot ist über die unsichtbare Kante irgendwo unter Wasser getrieben. Der See ist hier zu tief. Wer einen Hecht angeln will, muss wissen, wo er ihn findet. Browatzkis weiß es.

Auf seinem Haussee kennt sich jeder Angler aus. In der Fremde ersetzt die geführte Tour die eigene Erfahrung. Das Angeln selbst ist kein Problem. Aber Fische fangen auf eigene Faust, ohne die spezifischen Verhältnisse eines Gewässers zu kennen, ist  reine Glückssache. Thüringen hat jetzt auch einen Hecht am Haken, bekommt mecklenburgische Hilfe beim fotografieren.

Nicht nur Fischer, sondern auch Dienstleister

Das Saarland hat sich für die nächsten Tage einen Angelkahn reserviert. Mit Browatzkis Erfahrung im Gepäck soll es allein auf den See hinausgehen. Stabile Kähne sind das, über sieben Meter lang und mit einem kleinen 5 PS-starken Außenbordmotor am Heck. Dafür braucht man keinen Bootsführerschein. Vermietet wird er auch von den „Müritzfischern“. Angelnde Touristen sind wichtige Kunden.

„Wir sind Dienstleister“, sagt Paetsch. Rund fünfzig Prozent des Geschäftes entfallen inzwischen auf den touristischen Bereich. Dazu gehören der Verkauf von Angelkarten, die Vermietung von Ferienwohnungen und die Direktvermarktung durch eigene gastronomische Angebote.

Keine Garantie für erfolgreiche Fänge

Kapitän Browatzki steuert das Boot mit ruhiger Hand über den See. Nein, langweilig findet er seinen Job nicht. Jeder Tag ist anders. Immer kommen neue Leute an Bord. Manchmal sieht er Fisch- oder Seeadler bei der Jagd, manchmal kann er den Wisenten auf dem Damerower Werder beim Baden zusehen.

In der Hochsaison fährt Browatzki zweimal pro Tag  hinaus. Eine Tour von 7 bis 13 Uhr. Dann fliegender Wechsel und mit neuen Anglern an Bord wieder bis 19 Uhr hinaus. Erfolgreiche Fänge kann auch er nicht garantieren. Aber Angler wissen das, wissen, dass auch sie an manchen Tagen, obwohl doch eigentlich alles gestimmt hat, ohne anständigen Fang nach Hause gehen. Und Unkundige sind selten an Bord. Ab und an wirft auch Browatzki die Angel aus. Mal gucken, was geht. Jetzt holt er sie zum letzten Mal ein. Die Sonne steht hoch am Himmel, es wird Zeit für die Heimfahrt.  Mit dem letzten Wurf angelt Thüringen den letzten Hecht des Tages. Sechzehn waren es insgesamt.

Das Saarland macht den größten Fang

Beim Angeln spricht man nicht vom Gewinner. Falls doch, müsste man dem Saarland gleich doppelt gratulieren: Für die meisten Fische und für den größten Fang des Tages. Der zweite Platz geht an Thüringen. Am Ende, mit vornehmer Zurückhaltung, die Gastgeber. Ein Tourismusmanager hätte es sich nicht besser ausdenken können.
Das Saarland wird wiederkommen nach Mecklenburg, wahrscheinlich die Familie mitbringen. Thüringen sowieso.

Browatzki parkt das Boot im Eldenburger Hafen ein. Das Saarland telefoniert nach Hause. Thüringen holt sich  etwas zu essen. Ein Fischbrötchen, natürlich. Eines  von den Müritzfischern – mit Hechtfilet. Was sonst?!

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