Serie: Um die Welt mit den Sailing Conductors:

Einmal um die Welt für ein bisschen Musik

Mit Pauschalurlaub und All Inclusive hat die Reise von Hannes Koch aus Rostock und Benjamin Schaschek aus St. Augustin nichts zu tun. Die beiden Toningenieure segeln in ihrer Neun-Meter-Nussschale "Marianne" seit zweieinhalb Jahren um den südlichen Globus, um die Weltmusik zu revolutionieren.

Die Crew der Marianne in ihrem Element: Benjamin Schaschek (links) alias Captain Ben Bart und Hannes Koch alias Smutje Hannes Hafenklang dirigierend in der Karibik.
Sailing Conductors Die Crew der Marianne in ihrem Element: Benjamin Schaschek (links) alias Captain Ben Bart und Hannes Koch alias Smutje Hannes Hafenklang dirigierend in der Karibik.

Im Sommer 2010 habe ich mit meinem Studien-Kumpel Ben beschlossen, innerhalb von einem Jahr von Australien nach Hause zu segeln. Auf dem Weg wollten wir Hunderte Musiker aus zwanzig Ländern auf drei Kontinenten aufnehmen und am Ende unsererReise ein großartiges Album veröffentlichen. Damals konnte ich noch überhaupt nicht segeln, hatte keinen Bart und kurz gesagt – keine Ahnung.

Einfach nach Hause zurücksegeln

Nach nun mehr als zweieinhalb Jahren sind wir immer noch unterwegs. Zwar schon in Land Nummer achtzehn auf Kontinent Nummer vier, doch vor uns liegen noch acht weitere Monate und eine zweite Atlantiküberquerung, obwohl wir eigentlich immer dicht unter Land segeln wollten. Von unserem geografischen Ziel sind wir also noch ein Stückchen weg, aber immerhin haben wir das Album schon veröffentlicht. Auf unserem eigenen Label sogar. Doch von vorne!Mit einer Müsli-Schale in der Hand fragte ich eines Morgens so ganz nebenbei meine Mutter, ob ich Maschinenbau oder Tontechnik studieren soll. Sie stand gerade im Bad und machte sich für die Arbeit zurecht. Ihr war durchaus bewusst, dass Tontechnik an der Privatuni die kostspieligere Angelegenheit war, doch sie meinte einfach, ich solle studieren, was mir Spaß macht. Also fing ich im Mai 2008 an der SAE in Berlin mein Studium zum Bachelor of Arts in Audio Production an. Ein Kurs von fünfzehn Menschen – dreizehn andere, Benni und ich. Oft mehr als sechzig Stunden die Woche verbrachten wir beide ein Jahr lang in den dunklen und muffigen Studioräumen. Dann ging Benni für das zweite Studienjahr nach Australien, reiste erst ein wenig durchs and und stellte bald fest, dass sein Studium nun länger dauern würde, als sein Rückflugticket gültig war. Ein neues Ticket kaufen kam für ihn nicht in Frage und eines Tages brachte ihn ein Segelboot am Strand von Sydney auf die Idee: Einfach zurücksegeln!

Piraten machten den Plan zunichte

Ich musste gar nicht erst lange überlegen, ob ich mitkommen würde. Die Berufsaussichtenwaren nicht gerade goldig und wenn ich jetzt nicht mal aus Deutschland rauskommen würde, dann nie. Den Eltern wurde zunächst ein „Australienbesuch“ vorgemogelt. Nacheinem halben Jahr Organisation, kurz vor Abreise, als Benni endlich ein passendes Boot im Internet gefunden hatte, verrieten wir erst den echten Plan. Glücklich waren sie, gelinde gesagt, natürlich nicht. Doch nach den überstandenen Sorgen der ersten dreiwöchigen Überfahrt von den Salomonischen Inseln nach Papua Neu-Guinea, wurden unsere Eltern schließlich zu unseren größten Fans. Geplant war auf kürzestem Wege durch den Suezkanalnach Hause zu segeln. Doch die Gefahr durch Piraten in Somalia war einfach zu groß und machte uns einen Strich durch die Rechnung. „Das kann doch einen echten Seemann nicht erschüttern!“, und so beschlossen wir, wenn wir schon das Kap der Guten Hoffnung umrunden müssen, dass wir von Afrika aus auch gleich noch nach Süd- und Nordamerika segeln könnten. Dann hätten wir wenigstens alle Kontinente zusammen. Unser Ziel war ja nichts weniger, als die Weltmusik zu revolutionieren. In der Praxis sieht das dann so aus, dass zum Beispiel ein Sänger mit seiner Gitarre einen Song spielt, den wir mit Mikrofonenund Kamera aufzeichnen. Das Equipment dazu ist komplett mobil und passt in zwei größere Rucksäcke. Diese Aufnahme schippern wir dann in das nächste Land, wo sich etwa ein Bassist über Kopfhörer den Song anhören kann und dann das Stück um seine Ideen erweitert. So spielen in einem Lied dann nach und nach immer mehr Musiker zusammen, die sich nie in ihrem Leben begegnet sind, da sie aus der ganzen Welt kommen. Weltmusik eben.

Albumproduktion von Kapstadt nach Rio

So etwa im Mai 2012 auf Sri Lanka hatten wir bereits so viele Perlen gesammelt, dass bei weiteren zweieinhalb Jahren unmöglich alles auf eine CD gepasst hätte. Da „seltsamer Weise“ noch keine Plattenfirma auf uns zugekommen war und unsere Musik veröffentlichen wollte, mussten wir das eben selbst in die Hand nehmen. „Wir gründen unser eigenes Label“ stand in Sri Lanka auf dem Plan. Dank meines Studiums wusste ich ja schon so ungefähr, worauf man sich da einlassen würde. Außerdem hatte ich bereits meine Bachelorarbeit aus der Ferne Australiens  abgegeben, da wird man doch auch eine Firma in Deutschland aus dem Ausland gründen können...

So produzierten wir mit Hilfe von Wind- und Solarenergie fleißig auf der 44-tägigen Atlantiküberquerung von Kapstadt nach Rio de Janeiro an unserem Album herum. Auf meinem Laptop wurden die fertig arrangierten Stücke schließlich gemischt. Der Titel der CD „AAA“ stand schon früh fest: Als thematische Rechtfertigung, warum wir denn jetzt schon ein Album herausbringen, sollte es nur Stücke enthalten, die auf unserer bisherigen Reise von Australien über Asien und Afrika aufgenommen wurden. In Rio angekommen, schickten wir das nun fast schon fertige Album digital nach Rostock zu meinem alten Gitarrenlehrer Kuzio. Der sollte dem Material bei der Nachproduktion den letzten Schliff geben. Ein wenig Angst hatte ich ja schon, was mein großes Vorbild zu unserer Arbeit sagen würde. Schließlich wurden die meisten Songs im Freien aufgenommen, am Strandvon Chennai, in den Bergen des Himalaya, auf dem höchsten Gebäude Thailands, unterZeitdruck, mit den billigsten Mikrofonen und rostigen Ständern. Da hört man eben auch mal Möwen kreischen, Züge hupen und Roller wegfahren.

Wenn ich dann daran denke, wie viele großartige Musiker und Menschen wir an den Stränden und Bars dieser Welt bisher schon getroffen haben! Den Songwriter AndrewJames aus Südafrika, den Geiger Davi Albuquerque aus Brasilien oder den Schneider in Bangkok, bei dem wir drei Wochen umsonst wohnen konnten. Dann weiß man wieder, warum wir um die Welt segeln mussten, nur um ein bisschen Musik aufzunehmen...