Nach dem Erdbeben:

Haiti will wieder Touristen anlocken

Seit dem schweren Erdbeben Mitte Januar liegt der Karibikstaat am Boden. Beim Wiederaufbau soll der Tourismus eine Schlüsselrolle spielen, doch eine Infrastruktur für Urlauber gibt es nicht.

Grandioser Ausblick: Die Zitadelle liegt auf dem fast 1000 Meter hohen Berg Chaine Bonnet l‘Eveque.
Haitian Ministry of Tourism Grandioser Ausblick: Die Zitadelle liegt auf dem fast 1000 Meter hohen Berg Chaine Bonnet l‘Eveque.

Dieser Ort hat Symbolkraft: Die Zitadelle bei Cap Haitïén ist von weither sichtbar. Auf dem 910 Meter hohen Gipfel des Berges Bonnet a L‘Eveque wurde sie mit meterdicken Mauern errichtet. Hunderte Kanonen sind über das grüne Land hinweg auf die Küste gerichtet. Sie sollten einst verhindern, dass die Franzosen zurückkommen und versuchen könnten, ihre 1804 unabhängig gewordene ehemalige Kolonie zurückzuerobern. Das geschah jedoch nie, und so wurde keine einzige der reich verzierten Kanonen jemals abgefeuert. An den Wochenenden kommen regelmäßig Hunderte von Nachfahren der aus Afrika stammenden Sklaven hierher, um den steilen Anstieg vorbei an der Ruine des Schlosses Sans-Souci auf sich zu nehmen. Bei einem Picknick genießen sie den Blick auf die Berge der Umgebung und vor allem auf das in Haiti selten gewordene Grün der Mangowälder und der Bananen- und Zuckerrohrplantagen.

Die Festung und die beeindruckenden Schlossruinen wurden einst unter dem selbst ernannten König Henry Christophe I. errichtet. Seit 1982 gehören sie zum Unesco-Welterbe. „Der Tourismus soll Initialzündung für die weitere Entwicklung im Norden Haitis werden“, sagt Broder Schütt, in sechster Generation deutscher Honorarkonsul in Cap Haitïén. Dorthin, fernab der im Januar von den Erdbeben zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince, kommen nun immer mehr Menschen, die nach Möglichkeiten suchen, den Tourismus anzukurbeln.

Doch vorläufig fehlt es an fast allem. Die Landstraße, die von Port-au-Prince herführt, ist über weite Strecken schwer befahrbar. An mehreren Stellen ist sie weggespült worden – Reisende müssen Umwege in Kauf nehmen.

Dass neben den wenigen Individualtouristen auch Gäste deutscher Reiseveranstalter hierher kommen, ist auch aus anderen Gründen derzeit nicht vorstellbar. Solange es die seit Jahren bestehende Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für Haiti gibt, werde kein Anbieter das Land in sein Programm nehmen, heißt es beim Branchenverband DRV in Berlin.

In Cap Haitïén gibt es einige kleine Hotels, die noch aus besseren Zeiten stammen, und eine Uferstraße mit Restaurants. Von Hafenanlagen zu sprechen, wäre
angesichts der Slums allerdings eine Übertreibung. Nur in der Nähe, am Strand Labadee, gibt es echten Tourismus, dort legen Kreuzfahrtschiffe an.

Aus einer anderen Richtung ist der Weg in den Norden Haitis einfacher: Die Grenze zur Dominikanischen Republik ist in gut 40 Minuten erreichbar, weil die Europäische Union eine moderne Straße nach Cap Haitïén hat bauen lassen. Jacmel an der Südküste ist dagegen von Port-au-Prince aus gut über eine asphaltierte Straße erreichbar. Derzeit behindern noch Erdrutsche, die von dem Beben ausgelöst wurden, eine ungehinderte Anreise. Auch Jacmel selbst, mit seinen Häusern im französischen Kolonialstil, ist beim Erdbeben schwer beschädigt worden. Doch die Stadt soll im Tourismus eine Erfolgsstory werden. „Jacmel kann ein malerisches französisches Städtchen in der Karibik werden“, glaubt der Chef der Staatsbank, Charles Castel. „Hier werden wir den Tourismus wiederbeleben.“