Kastelruth ist nicht nur für Schlagerfans eine Reise wert:

In Südtirol ticken die Uhren anders

Kastelruth kennt fast jeder. Das liegt angesichts von nur 6500 Einwohnern aber nicht an seiner Größe, sondern an den Kastelruther Spatzen, die hier zu Hause sind. Doch nicht nur für Schlagerfans lohnt sich der Besuch in der kleinen Gemeinde.

Die Heimat der Kastelruther Spatzen besticht mit einzigartiger Natur.
Seiser Alm Marketing/Clemens Zahn Die Heimat der Kastelruther Spatzen besticht mit einzigartiger Natur.

Nein, irgendwo anders leben möchte Norbert Rier nicht. „Hier bin ich daheim, und hier fühle ich mich wohl“, sagt der Frontmann der Kastelruther Spatzen. Rier ist nicht nur Sänger, sondern auch Bauer. Auf dem einsam gelegenen Fuschg-Hof züchtet er Vieh und Haflingerpferde. „Die Tiere sind meine große Liebe.“ Obst- und Weinbau, wie ihn die Nachbarbauern betreiben, haben ihn hingegen nie interessiert. Dabei würden auf seinen Böden Spitzenweine gedeihen. „Aber man muss im Leben seinen Leidenschaften folgen.“ Und das habe er getan: als Musiker und eben auch als Bauer.

Der Hauptort Kastelruth liegt etwas oberhalb von Riers Bauernhof auf etwa 1000 Höhenmetern. Das Ortsbild beherrscht der mächtige, frei stehende Turm der Pfarrkirche – mit über 80 Metern Höhe einer der höchsten Kirchtürme Südtirols. Zu seinen Füßen breitet sich der verkehrsfreie Ortskern aus. Kunstvoll bemalte Häuser säumen die Plätze und Gassen, Gastbetriebe und Geschäfte laden zum Besuch ein.

Zweimal im Jahr bevölkern die Massen den Ort. Wenn nämlich die Kastelruther Spatzen im Frühling zum Open-Air-Konzert und im Herbst zum Spatzenfest laden, kommen zehntausende Fans auf das Hochplateau über dem Eisacktal. Ansonsten geht es in dem Ort gemütlich zu. An Sonn- und Festtagen tragen viele Einwohner Tracht, im Dezember verbreitet der Christkindlmarkt eine heimelige Stimmung. Einzigartig ist im Winter die „Kastelruther Bauernhochzeit“, bei der Hochzeit wie früher gefeiert wird. Einen Blick zurück in die Geschichte eröffnen auch das Bauern- und das Schulmuseum.

Ruhe und Naturerlebnisse finden Urlauber auf der Seiser Alm. Auf etwa 1700 Metern Höhe gelegen ist sie die größte Hochalm Europas. Hier ist Norbert Rier oft anzutreffen, vor allem im Sommer, wenn er nach seinen Rindern und Pferden schaut. Er ist einer der vielen Bauern, die von Juni bis September ihr Vieh auf der Alm halten. „Hie und da unternehme ich auch eine Wanderung“, erzählt er. Die Seiser Alm ist als Wanderparadies bekannt, im Winter locken Pisten, Loipen und Winterwanderwege. Immer im Blick hat man dabei die Gipfel der Dolomiten, allen voran den wuchtigen Schlern, den Symbolberg der Südtiroler, und die mächtige, über 3000 Meter hohe Langkofelgruppe.

Holzschnitzhandwerk prägt das Tal seit Jahrhunderten

Der Langkofel ist der Hausberg des Grödentals. Dort wird ladinisch gesprochen, eine rätoromanische Sprache. Die Einheimischen nennen den Berg Saslonch. Zu dessen Füßen startet die Saslong-Abfahrt, auf der sich Jahr für Jahr die weltbesten Skiläufer messen. Neben dem Wintersport ist Gröden auch für seine Holzschnitzereien bekannt. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Bildhauer und Schnitzer wie hier, sagt man. Das Handwerk prägt seit 400 Jahren das Tal, und ebenso lange finden Grödner Kunstwerke aus Holz den Weg in alle Welt.

Freunde von Kunst und Kultur sollten auch am Grödner Taleingang Halt machen. Hier, wo wieder deutsch gesprochen wird, steht weit oben am Hang der Vogelweiderhof. Der Bauernhof aus dem 17. Jahrhundert – mit Fundamenten, die noch weit älter sind – gilt als Geburtsort von Walther von der Vogelweide. Zwar neigt die neuere Forschung zu der Annahme, dass der bekannte Minnesänger und Dichter des Mittelalters aus dem heutigen Niederösterreich stammte. Ganz aufgegeben hat man die Theorie über den Südtiroler Ursprung aber nicht.

Klausen war Treffpunkt für Europas Künstler

Unzweifelhaft belegt ist die lokale Verwurzelung eines anderen Minnesängers: Vom Vogelweiderhof aus lässt sich weit unten im Eisacktal zwischen Kastanienbäumen und Weinbergen die Trostburg ausmachen. Dort lebte im 15. Jahrhundert Oswald von Wolkenstein – 200 Jahre nach dem großen Walther. Hier und in der nahen Burg Hauenstein schrieb, komponierte und sang er, wenn er nicht gerade im Auftrag des Kaisers auf Reisen war – oder auf der Flucht vor Herzögen, Fürsten und Bischöfen.

Nur ein paar Kilometer nördlich der Trostburg liegt Klausen, ein Städtchen mit einem prächtigen mittelalterlichen Kern. Jahrhundertelang war die Stadt ein Treffpunkt für Künstler aus Europa. Auch Albrecht Dürer machte 1494 auf seiner Italienreise hier Halt und verewigte eine Ansicht Klausens in einem seiner Werke. Norbert Rier verbindet mit Klausen aber vor allem Kindheitserinnerungen: „Auf den Klausner Markt zu gehen und sich dort etwas zu kaufen, war für uns Kinder ein Höhepunkt im Jahr.“

Hoch über Klausen thront auf einem Felsen das Kloster Säben. Seit der Jungsteinzeit besiedelt, wurde Säben im 5. Jahrhundert der erste Bischofssitz Tirols, ehe er 400 Jahre später ins nahe Brixen verlegt wurde. Seit dem 16. Jahrhundert leben hier Benediktinerinnen und betreuen einen der ältesten Wallfahrtsorte Tirols, der nur zu Fuß erreichbar ist.

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