Istanbuler Eindrücke:

Interkontinentales und Alltägliches

Istanbul, in der Antike Konstantinopel genannt, kann auf eine dreitausendjährige Geschichte zurückblicken. Auf Entdeckungstour durch die türkische Metropole kann man neben Moscheen und Minaretten aber auch viel Neues entdecken.

Der Gezi-Park ist ein Treffpunkt für junge Familien. Hier kann man bis in den späten Abend spielende Kinder sehen.
F. Gutmann Der Gezi-Park ist ein Treffpunkt für junge Familien. Hier kann man bis in den späten Abend spielende Kinder sehen.

Wo startet man die Entdeckungsreise durch die 18 Millionen Metropole Istanbul mit unzähligen Sehenswürdigkeiten von Weltrang? Man macht sich zunächst ein Bild von den Schauplätzen, die im Frühsommer auch in Deutschland täglich in den Medien waren: von Taksim-Platz und Gezi-Park. Zwei recht unscheinbare Orte, die ihre Bekanntheit vor allem durch die Proteste der türkischen Bürger gegen die autoritäre Politik im Land und durch deren dramatische Entwicklung erhielten.

Der offensichtliche Wandel zwischen Tradition und Moderne lässt sich auch optisch wahrnehmen: in der Architektur, im Straßenbild oder in der Infrastruktur. Zum Beispiel bei der Fahrt mit der modernen, 2006 eingeweihten Standseilbahn „Füniküler“. Sie überwindet einen Höhenunterschied von knapp 75 Metern und braucht dafür 110 Sekunden. Während solch ein Verkehrsprojekt heute „normal“ zu sein scheint, war die Inbetriebnahme der ersten Standseilbahn Istanbuls „Tünel“ im Jahre 1875 noch eine Sensation.

Rundblicke auf eine faszinierende Metropole

Der nüchterne Taksim-Platz und der eher kleine Gezi-Park stehen an sich nicht auf den Top-Ten der Sehenswürdigkeiten Istanbuls, sind aber nicht nur aus aktuellem Grund ein geeigneter Startpunkt für eine Erkundung Istanbuls. Auf dem weitläufigen Taksim-Platz steht das Denkmal von Mustafa Kermal Atatürk und seinen Mitstreitern im türkischen Befreiungskampf und bei der Gründung des modernen türkischen Staates vor 90 Jahren.

Einen guten Überblick auf den Bosporus hat man vom Gezi-Park. Aber es gibt in der Stadt mit ihrer gigantischen Ausdehnung auf der europäischen und asiatischen Seite spektakulärere Aussichtspunkte. Zum Beispiel am Ende der extrem belebten Istiklal Caddesi, die Straße der Unabhängigkeit. Hier steht der Galataturm, das Wahrzeichen der Istanbuler Neustadt auf einem Plateau von 37 Meter Höhe. Der Turm selbst ist 70 Meter hoch. Hier ahnt man mit Blick auf das „Goldene Horn“, einer lang gestreckten Bucht, welch wechselvolle Geschichte in dieser nahezu 3000 Jahre alten Kommune stecken. Gegründet als griechische Kolonie mit dem Namen Byzantion, seit circa 300 als Konstantinopel und zwischenzeitliche Hauptstadt des Römischen Reiches sowie als Istanbul (erst seit 1930) hat die Stadt eine äußerst ungewöhnliche politische, wirtschaftliche und religiöse Chronik vorzuweisen. Das hängt natürlich auch mit ihrer Lage an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien zusammen.

Im Sammeltaxi von Asien nach Europa und zurück

Unkompliziert und dazu noch sehr kostengünstig kann man auf einer der vielen Fähren von einem Kontinent zum anderen gelangen. Auf der asiatischen Seite Istanbuls ist Kadiköy ein stark tangierter Fährhafen und gut geeignet, um in das Alltagsleben einzutauchen. Angesagt ist eine Fahrt mit einem „Dolmus“, einem Sammeltaxi für offiziell rund ein Dutzend Passagiere, die an Bedarfshaltestellen ein- und aussteigen.

Der Mann am Steuer fährt in der Regel sportlich bis rasant und macht dabei zusätzlich zig andere Dinge. Zum Beispiel kassieren. Die neuen Fahrgäste reichen die Münzen in dem übervollen Bus durch, das Wechselgeld geht von Hand zu Hand. Der Fahrer raucht, hupt und fährt in Lücken im dichten Straßenverkehr, die sich, so Allah will, schon irgendwie auftun werden. Es folgt ein längerer Fußweg auf Istanbuls Aussichts- und Hochzeitsberg mit einem weiten Blick auf die europäische Seite mit ihren unzähligen Moscheen, Minaretten, das Marmarameer und auf die Bosporusbrücke, auf der die Autos mehr stehen als fahren.

Die spektakuläre Verbindung zwischen den Kontinenten hat Jubiläum. Sie wurde 1973, also vor 40 Jahren eingeweiht. Es gibt inzwischen eine zweite Brücke, eine dritte ist im Bau. Aber auch sie wird nicht ausreichen, um die Verkehrsströme in Istanbul flüssiger zu machen. Und so hoffen die Stadtplaner auf den Erfolg eines Projektes, das am Nationalfeiertag, am 29. Oktober 2013, nach fast zehn Jahren Bauzeit eingeweiht wurde: Mit dem 56 Meter unter dem Bosporus verlaufenden Marmaray-Tunnel – in dem zunächst die S-Bahn verkehrt und ab 2015 auch der Fernverkehr – gibt es den ersten Transkontinental-Tunnel der Welt.

Historische Glanzlichter und Alltagsbegegnungen

Fähre, Auto, Zug sind letztlich sehr reizvolle, aber unspektakuläre Möglichkeiten, um von Europa nach Asien und zurückzukommen. Und zu Fuß? Das geht nur einmal im Jahr, wenn Mitte November der Istanbul-Marathon stattfindet und Tausende Freizeitläufer und Walker diese Möglichkeit nutzen.

Istanbul gehört zu den Weltstädten, bei denen die Gefahr besteht, dass der „Speicher“ des Besuchers bald voll ist: sprich die Aufnahmefähigkeit für all die Daten und Fakten nach Stunden nachlässt.

Eine hohe Dichte von historischen Glanzlichtern gibt es auf der europäischen Seite im Stadtteil Sultanahmet und in der westlichen Altstadt, u.a. mit weltberühmten Bauwerken. Die „Hagia Sophia“, die „Blaue Moschee“ oder die „Prinzenmoosche“ gehören ebenso zum Besucher-Muss, wie das Hippodrom oder die Yerebatan-Zisterne.

Istanbul gehört aber auch zu den Städten, die, wenn man in den Alltag „taucht“ wunderbar entspannend wirkt. Einfach, indem man über die Straßen und Plätze „bummelt“, den Betreibern mobiler Stände mit dem Angebot an selbst geformten Bonbons, an Granatapfelsaft, an gerösteten Esskastanien zusieht oder etwas probiert. Dazwischen toben Kinder.

Entspannend, aber auch spannend, können die Verführungsversuche der Ladenbesitzer sein, die mit der Ansage „nur Schauen, nichts kaufen“, so ein Geschick entwickeln, dass der Tourist zuletzt doch mit einer Ledertasche das Geschäft verlässt.

Und auch einen anderen „Trick“ kann man studieren, und so, wenn man will auf Englisch oder Deutsch ins Gespräch kommen. „Where do you come from?“ „Woher kommst du?“, fragen meist junge Männer, oft Studenten, die durch den Verkauf von Reisebüchern ihr Budget aufbessern. „Aus Deutschland“. Und dann stellt sich heraus, dass der junge Mann einen Onkel und eine Tante in Bochum oder Berlin hat.

 

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung