Das Ende der Katalogwand:

Reisebüros im neuen Design

Meterlange Katalogwände, Verkäufer, die sich hinter einem riesigen Bildschirm verstecken, die neuesten Angebote auf bunten Zetteln im Schaufenster: So sahen bislang fast alle Reisebüros aus. Doch das wird bald der Vergangenheit angehören.

Die Welt auf einen Blick: Auf einem großen Touchscreen können sich Reisebüro-Besucher bei Tui über ihren nächsten Urlaub informieren.
Jens Kalaene Die Welt auf einen Blick: Auf einem großen Touchscreen können sich Reisebüro-Besucher bei Tui über ihren nächsten Urlaub informieren.

Graue Loungesessel, eine riesige Glasfront, ein großer Touchpad-Tisch, eine Bar, an der Seite eine riesige LED-Wand: Auf den ersten Blick erinnert in den Räumen direkt am Gendarmenmarkt in Berlin wenig an ein Reisebüro. Man muss schon etwas genauer hinschauen: Etwas versteckt sind einige Reisekataloge zu sehen. In etwa so wie hier stellt sich Tui Deutschland das Reisebüro der Zukunft vor. Gerade werden Büros in der ganzen Republik umgebaut. Doch auch bei den anderen Ketten tut sich etwas: Der Touristik baut im großen Stil um, auch Thomas Cook hat Veränderungen angekündigt.

„Das klassische Reisebüro gefällt vielen nicht mehr“, sagt die Leiterin des Tui-Flaggship-Stores, Beate Arnold. „Das bietet oft nicht die ideale Atmosphäre, um über Urlaub zu sprechen. Da gibt es wenig Inspiration, die Einrichtung erinnert manchmal an die einer Behörde.“

Neu sind verschiedene Zonen innerhalb des Reisebüros: Da gibt es eine Leseecke mit Loungesesseln. Dort liegen Bücher bereit, in denen sich die Kunden Inspiration holen sollen. Die Bar ist für die eiligen Besucher gedacht, die nur mal eben was vorbeibringen oder eine kurze Frage klären wollen. Im hinteren Bereich gibt es Tische, an denen intensivere Gespräche geführt werden. Das Design soll eine Wohlfühlatmosphäre ausstrahlen. Nicht bei jedem kam das auf Anhieb an, erinnert sich Arnold. „Ein älterer Herr hat uns nach dem Einzug begrüßt: ‚Hier sieht’s ja aus wie im Dentallabor‘.“Insgesamt sei das Feedback aber sehr positiv.

Von Wohlfühl-Atmosphäre spricht auch Andreas Heimann, Geschäftsführer von Der Reisebüro, wenn man sich mit ihm über das Reisebüro der Zukunft unterhält – das in Wahrheit an vielen Orten schon Gegenwart ist. Von 500 Der-Reisebüros sind
250 bereits neu eingerichtet. Zusammen mit einem Architekten wurden drei verschiedene Modelle entworfen: „Basic“ in Gebieten mit schwächerer Einkommensstruktur, „Mainstream“ für die breite Zielgruppe der Mittelschicht und „Premium“.

Die Büros der drei Modelle sehen sich dann sehr ähnlich: Loungecharakter, Wartebereiche mit Hochcountern, statt Werbezetteln im Schaufenster Bildschirme, die am Tag auch ins Büro hinein gedreht werden können. Und auch hier: keine Katalogwände mehr. „Die haben wir komplett verbannt“, sagt Heimann. „Kataloge haben nicht gerade zum Buchen animiert, das sah teilweise doch ziemlich zusammengewürfelt aus.“ Ähnlich wie Tui hat auch Der Reisebüro mit seinen Büros fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht.

Mit Datenbrille schon mal auf Urlaub einstimmen

Dass hinter der Umgestaltung handfeste wirtschaftliche Gründe stecken, ist kein Geheimnis. Die Reisebüros kämpfen seit Jahren mit der Konkurrenz anderer Vertriebswege vor allem aus dem Internet. Ein besonderes Feature bietet Thomas Cook zunächst testweise in einigen Reisebüros.

Mit Virtual-Reality-Datenbrillen sollen die Kunden Eindrücke aus Urlaubsregionen und Hotels erhalten. Doch das ist nicht alles. Auch Thomas Cook will in den kommenden Jahren in den Büros Handwerker anrücken lassen. Im Sommer wird in Hamburg eine erste Filiale umgebaut – als Pilotstore bezeichnet sie Thomas Kloss, Leiter des Thomas-Cook-Eigenvertriebs. Bis 2016 folgen zehn weitere.

Der Reiseveranstalter Thomas Cook setzt dabei sowohl auf neues Mobiliar als auch auf technische Features. „Wir müssen den Kunden einfach etwas bieten, was sie zu Hause auf dem Sofa nicht bekommen.“

Bereits von außen können sich Kunden jetzt auf Touchscreens informieren und vor allem Inspiration suchen. Die Daten können in einer Art Warenkorb entweder an die eigene E-Mail-Adresse oder an den Berater im Büro geschickt werden. Auch im Inneren des Reisebüros soll es Inspiration und Information auf digitalem Weg geben. An sogenannten Comfort-Countern mit Barhockern liegen Tablet-PCs aus, die Mitarbeiter kommen mit Laptops auch in den Loungebereich. Die Technik muss passen, doch fast genauso wichtig sind in den Augen der Konzernverantwortlichen die Mitarbeiter. Deshalb setzen alle Konzerne auf deren Training.

Grundsätzlich halten auch Experten wie Torsten Kirstges von der Jade Hochschule Wilhelmshaven die Neugestaltung der Reisebüros für sinnvoll. „Es gibt nach wie vor viele Büros mit einem sehr verstaubten Image. Pappaufsteller wirken im Zweifel eher billig als werbewirksam.“ Doch Kirstges hat auch Zweifel: „Die große Gefahr ist, dass die einzelnen Büros völlig austauschbar werden. Auf Reisen selbst geschossene Fotos sind authentisch und zeigen dem Kunden, dass hier jemand sitzt, der sich auskennt.“ Wo nur noch austauschbare Flachbildschirme an der Wand hängen, könne Kundenbindung
verloren gehen.

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