Zwei Welten in Kalifornien:

USA-Reise mit Abstecher nach Mexiko

Zwei Welten prallen in Kalifornien aufeinander: San Diego und Tijuana. Eine Mauer trennt Arm und Reich. Trotz dieses Gegensatzes und der vielen Verbrechen ist die Region ein Magnet für Touristen. Dieter Dietzel weiß, warum.

Dieser Bogen schmückt die Stadt Tijuna.
Dieter Dietzel Dieser Bogen schmückt die Stadt Tijuna.

Mit hellem Surr-Ton fährt die rote Stadtbahn aus dem Bahnhof San Ysidro. Jetzt, am frühen Morgen, sind die Wagen voll. Zimmermädchen sitzen da –mit Beuteln, gefüllt mit Essen und Getränken für den Tag –, Mechaniker und Tankwarte, Müllfahrer, Hausangestellte, Pizzabäcker, Kellner.

Eben all das Personal, das eine so schöne, reiche und lebendige Metropole wie San Diego benötigt. Sie dösen vor sich hin, während der Zug der Blue Line längs der reizvollen San Diego Bay die zwei Dutzend Kilometer nach Norden fährt. Viele haben in der Innenstadt ihr Ziel erreicht. Andere steigen um in die Orange oder Green Line. Auch wegen der vielen Pendler hat sich die Großstadt im Süden des US-Staates Kalifornien mit dem Trolley eines der modernsten Stadtbahnsysteme der USA zugelegt.

Die meisten der Mitfahrenden morgens und abends sind Mexikaner. Sie kommen aus Tijuana im mexikanischen Bundesstaat Baja California – wie San Diego im US-Staat California – eine Millionenstadt. Zweimal täglich überschreiten sie die Grenze mit ihren an die deutsche Mauer erinnernden tristen Betonwänden und Drahtzäunen. Die haben sich inzwischen vom Pazifik aus weit durch die Wüste gen Tecate und Yuma, Richtung Osten, vorgefressen, um Elendsflüchtlinge vom Eintritt in das Gelobte Land abzuhalten.

Wer eine Arbeitserlaubnis für die USA hat, kann von Tijuana aus am Grenzübergang San Ysidro einen gesonderten Abfertigungsschalter benutzen. Was aber nicht bedeutet, dass er rasch vorankommt. Das hängt an dieser Nahtstelle zwischen Arm (fast die Hälfte der Mexikaner) und Reich immer vom täglichen Andrang ab.

US-Bürger sind in dieser Kategorie in der Minderheit. Wie jener Jim, den wir auf der Brücke, schon in Mexiko, nach dem Weg zum Bus in die Innenstadt fragen. „Hi, man“, sagt er in dieser US-üblichen Manier, „mein Appartement in Tijuana kostet monatlich 200 Dollar Miete, in San Diego hätte ich dafür 800 Dollar zu bezahlen.“ Was soll man zu diesem Argument sagen in einer Gesellschaft, die den Charakter eines Menschen weitgehend nach seinem Geldbeutel bemisst?

Andere US-Amerikaner fahren mit ihrem Auto, natürlich auch mexikanische Aufsteiger. Ein zweifelhaftes Vergnügen angesichts ständig überfüllter Fahrspuren an der Grenze und der Staus dahinter.

Einige Reisende suchen das Verbotene

Solange die Einreise in die USA dauert, so schnell erfolgt sie in Mexiko – es gibt kaum Grenzkontrollen. Touristen sollen Geld nach Tijuana bringen und schon mit ihrer Anwesenheit das Image der verrufenen Stadt aufpolieren. Lange stand sie für Verbrechen, Drogen, Sex; Prostitution ist legal. Amerikanische Teenager kommen in Scharen am Wochenende, um in einer der vielen Bars Bier und Drinks einzunehmen, die daheim tabu sind.

Matrosen der US-Navy – mehrere Flugzeugträger liegen an den Piers in San Diego – kommen gern ins rotlichtige Milieu nahe der Avenida Revolucion. Doch sie werden nun, nach allerlei üblen Vorkommnissen in der Vergangenheit, vor dem Ausgang aufgefordert, das Ansehen der Streitkräfte auch im Strip-Lokal in Ehren zu halten. Freilich, der unerfahrene Besucher hält sich bestimmten Distrikten besser fern, in denen ab und zu Menschen spurlos verschwinden.

Aus Angst verzichteten viele Touristen gänzlich auf einen Tijuana-Trip, nachdem das sogenannte Tijuana-Kartell (Drogen- und Waffenschmuggel) im Oktober 2008 im Fischrestaurant „Nuevo Durazo“ ein Blutbad angerichtet hatte. Erst im Juni 2014 gelang Polizei und Streitkräften ein spektakulärer Coup.

Während des WM-Spiels zwischen Mexiko und Kroatien wurde „El Ingeniero“ beim Fernsehen in Tijuana verhaftet. Auf den Kopf dieses Fernando Sánchez Arellano, damals Boss des Tijuana-Kartells, hatte der Generalstaatsanwalt 30 Millionen Peso ausgesetzt (1,7 Millionen Euro).

Nun können die US-Rentner die ihnen verordneten Arzneien wieder billig einkaufen und sich danach mit schmackhaften Tacos, Nachos oder Burritos in einem der Restaurants an den recht gepflegten Straßen kräftigen. Auch normale Touristen sind dort anzutreffen, schauen sich die Kathedrale an und das hübsche Theater, kaufen einen breitkrempigen Sombrero und eine Flasche Tequila – sie wollen ja daheim dokumentieren, in welch gefährliche Gegend sie sich gewagt hatten.

Benutzen sie den Trolley, steigen sie auf dem Rückweg meist an der Market Street aus. Wer das dort in der Nähe befindliche historische Gaslamp Quarter nicht gesehen hat, war – so wird es behauptet – nicht in San Diego. Es ist wohltuend saniert. Wohnhäuser mit Fassaden aus dem viktorianischen Zeitalter, dem Ende des 19. Jahrhunderts, geben ihm das Gepräge. Natürlich werden auch hier die Erdgeschosse beherrscht von den großen Handelsketten. Aber dazwischen finden sich Boutiquen, Restaurants und Cafés.

Wer den Einwohnern von San Diego am Wochenende folgt, landet im Balboa Park. Das ist eine großzügige Anlage mit schattigen Bäumen, unter denen sich Musiker, Eisverkäufer oder Souvenirhändler ein Stelldichein geben. Reich dekorierte Bauten im neuspanischen Stil, oft Kunstmuseen, laden zum Verweilen ein. Die meisten sind
100 Jahre alt und stammen aus der Zeit der Panama-Kalifornien-Exposition von 1915.

Hier drehten Monroe und Curtis einst gemeinsam

Ein anderes Bild bietet sich an der San Diego Bay – das Flair einer Schönen am Meer in einem begnadeten Klima. Dort mag man unter Palmen wandeln oder am Navy Pier eine riesige Kriegsmaschine besuchen, die heute Museum ist: den Flugzeugträger USS Midway. Von 1945 bis 1992 stand das Schiff in Diensten, den ganzen Kalten Krieg hindurch. Die 29 restaurierten Flugzeuge an Bord wurden meist im südlichen Kalifornien gebaut. Und sie waren beispielsweise im Zweiten Weltkrieg im Einsatz. Aber auch in den Kriegen in Korea und Vietnam und bei der Operation Desert Storm (Wüstensturm) 1991 gegen den Irak, in denen die USA zweifelhaften Ruhm ernteten.

Man wünschte sich, dass diese Zweifel auch auf den vielen Hundert jährlich an Bord stattfindenden Events angesprochen würden. Darunter sind Treffen von Veteranen, Vereidigungen von Rekruten, Führungen für Schüler. Wieder im Freien unter gleißender Sonne lassen sich japanische Touristinnen vor der Büste von Vizeadmiral Clifton A. F. Sprague fotografieren. Die von ihm kommandierten Verbände hatten ausgangs des Zweiten Weltkrieges den Japanern mächtig aufs Haupt geschlagen. Man kann die Fotos als späte Geste der Versöhnung begreifen, als Symbol für den Wunsch auf ein friedliches Miteinander. Ganz friedlich, abgesehen von einem Flugplatz der Navy in der Nordhälfte, geht es auf der schönen Halbinsel Coronado zu, die die San Diego Bay vom Pazifik trennt. Über die elegante Coronado-Brücke geht es in ein Ferienparadies mit zauberhaften Stränden, großartigen Villen, Gärten und Herbergen aller Art.

Eine der luxuriösesten ist das Hotel Del Coronado. Bis heute zehrt das 1888 errichtete rot-weiße Gebäude aus Holz von dem Ruhm des Jahres 1958. Damals wurde hier der Film „Manche mögen’s heiß“ gedreht. Oh, wie gern trinken viele Besucher ihren Kaffee an dem Ort, an dem die Film-Ikonen Marilyn Monroe, Jack Lemmon und Tony Curtis ihre Drehs absolvierten. Derweilen ist, ein paar Kilometer weiter, der Trolley auf der Blue Line unermüdlich im Einsatz. Tag um Tag.

Die Arbeitskräfte müssen heran, die unter anderem den heißen Kaffee für die Reicheren zubereiten. Tijuana und San Diego sind, im Kleinen, wie unsere Welt. In ihrem Zusammenhalt und auch in ihrer ganzen Zerrissenheit.

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