Wandern im Schweizer Nationalpark:

Wie ein Vogel im Wind in die Wildnis hinein

Vor 100 Jahren entstand in Graubünden das erste Naturschutzgebiet der Alpen. Bis heute ist der Schweizerische Nationalpark eine einzigartige Wildnisregion, in der Wanderer noch den ursprünglichen Charakter des Hochgebirges erleben können.

Auf dem Gipfel angekommen, macht sich ein Gefühl von Freiheit breit. Hier oben kann man auch Bartgeier beobachten, die seit 1991 wieder im Nationalpark angesiedelt sind.
Andrea Badrutt Auf dem Gipfel angekommen, macht sich ein Gefühl von Freiheit breit. Hier oben kann man auch Bartgeier beobachten, die seit 1991 wieder im Nationalpark angesiedelt sind.

Kein Feuer, keine Hunde, nicht baden. Die Liste der Verbote ist lang. Blumen pflücken ist tabu. Tiere füttern erst recht. Steine oder Holz sammeln ebenso. Nichts darf mit nach draußen genommen werden – abgesehen von den eigenen Picknick-Abfällen, das ist ein Muss. Zelten oder Fahrradfahren? Vergessen Sie es. Dennoch – oder besser: gerade deshalb – beginnt gleich hinter den Piktogrammen des Nichterlaubten an den Zugängen zum Schweizerischen Nationalpark (SNP) die Wildnis.„Und zwar echte Wildnis, so unberührt wie es nur irgend geht“, sagt Parkwächter Domenic Godly. „Von hier an wandert man in einer Naturlandschaft, die nahezu vollkommen sich selbst überlassen bleibt.“ Und das seit 100 Jahren. Gegründet wurde der erste und bislang einzige Nationalpark der Alpenregion mit der Schutzkategorie 1a – der höchsten der Weltnaturschutzunion (IUCN) – am 1.  August 1914.

Mit Glück kann man Steinböcke beobachten

Einige Monate zuvor hatte der Abgeordnete Walter Bissegger im Schweizerischen Parlament diese Frage gestellt: „Wollen wir für Tiere und Pflanzen eine Freistätte schaffen, aus der jeder menschliche Einfluss soweit immer möglich ausgeschlossen ist, in der keine Axt und kein Schuss mehr erklingt, kein Haustier mehr weiden darf?“ Die große Mehrheit der Abgeordneten stimmte mit Ja.

Heutige Wanderer profitieren von der Entschlusskraft der Altvorderen: Sie ziehen auf mindestens 1400 Metern Höhe durch das 170 Quadratkilometer große Areal, in dem abgestorbene Bäume vermodern, vorbei an wilden Flüssen voller Gestrüpp, an Hangwiesen mit Steinböcken statt Kühen, und an Lawinenresten, in denen manchmal noch Kadaver stecken.

Unbedingt ein Fernglas mitnehmen

Eine der wichtigsten Regeln im Park lautet: Niemals die markierten Wege verlassen. „Sonst wäre das hier bald nicht mehr wirklich eine Wildnis“, sagt Nationalpark-Direktor Heinrich Haller. „Die sensiblen Rothirsche zum Beispiel würden sich gestört fühlen, wenn Menschen die Wege verlassen. Die Tiere würden sich dann weit ins Dickicht zurückziehen und kaum noch zu sehen sein.“ Es gibt hier etwa 650 höhere Pflanzenarten. Traumhaft schön sind die Frühlingsblumen auf den Bergwiesen. Rothirsche und Murmeltiere kreuzen die Wege. Mit Glück und Fernglas sind Steinböcke zu beobachten, sie sind Graubündens Wappentier.

„Man sollte auch immer mal zum Himmel schauen“, empfiehlt Parkwächter Godly. „Unter unseren rund 100 Vogelarten gibt es einige besonders eindrucksvolle.“ Wie den einst ausgerotteten Bartgeier: Dessen Wiederansiedlung 1991 war einer der äußerst seltenen, aber wohlüberlegten Eingriffe in diese Wildnis, die sich dank der strengen Schutzregeln fast so entwickeln kann wie einst vor der Entstehung des Menschen.

www.nationalpark.ch

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