Skurriles aus Tirol:

Zum Lachen auf den Friedhof

„Hier schweigt Johanna Vogelsang, sie zwitscherte ein Leben lang“ – die skurrilen Inschriften auf dem Museumsfriedhof im Tiroler Kramsach lassen schmunzeln. Eine Kunstschmiedfamilie sammelt historische Grabkreuze aus dem Alpenraum und stellt sie auf dem „Friedhof ohne Tote“ aus.

Das Gläsle Schnaps wurde Josef Matt offensichtlich zum Verhängnis.
Martin Cyris Das Gläsle Schnaps wurde Josef Matt offensichtlich zum Verhängnis.

Ein stiller Herbstnachmittag im Unterinntal in Tirol. Friedhofsruhe im Örtchen Kramsach. Kein Sterbensgeräusch zu hören. Gelbgrüne Lärchen und weiß gepuderte Bergspitzen deuten auf den nahenden November hin. Dem Monat des tristen Graus. Aber auch dem Monat des Totengedenkens. An Allerheiligen und Totensonntag strömen die Menschen auf die Friedhöfe.

Ein Mann mit weißem Resthaar schreitet an schmiedeeisernen Kreuzen vorbei. Er wirkt in sich gekehrt. Er macht ein paar Schritte, dann kniet er nieder. Doch nicht etwa zum Gedenken an einen Verstorbenen. Nein, Hans Guggenberger klaubt ein paar dürre Zweige auf. Die hat der Wind von einer alten Eiche geweht. Nach der Putzaktion hat nun alles wieder seine Friedhofsordnung. Besser: Museumsfriedhofsordnung. Aufgestellt vom Chef, Hans Guggenberger.

Der letzte Gruß wurde im 18. Jahrhundert gereimt

Nicht in jedem Erdendasein ist freilich alles in bester Ordnung. Auch in den Alpen strauchelte im Lauf der Jahrhunderte so mancher durchs Leben. Oder segnete das Zeitliche durch ein Unglück. Wovon die rund 60 Inschriften auf dem historischen Schaufriedhof in Kramsach zeugen.

Einige kurz und bündig: „Aufigschtieg’n, obagfall’n, hin gwös’n“. Die meisten skurril und in Reimform: „Hier ruht der Brugger von Lechleithen, er starb an einem Blasenleiden, er war schon je ein schlechter Brunzer, drum bet für ihn ein Vaterunser“. Viele stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Gereimt und gemalt von so genannten Täfelemalern. Manche waren die einzigen ihrer Umgebung, die des Schreibens halbwegs mächtig waren.

Hans Guggenberger beobachtet die Mimik der Besucher. Und freut sich wie ein großer Lausbub über amüsierte Gesichter. Er ist Seniorchef eines Kunstschmied- und Steinmetzbetriebs für Grabmale. Sein Vater begann mit der Sammelei der Grabkreuze. „Weil ihm die alte Schmiedekunst zu schade war“, sagt Guggenberger. Nicht selten landen ausgediente, Jahrhunderte alte Kreuze im Altmetall. Oder verstauben auf Dachböden. Nachdem die Verträge auf den Gottesackern ausgelaufen sind und Familiengräber aufgelöst werden, weiß niemand so recht wohin mit ihnen.

So manche historischen Kreuze zu erhalten lohnt sich nicht nur wegen des teuren Schmiedehandwerks. Sondern auch weil sie zur Erheiterung der Lebenden beitragen. „Unter diesem Rasen liegt die versoffene Kupferschmied Nasen“ verrät etwa eine Inschrift, die ursprünglich den Friedhof in Jenbach/Tirol schmückte.

Auf einem anderen Kreuz prangt: „Hier liegt mein Weib Gott seis gedankt, oft hat sie mit mir gezankt. O lieber Wanderer geh gleich fort von hier, sonst steht sie auf und zankt mit Dir“. Wem entlockt soviel posthume Freimütigkeit – die Verstorbene konnte den Gatten anscheinend kreuzweise – nicht wenigstens ein Schmunzeln?

Doch die Inschriften regen auch zum Nachdenken an. Weil sie Einblicke in die Denkweise früherer Generationen geben. Und den kargen und mühevollen Alltag in den Bergen. Die Partnerwahl etwa erfolgte weniger aus romantischen Motiven. Eheleute fungierten als Teile von Zweckgemeinschaften, wovon folgender emotionsloser Spruch aus dem Oberinntal zeugt: „Es liegt begraben die ehrsame Jungfrau Nothburg Nindl, gestorben ist sie im siebzehnten Jahr just als sie zu brauchen war“.

Die kürzesten Lebensläufe auf Stein gemalt

Da bleibt einem das Lachen fast im Halse stecken. Wie auch beim – laut Guggenberger – Lieblingsspruch vieler Besucher: „Hier ruht Martin Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug“. Hans Guggenberger nennt solche Sprüche die „kürzesten Lebensläufe, die man sich vorstellen kann“. Daseins- und Wirkungsstätte des handgreiflichen Tiroler Organisten war die Ortschaft Wiesing.

Vom dortigen Friedhof kam das Memorial in die Hände der Familie Guggenberger – und im Laufe der letzten 50 Jahre rund 900 weitere. Die allermeisten lagern in einem Depot. In unrestauriertem Zustand. Das Aufpolieren ist aufwendig und teuer. Die wenigsten bekommt Guggenberger zudem umsonst. Für sein teuerstes hat er 4500 Euro berappt. Das Restaurieren hat ihn weitere 7000 Euro gekostet. „Ich hätte mir wahrscheinlich längst eine Yacht kaufen können“, sagt Hans Guggenberger. Ob er sein Hobby bereue? „Nein. Die Kreuze sind unsere Geschichte und Kultur. Eine Yacht aber säuft irgendwann ab.“ Was vielleicht halb so schlimm wäre, denn vermutlich hätte Guggenberger auch für Seebestattungen ein passendes Kreuz auf Lager.

Man muss nicht schweigen wie ein Grab

Säufer und Blasenschwache – Lachen ist dennoch erlaubt auf dem Museumsfriedhof. Man muss nicht schweigen wie ein Grab. „Hier liegen sowieso keine Toten begraben“, stellt Hans Guggenberger klar. Wohl gebe es gelegentlich Besucher, die sich über die vermeintliche Pietätlosigkeit der Zurschaustellung makabrer Grabkreuze mokierten. „Aber das sind Ausnahmen“, sagt er.

Ohnehin sei der Humor ein wichtiges Gegengewicht. „Den darf man nie verlieren“, mahnt Guggenberger. Auch in der Trauer. Hier hat er den Beistand der modernen Trauerforschung. Der renommierte amerikanische Forscher George A. Bonanno etwa resümiert in seinen Büchern, dass Verluste nicht in schier endloser Verarbeitung oder gar Depressionen enden müssen. Zu einem produktiven Verarbeitungsprozess gehöre Humor und Lachen.

Gerade die Tiroler Berge eignen sich dafür als Kulisse. Die Umgebung von Kramsach bietet reichlich irdische Ablenkung. Sterbenslangweilig ist jedenfalls anders. Der Ort gehört zum Tourismusverband Alpbachtal und Seenland. Das Alpbachtal ist zwar nicht ganz so prominent wie seine Nachbartäler. Doch Unverfälschtheit soll’s richten.

„Wir haben keine Starallüren“, sagt Michael Mairhofer vom Tourismusverband, „was die Gäste bei uns vorfinden ist authentisch.“ Ein Eindruck, der sich weitgehend bestätigt. Etwa bei einem Abstecher zum Kaiserhaus. In dem geschichtsträchtigen Forsthaus genoss schon Kaiser Franz Josef die Ruhe und Schönheit der Natur. Etwa in der nahen Kaiserklamm.

Neben der spektakulären Schlucht genießen die Gäste heutzutage vor allem die so genannte Prügeltorte. Eine regionale Spezialität, die im Kaiserhaus über offenem Feuer gebacken wird. „Wenn’s nichts wird krieg ich Prügel“, witzelt Hannes Larch, der Wirt. Der Name Prügeltorte stammt in Wahrheit von dem Holzpflock, auf den der flüssige Teig geträufelt wird.

Weltliche Genüsse leben auf im Alpbachtal, das erst 1926 eine asphaltierte Straße bekam. Einst abgehängt, hängen die Alpbachtaler heute andere ab. Etwa in der Kunst des Schnapsbrennens. Günter Kammerlander veredelt Äpfel, Marillen und sogar Heu zu exklusiven Bränden und Likören. Er ist außerdem einer der wenigen Edelbrandsommeliers Österreichs. Das Brennrecht wurde der Familie einst von Kaiserin Maria Theresia verliehen.

Oder in der Kunst des Bierbrauens. Josef „Jos“ Moser, ehemaliger Fernfahrer, beliefert mit seiner „Kristall Brauerei“ nur ausgesuchte Gastronomen und ein bekanntes Münchner Feinkostunternehmen. Nach einer Bierverkostung in seiner Ein-Mann-Brauerei in Inneralpbach möchte man kein 08/15-Supermarktbier mehr trinken. Ein Unterschied wie himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.

Hans Guggenberger ist als Steinmetz und Museumsfriedhofsdirektor permanent vom Thema Tod umgeben. Er habe es zwar nicht eilig, trotzdem habe er schon einen Reim verfasst, welcher eines Tages auf seinem Grabkreuz stehen soll. Er lautet: „Wanderer steh still und weine, hier ruhen meine Gebeine. Ich wollt’ es wären deine“.

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