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Kampfansage an die „Schneehölle“
Winterdienst. Zwölf-Stunden-Schichten sind seit Wochen bei den Mitarbeitern der Räumdienste an der Tagesordnung, um die Straßen befahrbar zu halten.
Von Veronika Müller
Ostvorpommern (vm). Schichtwechsel in der Kreisstraßenmeisterei Anklam: Es ist drei Uhr – während die Einen ihre Siebensachen packen und sich auf den Heimweg machen, werden die „Neuen“ vom Diensthabenden in ihre Bereiche eingewiesen. Robert Bull erklärt Jürgen Kock, was in den vergangenen zwölf Stunden auf den Kreisstraßen „gelaufen“ ist und wo es noch „klemmt“. Kock, der jetzt die Koordination übernimmt, nickt und schickt „seine“ Jungs nach wenigen Minuten auf Tour.
Oft sind die Kreisstraßen gerade noch so breit wie das Schiebeschild des Räumfahrzeugs – dann hilft nur millimetergenaues Fahren und Hoffen, dass kein Fahrzeug entgegenkommt. Fotos: Veronika Müller
Zu ihnen gehört Jürgen Lemke, der sich mit seinem 150-PS-starken Räumfahrzeug auf die Runde zwischen Klein Bünzow und Gützkow mit „Abstechern“ wie zum Beispiel über Schlatkow, Ramitzow, Daugzin, Menzlin, Schmatzin, Konsarges, Salchow, Ranzin und Dambeck aufmacht. Die Straßen sind eng und teilweise von bis zu drei Meter hohen Schneewänden regelrecht eingerahmt. „Das ist, als wenn man zwischen zwei Mauern hindurchfährt“, sagt Lemke und zeigt auf sein Schiebeschild, dass sich zentimeterbreit in eine diese Wand hineinfrisst und so die Straßen von Fahrt zu Fahrt ein wenig breiter werden lässt. „Das Dumme dabei ist nur, wenn die Schneewand höher als einen Meter ist, fliegt der ganze Kram hinter uns wieder auf die Straße.“
Lemke zuckt die Schultern – da helfe am Ende nur eine Fräse, Radlader oder Schleuder. Und wie auf Bestellung taucht aus dem Dunkel der Nacht einer der zahlreichen Radlader auf, die den „Kreisstraßenmeistern“ in diesen Tagen der Schneehölle als Partner unschätzbare Dienste leisten. „Jetzt wird wieder Platz für den Schnee, den wir von der Straße schieben.“ Denn der Radlader verfrachtet emsig wie eine Ameise riesige Schneeberge über die Bankette hinaus aufs freie Feld. Kurz darauf hält ein weiteres Räumfahrzeug hinter Lemkes riesigen Unimog: Kollege Björn Thoms ist in dieser Region ebenfalls auf Tour und muss jetzt eigentlich die Straße zwischen Dargezin und Kammin in Angriff nehmen. Jedoch ist sein Schiebeschild noch ein wenig breiter als das 3,50 Meter messende von Lemkes Unimog, und so fragt er: „Kannst du da für mich rein? Denn dort ist es verdammt eng.“
Ein schnelles Kopfnicken: „Geht klar!“ Und so wird noch ein „Abstecher“ in diese Schneeschlucht eingeschoben. Unterdessen weicht die schwarze Nacht dem heraufgrauenden Morgen. Erste Autos sind auf den Straßen unterwegs – langsam erwachen die Dörfer am Rande der Strecke. Nun heißt es erst recht: Aufpassen! Denn für zwei Fahrzeuge ist oft kein Platz auf den schmalen und streckenweise sehr kurvigen Straßen. „Die meisten Autofahrer sind inzwischen doch recht vernünftig und warten. Obwohl – einige, die nicht verstehen, dass sie am Ende schneller sind, wenn sie erst durchlassen, gibt es immer.“ Und auch jene, die ihren Pkw fast direkt am Fahrbahnrand parken: Ein Schwall von aufgewirbeltem Schnee, manchmal sogar vermischt mit Eisbrocken finden hier leichte Beute. „Manche lernen es nie“, schüttelt der gelernte Straßenwärter den Kopf. Mehr Verständnis hat er für den Ärger jener Leute, die gerade erst mühevoll ihre Auffahrt freigeschippt haben und dann mitansehen müssen, wie der Unimog sie quasi wieder mit einer Schneeschwelle fast verriegelt. „Das tut uns wirklich leid. Aber wenn wir jedesmal anhalten und das wieder beräumen würden – sähen die Straßen schlimm aus. Wir kämen einfach nicht mehr rum.“
Dann taucht plötzlich wie auf Bestellung Verstärkung auf: eine Schleuder. Sie „frisst“ die Schneewände regelrecht in sich hinein, um sie dann fast 20 Meter weit ins Gelände zu „spucken“. „Das ist gut so – ohne die vielen Partner, die uns in diesen verrückten Tagen unterstützen, würden wir das alles gar nicht schaffen“, nickt der 24-Jährige und macht sich mit Tempo 40-50 auf den Weg in Richtung Anklam. Seit mehr als sieben Stunden und fast 140 Kilometern ist der Tank seines Fahrzeugs nun fast leer.
Zeit, „nachzuladen“ und in der Zentrale vorbeizuschauen – vielleicht ist heute ja ein paar Stunden früher als sonst Schluss. Und es klappt: Denn die Kreisstraßen sind frei. Bis zum nächsten Schneetief…
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© Nordkurier.de am 11.03.2010

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