Leichtathletik:

Mit Husarenritt die gesamte Weltelite gefoppt

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass die SCN-Leichtathletinnen Sigrun Grau und Christine Wachtel bei den Olympischen Spielen von Seoul über 800 Meter Gold und Silber gewonnen haben. Für letztere gibt es jedoch einen Erfolg, den sie noch höher bewertet.

Qualifikation für die WM 1987:  Christine Wachtel (l.) (1:57,09 min) vor Sigrun Wodars (r.) (1:57,23 min).
Oberst, Klaus, Qualifikation für die WM 1987:  Christine Wachtel (l.) (1:57,09 min) vor Sigrun Wodars (r.) (1:57,23 min).

Sie stellte einen Junioren- sowie einen Hallenweltrekord über 800 Meter auf, verbesserte zudem den Weltrekord über 1000 Meter. Sie war dreifache Hallenweltmeisterin, Vize-Europameisterin (alles 800 Meter), WM-Dritte mit der 4x400-Meter Staffel und eben 1988 zu den Olympischen Sommerspielen von Seoul (Südkorea) hinter ihrer Vereinskameradin Sigrun Grau (beide SC Neubrandenburg) Olympiazweite geworden.

Schöne Erinnerung an den Lauf in Canberra

Dennoch erinnert sich Christine Wachtel gern an ein Rennen, das für sie noch überwältigender war. 1985 foppte die damals gerade 20-Jährige beim Weltcup-Finale im australischen Canberra im Schlussspurt die gesamte namhafte Konkurrenz. Die immer noch amtierende 800-Meter-Weltrekordlerin Jarmila Kratochvilova (Tschechoslowakei) sowie auch die Olympiasiegerin von 1980, Nadeshda Olisarenko (UdSSR), sahen auf den letzten 200 Metern nur noch die Hacken der Neubrandenburgerin, die heute mit einem Journalisten verheiratet ist und den Nachnamen Guth trägt.

„Ein gutes halbes Jahr zuvor, konnte ich allerdings nicht einen Schritt laufen“, erinnert sich die 48-Jährige ungern an diese traurige Zeit zurück. Ursache dafür waren schmerzhafte Rückenbeschwerden, die erstmals im Mai 1984 aufgetreten waren. Eine regelrechte Odyssee von Arztbesuchen folgte, das Leiden blieb. Die talentierte Mittelstrecklerin hatte die Hoffnung auf die Fortsetzung ihrer Karriere schon fast aufgegeben, da entdeckten die Mediziner einen kleinen Knochenspalt im Beckenbereich.

Für den Heilungsprozess war ein Gips-Korsett nötig

„Ob angeboren oder anderweitig entstanden, konnte mir niemand sagen“, erläutert die Mutter zweier Kinder. Für den Heilungsprozess war jedoch ein Gips-Korsett nötig – drei Monate lang Bettruhe. Auch noch zwei Monate danach, im Januar 1985, war an Lauftraining nicht zu denken.

Meistertrainer Walter Gladrow wusste wie so oft Rat. Der Coach ließ an einem alten, metallenen Bürostuhl längere Beine anschweißen und die vordere Querstrebe entfernen. Sein Schützling befestigte an den Fußgelenken Leder-Manschetten, an die Gummibänder angebracht werden konnten. Diese wiederum wurden dann zwei Meter entfernt an einer Sprossenwand fixiert. So konnte Christine Wachtel im Sitzen schmerzfrei durchaus anstrengende „Laufeinheiten“ gegen den Widerstand der elastischen Seile absolvieren. Und: Die Methode hatte Erfolg. Die Verletzung heilte aus. Von März an konnte die SCN-Leichtathletin wieder mit dem Lauftraining beginnen, die Form kam zurück. Dass der Weltcup „down under“ dann erst im Oktober stattfand, kam Trainer und Athletin zusätzlich zur Hilfe.

„Wenn das ein Bummelrennen wird und du dann irgendwann das Tempo anziehen willst“, hatte ihr Walter Gladrow noch kurz vor dem Start eingeschärft, „dann musst du das mit Karacho machen.“ Christine Wachtel setzte den Plan ab 600 Meter vorzüglich in die Tat um, bezwang dann mit diesem Affenzahn die so völlig überraschte Weltelite deutlich.

„Nach dem Dilemma vorher, dann so ein Sieg, das vergesse ich mein Leben lang nicht“, sagt sie heute mit einem Strahlen in den Augen und großer Dankbarkeit für Walter Gladrow.

Volles Vertrauen zu Trainer Gladrow

Zu ihrem Trainer hatte die Viertorestädterin ohnehin immer vollstes Vertrauen und großen Respekt zugleich. „Der war stets für uns da, nicht nur als gestrenger aber auch flexibler Coach bei jeder Trainingseinheit, sondern ebenso als einfühlsamer Mensch, wenn wir andere Probleme hatten“, verrät die heute im öffentlichen Dienst Beschäftigte. Auf die Tortur mit Vorlauf, Halbfinale und Entscheidung an drei aufeinander folgenden Tagen 1988 in Südkorea hatte Walter Gladrow seine Schützlinge mit besonderer Trainingshärte optimal vorbereitet. Im Olympiafinale ging der Gladrow-Express dann gleich von Anfang mit hohem Tempo in Führung. Bis zum Schluss konnte nur die Amerikanerin Kim Gallagher gerade noch so folgen und Dritte werden.

„Natürlich“, gibt Christine Guth zu, „habe ich viel aus dieser Zeit für mein heutiges Leben mitnehmen können. Ehrgeiz und Durchhaltevermögen sind geblieben. Und wenn man, wie wohl jeder Mensch irgendwann einmal, auf die Nase fällt, dann heißt es: Aufstehen, Abputzen und weiter. Und auch die Butter lasse ich mir seit dem nicht so schnell vom Brot nehmen.“

Zum eigenen Sporttreiben bleibe wenig Zeit, sagt sie, doch mit dem „Herzen“ sei immer noch voll dabei. „Die Leichtathletik-WM in Moskau im vergangenen Sommer habe ich natürlich mit großem Interesse verfolgt und mich auch über die Erfolge der deutschen Sportler gefreut“, gesteht sie.

Wundern kann sich Christine Guth allerdings immer wieder über die Kommentare einiger Athleten, die ihr Leistungsvermögen nicht ausschöpfen konnten. „Wenn wir früher angetreten sind“, betont sie klar, „wollten wir gewinnen und nicht nur dabei sein.“