Bundesligastart der Gewichtheber:

Neue Wege, hohe Ansprüche, große Ziele

Im bundesdeutschen Gewichthebersport beschreiten die „Eisenmänner“ aus Schwedt und Stralsund gemeinsam Neuland. Die Aktiven und das Management sprühen voller Optimismus. Am Sonnabend folgt die Feuertaufe in der 1. Bundesliga.

Der Schwedter Christian Rech ist nach einem längeren verletzungsbedigten Aus wieder auf dem Weg zu alter Stärke und bot sich bereits wieder für einen Start in der 1. Bundesliga an.
Carola Voigt Der Schwedter Christian Rech ist nach einem längeren verletzungsbedigten Aus wieder auf dem Weg zu alter Stärke und bot sich bereits wieder für einen Start in der 1. Bundesliga an.

Probleme in Sportvereinen – finanziell, materiell, personell –, das ist nichts Neues. Doch wenn es sich wie im Fall des TSV Blau-Weiß 65 Schwedt mit rund 2000 Mitgliedern um den größten Sportverein der Uckermark handelt, dann wird man schon aufmerksam, wenn dort von Problemen und Sorgen gesprochen wird. Schließlich ist er ein Verein, der nicht nur in der Oderstadt das Freizeitangebot an sich und das Sportangebot speziell mitbestimmt. Elf Abteilungen fungieren unter dem Dach des TSV Blau-Weiß 65. Dessen kleinste Abteilung ist Schach (10 Mitglieder), seine größte das Sport- und Gesundheitszentrum (rund 700 Mitglieder), seine an messbaren Erfolgen leistungsstärkste die der Gewichtheber. Angesichts des Personalmangels – die besten Kinder und Jugendlichen werden regelmäßig an die Sportschule Frankfurt/Oder delegiert und stehen dem Verein nur eingeschränkt zur Verfügung, die leistungsstarken Erwachsenen können oft aus beruflichen Gründen nicht im Verein bleiben – haben die Gewichtheber Neues geplant. Das nahm zielgerichtet sehr konkrete Züge an, wie jüngst eine Pressekonferenz des Vereins belegte. Thema: Kooperation mit dem TSV 1860 Stralsund. Ziel: Kontinuierliche Entwicklung des Gewichthebersports an beiden Standorten vom Nachwuchs bis hin zu den Erwachsenen. Projekt: Leistungsorientiertes Training und Start der stärksten Athleten in gemeinsamen Mannschaften in der 1. und 2. Bundesliga als Oder-Sund-Team – Leistungszentrum Nordost. Perspektive: Wiederbeleben des in Stralsund ziemlich am Boden liegenden, einst sehr erfolgreichen Gewichthebens; Übernahme Schwedter Erfahrungen bei der Findung und Führung von Talenten für diesen Sport. Basis: In Stralsund gibt es sehr gute materielle Voraussetzungen und einen noch immer intakten Sponsorenpool mit einem Sprecher der Sponsoren als Verbindungsperson zur sportlichen Basis. In Schwedt gibt es Trainer mit einem reichen Erfahrungsschatz und enger Einbindung in die leistungssportliche Entwicklung der Talente.

Zweites Team legte schon gute Punktezahl vor

Und all das nimmt nun konkrete Züge an. Erste Schritte: Ab kommendem Sonnabend startet das Oder-Sund-Team mit seiner ersten Vertretung in der 1. Bundesliga. Mit der anderen wurde der Start in der 2. Bundesliga bereits vollzogen. Beim AC Meißen verlor sie mit 531,8:563,2 Relativpunkten. Eine Niederlage, die das sehr junge Team aus dem Nordosten getrost als Planerfüllung abrechnen kann. Schließlich gab die Teamleitung um Roland Taubert für die Zukunft „500 plus x“ als Ziel aus. Das konnte bereits bei der Premiere deutlich überboten werden.

Für beide Oder-Sund-Teams (zusammen 15 bis 18 Sportler) gilt die klare Maßgabe: „Das sind keine Profisportler, die damit Geld verdienen“, so der als Teammanager fungierende Stralsunder Roland Lade (ein ehemaliger Schwedter). Mannschaftsleiter ist Roland Taubert, der die Schwedter schon in der 2. und 1. Bundesliga mehrere Jahre führte.

Neben der Zuversicht, die in den Vorständen beider Vereine dazu herrscht, identifizieren sich auch die Sportler mit diesem Gesamtvorhaben. Eik Lessing (Stralsund) und Christian Rech (Schwedt) bestätigten das unisono. Rech, der bis zu seiner Verletzung im vorigen Jahr einer der Leistungsträger des Schwedter Bundesligisten war, dazu: „Die Aktiven beider Vereine nahmen die Idee einer Kampfgemeinschaft Schwedt/Stralsund sehr positiv auf. Mich persönlich motiviert dies sehr. Die Planungen führen zu leistungsorientierter interner Konkurrenz, fördern so auch unsere Leistungen.“

Obwohl reich an Erfahrungen in der 1. Bundesliga, habe er keine Probleme damit, nun in der 2. Bundesliga zu starten und sich einen Platz in der Ersten noch erkämpfen zu müssen. In Meißen bestätigte er seine Kampfansage. Bei einer Zweikampfleistung von 293 kg brachte er als Bester seines Teams 105,8 kg in die Tageswertung ein. Wie seine Vorbildwirkung auf das Team ausstrahlte, belegte, dass vier weitere Mannschaftskameraden mit 88 bis 99 Punkten Rech in nichts nachstanden. Die 99-er Wertung erkämpfte Lisa Marie Schweizer (66 kg Reißen, 7 kg Stoßen), die sich damit, so Roland Taubert, „auch für künftige Einsätze in der 1. Bundesliga empfahl“. Und selbst der 16-jährige Tom Fischer (85 kg/110 kg) überzeugte. Seine 59 Punkte für das Team resultieren aus sechs gültigen Hebungen.

Weitere Leistungssteigerungen

Und Roland Taubert betonte, dass man in Zukunft mit weiteren Leistungssteigerungen von Tom Fischer rechnen kann. Auch der wieder erstarkte Mario Teichert (110 kg/145 kg/89 Punkte) ist seinem selbst formulierten Ziel – „künftige Einsätze im ersten Oder-Sund-Team“ – ein Stück nähergekommen.

Insofern scheinen die Oder-Sund-Heber voll auf Kurs zu sein. Und man darf gespannt sein, welche Punkte sie am kommenden Sonnabend einfahren. Roland Taubert wurde dazu sehr konkret: „Wir haben den deutschen Mannschaftsmeister Chemnitzer AC zu Gast. Da steht außer Zweifel, wer der Favorit ist. Für unser junges Team gelten zwar sehr anspruchsvolle, aber weit von Hirngespinnsten entfernte Ziele. Generell kann daraus nur resultieren, dass der Klassenerhalt oberste Priorität hat. 600 Punkte müssen kommen, 750 sind als Saisonbestleistung angestrebt. Aber wieso sollte es nicht schon viel früher einen Ausrutscher nach oben geben.“ Gegner wie Chemnitz oder Samswegen zu haben, werde besonders anspornen. „Daher ist unter den sechs Teams auch Platz vier ein Ziel, das ich unseren Leuten zutraue.“

Teammanager Roland Lade unterstrich: „Wir wollen mit unserem Projekt das absolute Leistungszentrum im Nordosten Deutschlands werden. Die Pflege einer langen Gewichthebertradition in Schwedt und Stralsund steht ebenso im Mittelpunkt wie die Systematik der Nachwuchsförderung. Die Basis dafür ist an beiden Standorten gegeben. Wir beschreiten mit dieser Form der Zusammenarbeit im Bund Deutscher Gewichtheber zwar neue Wege. Aber nun liegt es an uns selbst, was wir daraus machen. Doch da bin ich ganz optimistisch.“

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