Der Weg von Maske & Co an die Spitze:

Ost-Athleten zogen Boxen aus der Ritze

Nach der Wende veränderte sich auch radikal das Leben der Boxer im Osten. Und Sie befanden sich urplötzlich in der Rolle der Retter ihrer Sportart. 

Henry Maske (l.) mit Trainer Manfred Wolke nach einem siegreichen Kampf.
Archiv Henry Maske (l.) mit Trainer Manfred Wolke nach einem siegreichen Kampf.

Trainer Manfred Wolke, Olympiasieger 1968, kann sich an jede Sekunde des 
9. November erinnern: „Wir saßen mit etwa 300 Zuhörern in der proppenvollen Rathaus-Passage von Potsdam. Der damalige DFF-Reporter Dirk Thiele, heute ist er bei ‚eurosport‘, hatte uns zu einem Sportler-Forum, wie es damals hieß, eingeladen. Gegen 20 Uhr stürzte eine völlig verdatterte Kellnerin in den Saal und stotterte: ‚Die Mau, Mauer ist auf.‘ Innerhalb von zwei Minuten saßen wir nur noch mit drei Zuhörern im Saal.“

Auf der Rückfahrt nach Frankfurt erinnerten sich Trainer Wolke und Olympiasieger Henry Maske an ihre Gespräche während der WM in Manila. Ex-Schwergewichtler Axel Schulz schildert uns die damalige Situation: „Die WM war im Oktober. Henry hatte sich den Weltmeistergürtel geholt. In unserer Freizeit sahen wir im Fernsehen einige Profikämpfe. So boxen wie die Profis können wir auch, sagten wir uns. Da damals schon abzusehen war, dass sich irgendetwas in der DDR ändern könnte, waren wir uns einig: Wenn in absehbarer Zeit die Möglichkeit besteht, zu den Profis zu wechseln, wagen wir den Schritt.“

Die Medien im Osten fielen über ihn her

Nicht gleich am 9. November, aber noch im Dezember 1989 entschlossen sich Manfred Wolke und Henry Maske eine Profikarriere anzusteuern. „Ich hatte bei den Amateuren alles erreicht. Zweimal Europameister, Weltcupsieger, Weltmeister und Olympiasieger. Da war eine Profikarriere durchaus ein neues Ziel“, erinnert sich der heute 50-jährige Maske.

Der Wechsel war allerdings nicht ganz einfach. Die Medien im Osten fielen über ihn her. Die meisten Zeitungen schrieben „Maske lehnt Profikarriere ab.“ Nur in der „Jungen Welt“ war korrekt zu lesen: „Maske könnte sich eine Profikarriere vorstellen.“ In Frankfurt hieß es für das Duo Maske/Wolke an der ASK-Boxhalle: Kein Zutritt! „Profiboxen, nicht bei uns.“ Die beiden Boxer dachten nicht daran, das Handtuch zu werfen. Wolke traf sich im Januar 1990 im damaligen Westberlin zu einem ersten Gespräch mit Profi-Promotor Winfried Sauerland. „Es war schwer für mich ohne Halle, ohne Geräte und ohne Ring einen Profikampf vorzubereiten“, sagt Henry Maske.

Training in der Garage

Doch Wolke wusste Rat: Er räumte seine Garage aus. Später nutzten sie einen Teil der Ernst-Kamith-Halle. Das war ein umgebauter Lok-Schuppen. Es war eng und roch nach Schweiß. Die Duschen versprühten Wasser, das nicht immer warm war.

 Wolke zerstreute Bedenken seines Schützlings, dem mit dem Gedanken an die Profis schon mulmig war, ob er den richtigen Weg geht. Der Trainer pochte auf seinen Leitsatz: „Es immer gut voranzugehen.“ Wolke gab allerdings zu: „Es gehörte Mut dazu, in einer nun veränderten Sportwelt in die Boxszene einzusteigen, die im Westen weit unter null angesiedelt war. Wir hatten uns von vornherein die Aufgabe gestellt, den Boxsport durch unser Auftreten, aus dem Mief der Hamburger Ritze herauszuholen.“

In diesem Vorhaben wurde Henry Maske auch von Max Schmeling unterstützt. Dieser sagte damals, wie es in dem Buch „Ready to Rumble“ von Gunnar Meinhardt nachzulesen ist: „Seit ich Maske, den Axel Schulz und ihren Trainer Manfred Wolke kennengelernt habe, habe ich die Hoffnung, dass das deutsche Boxen wieder hoffähig wird wie zu meiner Zeit. Mit Maske wird sich vieles ändern. Durch ihn kommt der Boxsport zumindest gedanklich von St. Pauli weg. In Bumshäusern zu trainieren, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Dort gehört der Boxsport nicht hin.“ Mit solchen Gedanken kletterte Henry Maske am 7. Mai 1990 in London zu seinem ersten Profikampf in den Ring.

Ossi“ Maske lockte 18 Millionen Zuschauer an TV-Geräte

Es dauerte nicht lange und der im brandenburgischen Treuenbrietzen geborene Henry hatte seine beiden Kampfnamen weg: „Der Gentleman“ und „Sir Henry“. Als RTL die ersten WM-Kämpfe Maskes übertrug, blieb Promotor Wilfried Sauerland der Mund vor Staunen offen. Der „Ossi“ Maske hatte 18 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme gelockt. „Kurz vor der Einheit wollte ich aus dem Boxgeschäft aussteigen. Ich bin froh, dass ich dabei geblieben bin“, gesteht Wilfried Sauerland heute und gibt ehrlich zu: „Die Boxer aus dem Osten haben das Boxen in Deutschland gerettet.“ Maske ist das lebende Beispiel dafür, dass, wer in der DDR fleißig gelernt hatte, im vereinten Deutschland durchaus seine Chance wahrnehmen konnte.

In der Oderstadt Frankfurt waren Axel Schulz und die May-Brüder dem Beispiel Maskes gefolgt. Trainer-Oldie Ulli Wegner verkündet immer wieder gern: „Wir Boxer sind nicht mit leeren Händen in die Einheit gegangen. Wir haben Weltklasseboxer und Spitzentrainer mitgebracht. Davon hat das Boxen in Deutschland in den vergangenen 25 Jahren bis zum heutigen Tag profitiert.“ Die Weltmeister wie Markus Beyer, Sven Ottke, Arthur Abraham, Marko Huck und Yuan Pablo Hernandez oder der Olympiazweite Otkai Urkal sind lebende Beweise.

Haudegen Fritz Sdunek kann das bestätigen: „Ich habe von der Wende profitiert und konnte bei den Profis eine Traumkarriere hinlegen. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass mir dieser Aufstieg nur gelingen konnte, weil ich in der DDR dafür die theoretischen Grundlagen erworben hatte.“ Sdunek blieb nach dem Mauerfall zunächst in Schwerin und trainierte weiter die Jungs vom SC Traktor.

Sdunek: "Ich griff in den Wirren 1990 sofort zu"

Damals hatte der DBV beschlossen, dass bei den Bundesliga-Mannschaften jeweils drei Boxer aus dem Osten mitmischen durften. „Wir verstärkten die Staffel von Flensburg. Bei einem Bundesliga-Kampf unterbreiteten die Leverkusener mir das Angebot, dort einen Trainer-Job zu übernehmen. Ich griff in den Wirren 1990 sofort zu.“

Allerdings handelte es sich nur um eine halbe Planstelle. Kein Problem: „Ich hatte in Greifswald eine Ingenieur-Ausbildung mit der Spezialstrecke Schweißen abgeschlossen. Also wurde ich als Ingenieur für die Kontrolle der Schweißarbeiten und als Trainer in Leverkusen eingestellt.“ Dazu trainierte er als Nationaltrainer noch die Holländer.

In jener Zeit war Ulli Wegner zum Bundestrainer berufen worden: „Das war ein Glück für mich. Ich nagte als Honorartrainer praktisch am Hungertuch. Meine Frau ernährte unsere Familie mit ihrem Lehrergehalt. Nach einem komplizierten Jahr ging es aufwärts. Heute sehe ich mich als Wendegewinner, der mit einem Wissensfundament aus der DDR ins vereinte Deutschland kam.“

Für Fritz Sdunek endete die Amateurzeit 1994: „Dariusz Michalczewski rief mich aus Hamburg an. ‚Trainer, du musst nach Hamburg kommen, wenn es mit dem Universum-Boxstall etwas werden soll. Die haben hier alle keine Ahnung von richtigem Training.‘ Also ging ich nach Hamburg und erlebte einen unglaublichen Aufstieg. Ich führte Boxer in über 120 Titelkämpfe, formte 14 Weltmeister und betreute anderthalb Jahrzehnte Vitali Klitschko.“ Mehr geht nicht. Dazu holte der „alte Fritz“ einstige Weltklasseboxer und ausgebildete Trainer wie Michael Timm und Torsten Schmitz in die Boxszene zurück.

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