Demografie auf dem Land:

Dörfer basteln sich neue Einwohner einfach selbst

Ausgestorbene Dörfer, wenn alle zur Arbeit oder in der Schule sind? Fehlanzeige. In Densow und Annenwalde tummelt sich seit einigen Tagen allerhand buntes Volk am Straßenrand. Die Neubürger haben aber alle nur Stroh im Kopf.

Solch ein Gewimmel möcht` ich sehn: Diese lustige Truppe hat sich neben der Kirche in Annenwalde versammelt.
Birgit Bruck Solch ein Gewimmel möcht` ich sehn: Diese lustige Truppe hat sich neben der Kirche in Annenwalde versammelt.

Das Paar sitzt an der Bushaltestelle. Seit Tagen schon. Nicht, weil die Verkehrsgesellschaft den Templiner Ortsteil endgültig abgehängt hat. Die Busse fahren und sie halten auch. Doch die Fahrer können noch so ungeduldig blicken, das stadtfein gemachte Paar bleibt sitzen. Das mag am Stroh in ihren Köpfen liegen. Aber das sieht man erst bei genauerem Hinsehen. Auch die Frau ein paar Gartenzäune weiter, roter Pullover, die kunstlederne Handtasche lässig über dem Arm, bewegt sich nicht von der Stelle. Auch sie hat nur Stroh im Kopf. Durchfahrende Autofahrer treten verdutzt auf die Bremse.

Wenn in Orten wie Densow am helllichten Tag Menschen in Straßennähe zu sehen sind, heißt das normalerweise Blitzeralarm. Aber die handelnden Personen in diesem Fall wären blau gekleidet. Und sie hätten den in sich zusammengesunkenen Treckerfahrer, der mit allerlei Leergut vor seinem Gefährt am Ortseingang herumliegt, vermutlich auch schon entsorgt. Paar an Bushaltestelle. Frau an Zaun. Treckerfahrer am Straßenrand. Familie mit Trainingshose und Kittelschürze. Sieben Menschen auf der Straße, obwohl heute nicht der Tag ist, an dem der Bäckerwagen kommt? Seltsam.

Anderthalb Kilometer weiter kommt es noch dicker. Bunte Menschen auf der Parkbank. Am anderen Ortsende Tête-à-Tête einer rothaarigen Feuerwehrfrau in einem kurzen Rock und einem Herrn, in, ja – GST-Uniform? Behängt mit allerlei Orden längst vergangener Zeiten. Auch die Annenwalder sind offensichtlich gut gelaunt. Aber auch bewegen sich keinen Millimeter. Und auf neugierige Fragen, was denn diese ungewohnten Aufläufe zu bedeuten haben, ist trotz mehrfacher Versuche keine Antwort zu bekommen. Also Anruf beim Ortsvorsteher Oliver Sajons. „Auch wenn manchmal das Bild vermittelt wird, dass unsere Dörfer aussterben – es ist eben nicht so“, lacht er. Natürlich freue sich der Ortsteil, zu dem neben Densow und Annenwalde auch Alt und Neu Placht gehören, wenn die rund 200 Einwohner Zuwachs bekommen. Auch wenn für die „Neubürger“ mit den Strohköpfen vermutlich keine Schlüsselzuweisungen zu erwarten sind. Immerhin sind sie ein Hingucker und werden bis zum 7. September für Verblüffung sorgen. Dann werden sie sich beim Erntefest in Annenwalde unter die Massen mischen.

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