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Spagat zwischen Moderne und Denkmalschutz

Es war Liebe auf den ersten Blick, sagen Enrico Krüger (41) und Diana Krüger-Stessun (39), obwohl Außenstehende kaum verstehen dürften, was die beiden so ...

Mit Liebe zum Detail wurde die alte Tür in der Puschkinstraße von der Firma Jähnke aufgearbeitet.  FOTOs (2): Sigrid Werner

Es war Liebe auf den ersten Blick, sagen Enrico Krüger (41) und Diana Krüger-Stessun (39), obwohl Außenstehende kaum verstehen dürften, was die beiden so schwach machte. Denn das Objekt der Begierde war nur von herber Schönheit, so wie es sich darbot nach jahrzehntelangem Verfall. Mit tiefen Runzeln, Schmutz von Jahrhunderten in allen Poren, krumm und schief, man hätte meinen können, dem Tode geweiht. So bot sich das alte Fachwerkhaus in der Puschkinstraße 21 noch vor knapp drei Jahren dar. Eines der ältesten Häuser in der historischen Altstadt von Templin, das gleich nach dem großen Stadtbrand von 1735 errichtet worden war.
Der Steuerberater und die Betriebsprüferin, Letztere gebürtige Templinerin, seit mehr als 20 Jahren ein Paar, wollten gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Endlich nicht mehr Miete zahlen müssen für eigene Geschäftsräume, das Büro mitten in der Stadt, mit ausreichend Kundenparkplätzen auf dem Hof. Gleichzeitig davon träumend, sich ein eigenes kleines Denkmal zu schaffen. Ein Jahr dauerte es, bis das Objekt der Begierde endlich von ihnen erworben werden konnte. Gerade noch rechtzeitig, um auch Städtebaufördermittel für die Sanierung des denkmalgeschützten Hauses akquirieren zu können.

„Denn ohnedem wäre eine solch aufwendige Sanierung finanziell kaum darstellbar“, sagt Enrico Krüger rückblickend. Dass die beiden jungen Bauherren die historisch alte Fassade erhalten wollten, mit roten Dachziegeln gut leben konnten, darüber gab es keine Diskussion. Doch der Teufel – gerade beim Denkmalschutz – liegt bekanntlich im Detail. Um es vorwegzunehmen: „Die Zusammenarbeit mit dem Städtebausanierer BSG mbH, dem Denkmalschutz, den Verantwortlichen der Stadt, den Baufirmen, uns und unserem Planer Martin Bochmann lief super“, betont Diana Krüger-Stessun. Stets würden sie wieder auf die Templiner Partner wie Grafe Bau, JKM, Strempel, Langfellner, Meller, Dallchow, Templiner Dachdecker GmbH und SGT Steinmetz setzen. Alles lief Hand in Hand und stets mit Weitsicht für das nächste Gewerk, schwärmen sie.
Dennoch stießen die Bauherren während der Bauzeit auf so manche unliebsame Überraschung und mancher Kompromiss musste gefunden werden, um Praktikabilität und Finanzierbarkeit auf der einen und Denkmalschutzwünsche auf der anderen Seite unter einen Hut zu bringen. „Das neue Dach liegt jetzt auf einem alten Dachstuhl“, nennt Enrico Krüger einige Details. Die Bauherren sollten mehr als 50 Prozent des alten Dachstuhls erhalten, obwohl ihnen die meisten Balken bereits entgegen rieselten. Aufwendige Holzschutzbehandlungen waren nötig. Aber auch Fachwerk, Holzfenster, Giebel und Tür sollten am neuen Haus möglichst originalgetreu für die Nachwelt bewahrt bleiben. Die Firma Jähnke nahm sich mit Meisterschaft der alten Eingangstür an, die restaurierte Originalrosette wurde wieder aufgesetzt. Die alte Fachwerkfassade wurde saniert, einige Balken erhalten, andere ersetzt – und dahinter eine neue Mauer nach heutigen Standards gezogen. Die Archäologen waren zu Gange.

„Sie haben eine alte Hofeinfahrt unterm Haus, ein paar Tassen und Teller geortet. Der Kriechkeller wurde zugeschüttet. Nach einem Tag waren die Archäologen fertig“, atmet Enrico Krüger auf. Überraschungen gab es auch am Giebel zum Nachbarn. Aus der Lehmwand rieselten den Bauarbeitern Getreidekörner entgegen. „Das Haus stand schon ziemlich schräg, an manchen Stellen konnten wir mit dem Finger zum Nachbar durchbohren“, erzählt Enrico Krüger. Ständig musste irgendwas abgestützt werden. Planer Martin Bochmann konnte erst wieder richtig schlafen, als der Rohbau stand, drohte doch die alte Fassade auf die Straße zu stürzen. Bei Abbrucharbeiten eines Nebengelasses krabbelten Hunderte Käfer hervor und suchten das Weite – leider im Seniorenheim, bedauern die Bauherren und danken für das Verständnis für die Unannehmlichkeiten. „Die Bewohner und Nachbarn waren alle sehr geduldig, trotz Staub und Lärm“, so Diana Krüger-Stessun.

Aber auch so manchen interessanten Fund machten die neuen Eigentümer in ihrem alten Haus: Sie fanden alte Liebesbriefe, DDR-Lohnzettel, Schreiben an NVA-Soldaten und alte Zeitungen von 1928 bis 1929, mit denen Wände beklebt waren. „Vielleicht entsteht daraus mal eine Collage zur Erinnerung“, sagt Diana Krüger-Stessun. Denn die beiden jungen Templiner haben zwar das alte Antlitz des Hauses bewahrt, im Innern ist die Moderne eingekehrt. 153 Quadratmeter Büro und eine Vier-Raum-Wohnung über zwei Etagen sind entstanden, stabil und preisgünstig beheizt über eine Luft-Wärme-Pumpe. Der pflegeleichte Fußboden im Hausflur besteht aus klein gehauenem verklebten Marmor. Stahlträger, gerade Linien und hell verputzte Wände bestimmen das Ambiente im Innern. Dezent gehaltene Glasschilder und der separate Briefkasten vor der Eingangstür sind Kompromisse mit dem Denkmalschutz. Denn gefunden werden müssen die Geschäftsleute in der Innenstadt ja auch noch.