Diskussion um brisanten Dokumentarfilm:

Wie geht es für jugendliche Straftäter weiter nach der Haft?

Der Film "Nach Wriezen" begleitet drei junge Männer nach ihrer Haftverbüßung. Einer von ihnen ist Marcel. Er wurde vor zehn Jahren für den brutalen Mord in Potzlow verurteilt, der bundesweit Schlagzeilen machte. Doch die Dokumentation wirft viele Fragen auf.

Imo sehnte sich nach der Haftentlassung nach einem ganz normalen Leben. Er sitzt wieder hinter Gittern.
Agentur Imo sehnte sich nach der Haftentlassung nach einem ganz normalen Leben. Er sitzt wieder hinter Gittern.

„Ich war der kleine Dorfgangster. So richtig kriminelle Energie habe ich erst im Knast bekommen.“ Jano ist 17, als er aus dem Gefängnis kommt. Er geht zurück in die brandenburgische Provinz und ist sofort wieder drin in seinem Leben. „Ich hatte Wünsche und Träume. Zum Beispiel, schnell Geld zu machen. Nur, dass ich dabei nicht an Arbeit gedacht habe.“ Der Drogendealer ist einer von drei jungen Männern, die Regisseur Daniel Abma in seinem Dokumentarfilm „Nach Wriezen“ am Tag ihrer Entlassung aus der Justizvollzuganstalt und über die folgenden drei Jahre begleitete. Jano, der am Filmende wegen seiner Dealereien wieder hinter Gittern saß, verdient sein Geld heute als Maschinist. Knast müsse schon sein, sagt er, aber nur kurz. „Wer da als junger Mensch mal drin war, will doch nie wieder rein. Aber dazu darf er sich nicht dran gewöhnen. Nach ner Weile ist das wie ein besseres Jugendcamp.“

Dann ist da noch Imo, damals 22, dem nicht nur seine Aggressionen, sondern auch jede andere Gefühlsregung sofort aus dem Gesicht abzulesen sind. Der dritte im Bunde ist Marcel, zum Zeitpunkt seiner Haftentlassung 25 Jahre alt, der 2003 für den Mord am 16-jährigen Marinus aus Potzlow zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Der Film zeigt keine Erfolgsgeschichte

Die Dokumentation nahm die Zuschauer im Multikulturellen Centrum Templin (MKC) am Mittwochabend mit in eine weitgehend unbekannte Gefühlswelt. Der junge Filmemacher schafft eine Nähe, die bewegt und an einigen Stellen fast weh tut. Denn hier wird keine Erfolgsgeschichte erzählt. Daniel Abma, der vor seinem Filmstudium zwei Jahre an der JVA Wriezen als Sozialpädagoge arbeitete, will mit seinem inzwischen preisgekrönten Streifen abseits von Statistiken die Frage beleuchten, warum so viele jugendliche Strafgefangene den Neuanfang nicht schaffen. Dieser Frage stellten sich im Anschluss an den Film neben dem Regisseur auch Justizminister Volkmar Schöneburg und Jano.

Das neue Leben der drei jungen Männer beginnt am Bahnhof von Wriezen, wo sie alle mit den gleichen Wünschen in ihr neues Leben starten:  Arbeitsstelle,  Wohnung,  Freundin.  Imo, der die Kamera gar nicht wahrzunehmen scheint, versucht sich auf einem Reifenhof in einer Baracke eine, seine Wohnung zu bauen. Er erhält Unterstützung von einem väterlichen Freund, der ihn versteht, mit ihm Klartext redet und ihn akzeptiert.

Für Imo, das ehemalige Heimkind, ist jede Art von Kontrolle und Bevormundung eine Herausforderung, an der er meist scheitert. Er schmeißt eine Jugendamtsmitarbeiterin raus und will, ja kann sich auch später den Bedingungen, die der Staat ihm und der jungen Mutter für den Umgang mit seinem Baby stellt, nicht unterwerfen. Er ist Vater einer Tochter. Die jungen Eltern geben schließlich auf und ihre Tochter Stella zur Adoption frei.

Das war, so erzählt Daniel Abma nach dem Film, eine Situation, in der er seine Rolle als Filmemacher verließ und wieder in die des Sozialarbeiters schlüpfte. Doch auch seine Telefonate änderten nichts. Imo ist wieder straffällig geworden und sitzt derzeit im Gefängnis. Ein Weg, den fast 70 Prozent der jugendlichen Straftäter irgendwann nach der Haftentlassung gehen. Von denen, die keine abgeschlossene Ausbildung haben, sind es sogar neun von zehn. Der Justizminister nennt nicht nur diese Zahlen, sondern betont, dass es ohne mehr Betreuung, ohne Ausbildung und Arbeit auch nicht funktionieren kann. Neben seiner politischen Verantwortung, für diese Probleme langfristig Lösungen zu entwickeln, ist Volkmar Schöneburg mit diesem Film übrigens auf besondere Weise verbunden. Er war der Strafverteidiger von Marcel im Mordprozess.

Die Kumpels von früher „haben durchgehalten“

Marcel, der als 17-Jähriger in Potzlow den fast gleichaltrigen Marius umgebracht hat, gibt sich vor der Kamera distanziert. Er lässt selten durchblicken, wie es in ihm aussieht. Es gelingt ihm aber doch – in einer fast verstörenden Beiläufigkeit – auf die Tat vom Sommer 2002 zu sprechen zu kommen. Marcel schippt Erde, als er, seltsam unbeteiligt, die knappen Fragen des Regisseur beantwortet. Ja, er liegt manchmal wach, weil ihm das Geschehene wieder in den Kopf kommt. Und ja, es tut ihm leid. Aber er kann es nicht ungeschehen machen. Auch Marcel wird Vater einer Tochter. Und dann kommt sie, diese Szene in der Küche, die am allerletzten Drehtag entstand. In einer Atmosphäre, als ob die letzte Klappe schon gefallen ist. Ob seine Kumpels von damals noch in der rechten Szene seien, fragt die Stimme aus dem Off. „Ja, sind sie. Die haben durchgehalten.“ Im Zuschauersaal ist es mucksmäuschenstill.

 

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