37 Jahre nach Absturz:

Fischer fangen DDR-Schleudersitz

Die Ueckermünder Fischer haben allerhand in ihren Netzen. Doch was Matthias Schulz diesmal fand, hat ihn in Erstaunen versetzt.

Etwas über 20 Kilogramm hat der Schleudersitz auf die Waage gebracht.
Lutz Storbeck Etwas über 20 Kilogramm hat der Schleudersitz auf die Waage gebracht.

So einen Fang hat Fischer Matthias Schulz auch nicht alle Tage in seinem Netz. Der Mann von der Fischereigenossenschaft Haffküste war mit seinem achtjährigen Sohn Hannes auf das Haff gefahren. „Da hatte ich plötzlich einen Hacker“, sagt der Fischer. Das ist nicht etwa ein ganz besonderer Fisch – so sagt der Fischer, wenn sich sein Netz verhakt.

Doch es war kein Hacker, es war etwas anderes. Was da als dicker Brocken angelandet wurde, entpuppte sich als ein mit Muscheln bewachsenes Metallteil; ins Netz gegangen etwa zwei Kilometer vom Ufer entfernt, unterhalb von Dargen auf Usedom, in etwa viereinhalb Meter Tiefe. Das seltsame Fundstück hat Matthias Schulz dann in sein Boot gehievt und mit an Land genommen. Im Fischereihafen konnte das Fundstück dann auch von den Fischerkollegen ausgiebiger in Augenschein genommen werden. Und dabei stellte sich heraus: es ist ein Teil von einem Flugzeug, genauer: ein Schleudersitz.

Flugzeug war eine sowjetische MiG 15 UTI

Möglicherweise ist das ein Überbleibsel von einem Absturz, der sich im Jahr 1976 über dem Haff ereignet hat. Uwe Zabel, der Chef des Eggesiner Armeemuseums, ist nahezu sicher, dass der Sitz aus diesem Flugzeug stammt. „So viel ich weiß, ist das der einzige Absturz nach 1945 gewesen“, sagt Zabel. Ihn hatten die Fischer nach dem Fund angerufen, und deshalb ist der Sitz nicht auf dem Müll oder Schrotthaufen gelandet. „Der wird sauber gemacht, bekommt einen Platz bei uns im Museum“, sagt Zabel.

Zum Absturz finden sich im Internet Erinnerungen ehemaliger Flieger der Nationalen Volksarmee (NVA). Ereignet hat sich der Absturz am 13. Mai 1976, einem Donnerstag. Bei dem Flugzeug handelte es sich um eine sowjetische MiG 15 UTI. Dieses Düsenstrahlflugzeug war eine zweisitzige Version, die unter anderem zu Ausbildungszwecken eingesetzt worden ist. Die MiG gehörte zu einem Jagdbombenfliegergeschwader, das damals auf dem Flugplatz Garz bei Heringsdorf stationiert war.

Das Flugzeug schlug im Oderhaff ein

An jenem Unglückstag überflogen die beiden Piloten, Oberleutnant Gerald Funke undHauptmann Thomas Rüffer, die Start- und Landebahn und die Vorstartlinie, „und zwar quer zur Start-/Landerichtung nach Süden im Tiefflug. Es war nicht ungewöhnlich, dass die Wetterflieger auch einmal abwichen, sodass sich niemand etwas dabei dachte. Ungewöhnlich war jedoch das relativ leise Triebwerksgeräusch“, heißt es in Augenzeugenberichten. Die beiden Piloten waren zu einem Wetterflug unterwegs.

An jenem Maitag aber war der Flug schon nach kurzer Zeit beendet. „Kaum war die Maschine über dem Oderhaff, katapultierten sich beide Piloten hinaus“, heißt es in den Berichten. Dabei handelten die Piloten besonnen, indem „sie die Maschine mit ausgefallenem Triebwerk noch bis zum Oderhaff brachten, ohne die Inselbevölkerung durch einen vorzeitigen Ausstieg zu gefährden. Das Flugzeug schlug im Oderhaff ein – und wegen der geringen Tiefe des Haffs bis auf den Grund durch. Die Maschine konnte relativ schnell geborgen werden, war jedoch trotzdem bis zur Unkenntlichkeit zerstört“, heißt es weiter.

War die 1959 in Dienst gestellt Maschine einfach zu alt?

Was aber hatte zum Treibwerkschaden und zum Absturz der Maschine geführt? War die 1959 in Dienst gestellt Maschine einfach zu alt? Oder hatten die Piloten versagt? Aus den Unterlagen geht hervor, dass die Maschine ein in Bulgarien überholtes Triebwerk hatte. Offensichtlich war ein Bauteil nicht ordentlich installiert worden.

Wie das damals genau war mit dem Absturz und dem Notausstieg per Schleudersitz, der kann das auch nachlesen. Thomas Rüffer, einer der beiden Piloten, hat ein Buch mit dem Titel „Flugbuch“ geschrieben, in dem dies beschrieben wird. Das kann auch dazu beitragen, sich mit den zu DDR-Zeiten totgeschwiegenen Flugunfällen zu befassen – denn davon gab es etliche.