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Hilfe beim Weg zurück ins Leben

VonLutz StorbeckEs war ein Schicksalsschlag. Diese Worte sagen sich so leicht. Doch oftmals ist so ein Schlag dermaßen schwer, dass er ein Leben von Grund ...

Rebecca Hübner und Familie Viestenz kennen einander schon seit einiger Zeit. Die junge Fachfrau ist aber für die Belliner Familie weit mehr als lediglich Logopädin. Sie nimmt sich Zeit für die Sorgen und Nöte der Familie. [KT_CREDIT] FOTO: L. Storbeck.

VonLutz Storbeck

Es war ein Schicksalsschlag. Diese Worte sagen sich so leicht. Doch oftmals ist so ein Schlag dermaßen schwer, dass er ein Leben von Grund auf verändert. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es war. Sagt Harald Viestenz, dessen Ehefrau Simone vor etwas mehr als einem Jahr einen Schlaganfall erlitten hat.

Bellin.Von heute auf morgen hat sich im Leben der Familie Viestenz aus Bellin alles verändert. Gerade noch hatte Simone Viestenz ihren Geburtstag gefeiert, da erlitt die Bellinerin einen so schweren Schlaganfall, dass sie in Greifswald notoperiert werden musste, ins künstliche Koma versetzt wurde und anschließend, bis zum Juni 2012, in einer Reha-Klinik in Greifswald wieder auf den Weg ins Leben geführt wurde. Ganz klar, dass Ehemann Harald Viestenz seitdem seiner Frau rund um die Uhr zur Verfügung steht. „Es ist ein 24-Stunden-Job“, sagt er.
Zunächst ließ sich das auch verhältnismäßig gut mit seiner Arbeit als Außendienstmitarbeiter der hessischen Firma Technolit GmbH Großenlüder vereinbaren. Sagt der Belliner. „Nach dem Pflegezeitgesetz ist es möglich, zur Pflege eines nahen Angehörigen eine sechsmonatige unbezahlte Freistellung in Anspruch zu nehmen“, erklärt er. Das habe er getan – mit der Option, im Jahr 2013 wieder mit der Arbeit in seiner Firma anzufangen. „Doch meine Frau war da noch nicht soweit“, sagt Harald Viestenz. Darum wollte er auf der Basis des Familienpflegzeitgesetzes beim Arbeitgeber eine Arbeitszeitreduzierung erwirken. „Ich hatte mir das so vorgestellt, dass ich zwei Tage in der Woche arbeite und den Rest von zu Hause aus erledige, Kundenbetreuung und so weiter“, sagt der Belliner.
Doch bei den Vorstellungen ist es geblieben, denn das Familienpflegezeitgesetz ist so etwas wie eine „Kann-Bestimmung“. Was bedeutet: der Belliner hat keinen Rechtsanspruch auf eine solche Regelung. Das war offensichtlich auch der Firma bekannt, die sich nicht auf die Teilzeit-Variante einlassen wollte und deshalb Harald Viestenz gekündigt hat. Nach zehn Jahren Arbeit für das Unternehmen. Das ist für den Mann ein weiterer herber Schlag gewesen.
„Warum hat man es nicht einfach mal probiert. Wenn’s nicht geklappt hätte, dann wäre bestimmt auch eine andere Variante möglich gewesen“, sagt der Belliner. Was ihn bei der Sache ärgert, ist der Umstand, dass eben jene hessische Firma Technolit vor nicht allzu langer Zeit den „Großen Preis des Mittelstandes“ des Landes Hessen erhalten hat – unter anderem dafür, dass es ein familienfreundliches Unternehmen ist, sagt Viestenz mit unverkennbarer Ironie.
„Es wird schwierig, etwas Neues zu finden“, ist sich der 51-Jährige bewusst, der arbeiten will, aber so einen Job sucht, in dem er sich ausreichend um seine Frau kümmern kann.
Eine große Hilfe wäre es, sagt Harald Viestenz, wenn das Ehepaar wenigstens ab und an aus jener Isolation könnte, in die es seit dem Schlaganfall immer weiter hineingeraten ist. „Es ist schon so, dass sich Freunde, Bekannte zurückziehen. Manche haben wahrscheinlich Berührungsängste“, sagt der Belliner. Er fände es deshalb gut, wenn sich in der Region Leute zusammenfinden, die entweder selbst so einen Schicksalsschlag erlitten haben oder aber ihre Angehörigen pflegen.
„Es gibt zwar so eine Gruppe in Züssow, aber das ist zu weit weg“, sagt der Belliner. Der Austausch mit anderen wäre wichtig, vielleicht auch nur mal eine Runde, in der offen über das Thema geredet wird, auch die Rolle der Angehörigen, die pflegen, in den Mittelpunkt gerückt wird. Was Simone und Harald Viestenz nicht brauchen, ist Mitleid. „Aber Verständnis für unsere ganz spezielle Situation“, sagt der Belliner. Der Krankheitsfall hat seinen Blick geschärft. „Viele Sachen in Ueckermünde sind zum Beispiel nicht rollstuhlgerecht. Das hat man früher nicht so gesehen. Und das regt mich jetzt auf“, beschreibt der Belliner.
Es gibt aber durchaus auch Dinge, die dem Ehepaar Viestenz den beschwerlichen Alltag etwas leichter machen.
Dazu gehört das, was Logopädin Rebecca Hübner für Simone Viestenz leistet. Seit fast einem Jahr kommt die 23-Jährige zu der Belliner Familie, jeweils dienstags und donnerstags, um mit der Hausherrin Sprachübungen zu machen.
Doch die junge Frau tut weit mehr für die Familie, lobt Harald Viestenz. Sie lässt sich Zeit, spricht mit beiden, und das wirkt sich auf den langsamen Genesungsprozess von Simone Viestenz positiv aus. Das ist auch spürbar. „Es ist ein Wunder, was sie in der Zeit alles geschafft hat – sie ist die Patientin mit den besten Leistungen“, sagt die Logopädin. Rebecca Hübner freut sich zum Beispiel darüber, dass die Bellinerin ihre deutliche Abneigung gegen Medien – Fernsehen, Radio, Internet – nach und nach abgebaut hat. Und sich nun sogar mit dem eReader beschäftigt, einem Gerät, mit dem man fast wie in einem Buch lesen kann. Dass die beiden Frauen sich gut verstehen, ist auch zu sehen. Wenn die Logopädin spricht, dann geht ein kleines Leuchten über das Gesicht von Simone Viestenz.
Auch die medizinische Betreuung seiner Frau in Ueckermünde, sagt Harald Viestenz, sei bemerkenswert. Nach ein paar Nach-Justierungen klappt es nun zum Beispiel mit der Krankengymnastik sehr gut. „Herr Döring, der Therapeut, macht das klasse“, lobt der Belliner. Mittlerweile könne seine Frau trotz ihrer rechtsseitigen Lähmung schon ganz gut mit der Vier-Punkt-Stütze laufen. Es sind zwar nur kleine Schritte, aber sie machen Hoffnung. Auch die anderen Fachleute aus der Hausarztpraxis und dem Zentrum für Altersmedizin im Schäferweg leisten hervorragende Arbeit, sind sich die Eheleute einig.
Weil es die Familie wie ein Blitz aus heiterem Himmel erwischt hat, schneidet der Belliner noch das Thema Vorsorgevollmacht an. „Da sollte man sich rechtzeitig drum kümmern, denn es kann jeden jederzeit treffen“, sagt er. Und spricht da nicht nur aus eigner Erfahrung, denn auch andere, die er kennt, haben erfahren müssen, dass so eine Vollmacht sehr, sehr wichtig ist.
Nun wünscht sich Harald Viestenz, dass es seiner Frau schnell besser gehen möge. Wie weit das klappt, kann niemand sagen. Auch die Mediziner halten sich mit Prognosen zurück. Am Willen, selbst etwas dafür zu tun, scheitert das bei Simone Viestenz aber garantiert nicht.

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