Unfall auf Usedom:

Tragischer Tod, furchtbarer Verdacht

Vor einem halben Jahr starb Danilo Sennewald auf einer Karnevals-Feier in Ückeritz. Der 26-Jährige ertrank im Achterwasser – er war betrunken, sagt die Polizei. Doch jetzt meldet sich seine Mutter zu Wort: Sie glaubt, dass ihr Sohn mit K.O.-Tropfen vergiftet wurde.

Danilo und seine Freundin am Strand auf Usedom.
privat Danilo und seine Freundin am Strand auf Usedom: Alles war glänzend in Danilos Leben, sein Job bei einer Computer-Firma brachte gutes Geld, demnächst sollte er Junior-Chef werden, die Rede war von Familiengründung. Doch dazu kam es nicht.

Nichts kann den Schmerz einer Mutter stillen, die ihren Sohn verloren hat. Anja Sennewald muss ständig an Danilo denken, ihren Sohn, der im Februar auf Usedom starb. Ertrunken oder erfroren ist der 26-Jährige im Schilf des Achterwassers, einen Tag lang haben sie nach ihm gesucht. Danilo lebte in Berlin, aber seine Freundin kam von der Insel – die beiden feierten Karneval in Ückeritz.

Der Tod des eigenen Kindes ist eine furchtbare Tragödie, die mehr als ein Leben zerstören kann. Danilos Mutter will sich trotzdem weiter ihrem Alltag stellen, die Geschäftsfrau aus Mühlhausen in Thüringen kämpft tapfer gegen den Schmerz. „Natürlich ist das sehr anstrengend, aber Danilo hätte nicht gewollt, dass ich aufhöre, zu leben“, sagt sie.

Die Rede war von Familiengründung

Und doch: Der schreckliche Tod von Danilo beherrscht seitdem ihr Leben. Danilo verließ mitten in der Nacht die Feier, er hatte viel getrunken, übergab sich vor der Tür der Ostseehalle. Anschließend lief er in die Nacht, in seine letzte. Einige Stunden dürfte er noch umhergelaufen sein, dann brach er ins Eis ein. Soweit ist der Fall klar. Aber es gibt ein paar Fragen, die seine Mutter und auch Danilos Freundin nicht loslassen.

Warum verlässt ihr Junge, party-erfahren und trinkfest, einfach so die Feier und läuft durch die Gegend? „Das passt nicht zu ihm“, sagt die Mutter: „Er war doch so verantwortungsbewusst.“ Früher, in der Pubertät, da wusste sie manchmal nicht, was später mal aus Danilo werden würde. „Aber in den letzten Jahren hatte er sich so solide entwickelt.“ Er arbeitete bei einer Computer-Firma in Berlin, verdiente gutes Geld, sollte demnächst Junior-Chef werden, hätte auf Usedom leben können, mit seiner Freundin. Die Rede war von Familiengründung.

Ein Foto zeigt ihn mit seiner Freundin am Strand. Man sieht das Glück, ahnt die gemeinsame Zukunft. Auf einem anderen Bild sieht man Danilo zwischen Mutter und Bruder stehen, er legt den Arm um beide: „Er wollte uns immer beschützen, schon als kleiner Junge“, sagt die Mutter. Dass er sich bis zur Bewusstlosigkeit betrinkt, einfach so, das passt nicht zu ihm. Das sagt auch seine Freundin: „Wir haben schon viel zusammen gefeiert und er hat auch immer was getrunken“, erzählt sie.

Waren hier auch andere Substanzen im Spiel?

Aber was in der Nacht auf der Karnevalsfeier in Ückeritz passiert ist, das finden beide, lässt sich nicht nur mit Alkohol erklären. Sicher, der Alkohol hat schon viele verwandelt. Aber waren hier womöglich noch andere Substanzen im Spiel? Genommen hat er nichts, sagt die Freundin. Aber hat er womöglich etwas bekommen? K.O.-Tropfen sind auch in Vorpommern durchaus schon aufgetaucht – doch sie nachzuweisen, ist schwierig.

Vor allem, wenn die Behörden von Anfang an nicht daran glauben. Und genau das war der Fall, nachdem Danilo, über 24 Stunden nach seinem Verschwinden, tot im Eis gefunden wurde. „Wir haben nie den Eindruck gehabt, dass die Polizei uns ernst nimmt“, sagt Danilos Mutter.

Das ging gleich nach dem Fund von Danilo los. Zuerst wollten die Behörden ihren Jungen nicht einmal obduzieren. Die Obduktion sei zu teuer, hieß es von den Beamten. Als Danilo dann doch obduziert wurde, weil die Mutter darauf bestand, war er schon eine Woche tot. Manche Giftstoffe verflüchtigen sich während dieser Zeit. Der Gerichtsmediziner sagt: Wäre er sofort zur Unglücksstelle gerufen worden, hätte er ganz anders untersuchen können. Die Obduktionsergebnisse sind ohnehin: Geheimsache.

Es gibt Zeugen, doch die Aussagen sind unbekannt

Später erzählten Danilos Mutter und seine Freundin den Beamten von ihrem Verdacht. „Da hat der Ermittler gesagt, auf Usedom gebe es keine Drogen und schon gar keine K.O.-Tropfen“, erzählt Danilos Mutter. Die Polizei bestreitet heute, dass ein Ermittler so etwas sagt. Was die Kriminalpolizei in Anklam außerdem sagt: Die Untersuchungen wurden am 24. Juli an die Stralsunder Staatsanwaltschaft übergeben. Womit sich die Kriminalisten über fünf Monate lang beschäftigten? Unter Verschluss.

Die Staatsanwaltschaft wiederum mag sich zu dem schwebenden Verfahren auch nicht so recht äußern. Ihr Sprecher, Ralf Lechte, lässt allerdings wissen: „Die Akte ist zurzeit an eine andere Kriminalpolizeidienststelle außerhalb des Landes verschickt, die noch weitere Zeugen vernimmt.“ Zeugen gibt es also – doch ihre Aussagen sind unbekannt.

„Wir möchten jetzt die Öffentlichkeit um Hilfe bitten“, sagt Danilos Mutter, auch im Namen von Danilos Freundin: „Wir suchen Fotos aus der Nacht und wir fragen uns, ob es noch weitere Menschen gibt, denen es auf der Feier plötzlich schlecht ging.“ Die gibt es offenbar tatsächlich. Mindestens eine Party-Besucherin soll sich inzwischen bei der Polizei gemeldet und ausgesagt haben, dass auch sie glaubt, auf der Party K.O.-Tropfen verabreicht bekommen zu haben.

„Wer auch immer das getan hat“, sagt Danilos Mutter: „Ich bin mir sicher, dass er meinen Sohn nicht umbringen wollte. Aber jetzt will ich, dass er weiß, was er angerichtet hat. Und dass er sich meldet.“ Sie hat einen Brief an den Täter geschrieben. Ob das realistisch ist? Wohl eher nicht, gibt auch Anja Sennewald zu: „Aber wenn Danilos Tod wenigstens dazu führt, dass sich ein paar Leute Gedanken machen – dann ist wenigstens etwas erreicht.“

Anja Sennewald ist fest davon überzeugt: Ihr Sohn starb durch Fremdeinwirkung. Ihr Mutterherz diktierte ihr diesen offenen Brief, mit dem sie sich an den Verursacher dieser Tragödie wendet:

"Was geschah am 17. Februar in Ückeritz wirklich? An diesem Tag starb mein Sohn Danilo ganz einsam und völlig entkräftet im Schilf bei Ückeritz. Durch Dich ist er einfach so erfroren. Durch Dich wurde sein junges Leben einfach so beendet. Er durfte gerade mal 26 Jahre alt werden. Durch Dich ist das Leben seiner Familie zerstört, die Liebe, das Glück und die Freude sind mit ihm gestorben. Ich weiß, dass Du meinen Danilo nicht töten wolltest. Aber Du hast es getan. Auch wenn Dich kein weltliches Gericht zur Rechenschaft ziehen wird: Du musst bis zum Ende Deines Lebens mit dieser Schuld leben! Nur ich, die Mutter, die Danilo das Leben geschenkt hat, kann Dich von dieser Last befreien. Melde Dich bei mir, sag mir, wie das geschehen konnte - bitte mich um Vergebung."

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