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| Johnson-Orte: Das Wiekhaus 21 in Neubrandenburg, die Skulptur vorm John-Brinckman-Gymnasium Güstrow mit Bildhauer Wieland Förster und das Literaturhaus in Klütz. Fotos: Bernd Lasdin, dpa, pr |
Literatur. Zum 25. Todes- und 75. Geburtstag des Schriftstellers
Uwe Johnson stehen in diesem Jahr vor allem deutsch-deutsche Themen
im Fokus.
Von Susanne Schulz
Neubrandenburg. Es war ihm zuwider, als „Dichter des geteilten Deutschland“ oder „Dichter beider Deutschland“ etikettiert zu werden. Aber gerade in diesem Jahr, da sich die Gründung beider deutscher Staaten zum 60. und der Mauerfall zum 20. Male jährt, steht das Gedenken an Uwe Johnson (19341984) zu dessen 25. Todes- und 75. Geburtstag erst recht im Kontext deutsch-deutscher Geschichte.
Sie in Kenntnis beider Seiten reflektiert und dabei eine eigenständige Erzählweise von eindringlicher Wirksamkeit entwickelt zu haben, macht bis heute die Faszination des Schriftstellers aus, der schon als Student und literarischer Debütant derart kollidierte mit den Beschränkungen eines Landes, dass er sich zur „Rückgabe einer Staatsbürgerschaft“ entschloss. Geboren in Ostseenähe und aufgewachsen an Peene und Nebel, suchte er stets die Nähe von Wasser bis in seine letzten Lebensjahre im englischen Sheerness- on-Sea an der Themsemündung, wo er am 23. Februar 1984 starb.
Gerade noch fertig geworden war da nach längerer Schreibblockade der vierte und abschließende Band seines Hauptwerks „Jahrestage“, das einen fiktiven mecklenburgischen Ort namens Jerichow zum literarischen Topos machte. Als reales Vorbild gilt das nordwestmecklenburgische Klütz, wo vor knapp zwei Jahren in einem ehemaligen Getreidespeicher das Uwe-Johnson-Literaturhaus eröffnet wurde.
Als „Begegnungsstätte mit Literatur“ beschreibt der Förderverein das Profil des Hauses, in dem neben einer Dauerausstellung auch Stadtinformation und Bibliothek untergebracht sind. Im aktuellen Veranstaltungsprogramm wird das biografische Jubiläum nicht ausdrücklich gewürdigt; übers Jahr sind regelmäßige „Literarische Spaziergänge“ auf den Spuren des Namensgebers geplant der nächste am 11. April.
Ein authentischer Lebensort ist Güstrow, wo Johnson von 1948 bis 1952 die John-Brinckman-Oberschule absolvierte. Sein Debütroman „Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953“ damals in Ost wie West abgelehnt und erst 1984 posthum veröffentlicht thematisiert die damaligen ideologischen Auseinandersetzungen um die Junge Gemeinde. Vor dem heutigen Gymnasium ist im Herbst eine von dem Bildhauer Wieland Förster geschaffene Johnson-Skulptur enthüllt worden.
Nach dem Schriftsteller benannt ist seit 15 Jahren die Bibliothek der Barlach-Stadt, deren Veranstaltungsprogramm nach dem gestrigen Abend zu Brigitte Reimann als nächstes eine Lesung aus Stefan Austs „Baader-Meinhof-Komplex“ am 25. März vorsieht. Vielleicht erweist sich der Sommer als Johnson-trächtiger, wenn es am 20. Juli den 75. Geburtstag des Autors zu würdigen gilt.
Als Institution der Erbepflege profiliert sich seit der Wende die Mecklenburgische Literaturgesellschaft (MLG) in Neubrandenburg, die alle zwei Jahre gemeinsam mit unserer Zeitung den Uwe-Johnson-Preis vergibt. Nach dem Erfolg von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“, der wenig später auch den Deutschen Buchpreis erhielt, steht in diesem Jahr turnusgemäß der Uwe-Johnson-Förderpreis auf dem Programm. Zum dritten Mal wird damit ein deutschsprachiges Prosa-Debüt geehrt, für das die bisherigen Preisträger Arno Orzessek mit „Schattauers Tochter“ und Emma Braslavsky mit „Aus dem Sinn“ die Maßstäbe setzen.
Die traditionell im September stattfindenden Uwe-Johnson- Tage stellen diesmal naturgemäß deutsch-deutsche Sichten in den Vordergrund, mit literarischen Gästen wie Klaus Kordon und Ingo Schulze, dessen Roman „Adam und Evelyn“ ebenfalls auf der Auswahlliste zum Deutschen Buchpreis stand.
Schon jetzt arbeitet MLG-Geschäftsführerin Gundula Engelhard mit Gymnasiasten an einem Radioprojekt zu Johnsons Roman „Zwei Ansichten“ und stellt dabei fest, dass den 16-, 17-Jährigen von ostdeutschen Lebensumständen nur noch Anekdotenhaftes bekannt scheint. In einem fiktiven Interview, der Beschäftigung mit poetologischen Aussagen sowie O-Tönen aus dem persönlichen Umfeld setzen sich die jungen Leute mit den privaten und politischen Auseinandersetzungen vor fast 50 Jahren auseinander.
Der Roman über die Beziehung zwischen einem westdeutschen Fotografen und einer ostdeutschen Krankenschwester, der der junge Mann nach dem Mauerbau zur Flucht verhilft, erschließt den Lesern Gundula Engelhard zufolge viel von Johnsons „leerstellenhaltiger“ Art zu erzählen. „Man kann die Geschichte einfach so lesen, hat aber sehr viel mehr Gewinn, wenn man sich die Hintergründe vergegenwärtigt“, versichert die Germanistin. Das Radiofeature soll beim Viertorestädter Jugendmedienfest Premiere haben und später sowohl im Offenen Kanal 88,0 ausgestrahlt als auch als Unterrichtsmaterial „von Schülern für Schüler“ eingesetzt werden.
Auszug aus dem Roman "Zwei Ansichten" von Uwe Johnson:
Die Krankenschwester D. war noch nicht lange von einer großen Klinik in Ostberlin angenommen, da bot ihr die Verwaltung einen Platz im Personalhaus des Kombinats an. Dem Mann hinter dem Schreibtisch wischte grünes Gartenlicht hinter seinem Rücken das Gesicht dunkel … sie stand. Sie zögerte mit der Antwort … sah den Funktionär das Passbild am Kopf des Fragebogens vergleichen mit ihr und begann, sich so blond, unverdorben, vertrauenswürdig zu geben, wie der andere glauben wollte …
Sie lehnte ab. Sie gab Bescheidenheit vor, sie erwähnte Anhänglichkeit ihrer Familie, deretwegen sie lieber jeden Tag eine Stunde von und nach Potsdam fahren wolle … Sie wurde gefragt: Steigen Sie auf der Fahrt durch Westberlin nicht manchmal aus? Aus Neugier, oder wie es sich ergibt? … Sie wollte keinen Platz, den Kolleginnen aufgaben, um einen in Westberlin zu suchen. Die Wohnerlaubnis für Ostberlin hoffte sie anders zu bekommen. Im Schwesternflügel konnte man immer geholt werden zu Sonderdiensten und Versammlungen. Dem Pförtner hätte sie nicht alle ihre Freunde zeigen mögen.
Der junge Herr B. konnte die Hand auf großes Geld legen und kaufte einen Sportwagen. Er hatte mehr als nötig verdient mit den Fotografien, die er in einer mittelgroßen Landstadt Holsteins täglich an den lokalen Teil der Kreiszeitung verkaufte … Dann gelang es ihm, die Fotografien zweier Jahre zum zweiten Mal zu verkaufen als einen Sammelband, den die Stadtverwaltung an Touristen, Kurgäste, langjährige Ehepaare, scheidende Bürgermeister und Abgesandte der Industrie verteilte …
Leider war das Geschäft erst zustande gekommen, nachdem B. verzichtet hatte auf einige Bilder, die die städtischen Hilfen für Alte und Bedürftige zeigten, wie sie waren.
Tage danach noch beim Rasieren wandte er den Kopf, wenn er im Spiegel auf die eigenen Augen traf. Als ihm die Visitenkarten ausgingen, ließ er sein Bankkonto in die Neuauflage setzen. Brauchbar und tüchtig ging er in die Knie, bog sich in der Hüfte und im Kreuz, legte sich auf Bauch und Rücken, hockte, kauerte, kniete, hielt die Kamera seitlich und übern Kopf und nahm auf. Er sparte. |
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