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    Vom Versuch, Wirbel zu begreifen

    Zeugen für die „Unverstaubbarkeit“ von
    Uwe Johnsons Werk: MLG-Geschäftsführerin Gundula Engelhard, Laudatorin Annette Mingels und Förderpreisträger Thomas Pletzinger (von links). Foto: Susanne Schulz
    Auszeichnung. Gerade mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis geehrt, sieht sich Thomas Pletzinger mit seinem zweiten Roman „am Anfang des Weiterschreibens“.

    Von Susanne Schulz

    Neubrandenburg. „Gelesen und geflaggt“ nennt Thomas Pletzinger in seinem Roman „Bestattung eines Hundes“ den Zustand eines Buches, das seinem Protagonisten Daniel Mandelkern offenkundig viel bedeutet. Und die Zuschauer bei der Verleihung desUwe-Johnson-Förderpreises durch die Mecklenburgische Literaturgesellschaft (MLG) an eben jenen Autor für eben jenen Roman sahen am Wochenende im Schauspielhaus Neubrandenburg den Preisträger auch eben jenes Buch griffbereit haben, mit Spuren häufigen Gelesen-Seins, geflaggt mit zahlreichen farbigen Notizzetteln: die einbändige, folglich schwergewichtige „Ziegelstein“- Ausgabe von Uwe Johnsons Epos „Jahrestage“.

    Zuerst begegnet war Pletzinger dem Werk indes in der vierteiligen TV-Version. Das Buch dann begleitete den gebürtigen Münsteraner, der nach einem Studium der Amerikanistik mehrere Jahre in den USA für Verlage und Literaturagenturen arbeitete, nach New York – wo auch Johnson 1966/67 gelebt hatte und wo die Gegenwartsebene seiner „Jahrestage“ angesiedelt ist. Dem Einfluss des monumentalen Romans verdankt Pletzinger die Idee, wie über New York und den 11. September 2001 zu erzählen sein könnte. In der Stadt erlebte er damals die Terroranschläge; empfand, wie selbst die Live-Fernsehbilder am Ort des Geschehens das Ausmaß nicht adäquat wiedergeben konnten („Da fehlte allein schon der Geruch, der an jenem Tag in den Straßen hing“) und erkannte, dass er mit dieser Erfahrung etwas zu erzählen habe, „von einer fundamentalen Verunsicherung“.

    Jene NewYorker Passage ist daher die autobiografischste in Pletzingers Roman, in dem der Journalist und Ethnologe Daniel Mandelkern – von derNebenfigur zum Protagonisten aufgestiegen – für ein Porträt über einen zurückgezogen am Luganer See lebenden Kinderbuchautor recherchiert, von einer spannungsreichen Dreiecksbeziehung erfährt und sich zunehmend in Fragen um sein eigenes Leben verstrickt. Der Versuch, „einen Weg durchs Dickicht des eigenen Lebens zu schlagen“, fasziniert auch Laudatorin Annette Mingels an Pletzingers mit jeweils eigenständigem Ton gestalteten Ich-Erzählern.

    Dass da Außergewöhnliches entstand, hatte sie schon bei der ersten Begegnung mit demPlot,demzentralen Motiv eines dreibeinigen Hundes, empfunden. „Zum Bersten voll von Ideen, Schauplätzen, Bildern“ erlebte die in Zürich lebende Schriftstellerin und Kulturjournalistin den werdenden Romandebütanten – und fand die geweckte Erwartung dann eingelöst in einem „virtuos verschachtelten Roman in stilistischer Sicherheit“. Mit der „maximalen Kongruenz von Inhalt und Form“ entspreche Pletzinger einer Grundforderung Johnsons.

    Kaum je hat ein Preisträger zum Namensgeber der Auszeichnung eine solche literarische Nähe offenbart wie Pletzinger, der unterdessen auch schon Anspielungen auf die äußere Erscheinung kontern muss: „Ich sehe nicht aus wie Uwe Johnson, ich habe nur eine ähnliche Frisur“, beugt er vor. Nicht nur Äußerlichkeiten allerdings dürfte geschuldet sein, dass eine Doktorandin ihm vor kurzem riet, er solle doch – wie Johnson – auch noch Pfeife rauchen und eine Brille tragen. Das intensive Fachsimpeln mit der jungen Frau („einem germanistischen Wasserfall“) ließ Pletzinger einen Anruf ignorieren, so dass er anschließend erst per Mailbox-Nachricht erfuhr, dass ihm der Uwe-Johnson-Förderpreis zuerkannt worden war. Es gibt Zufälle, kommentiert er diese Episode auf seiner Internetseite; hinzufügen ließe sich: Das Leben ist voll von Anekdoten.

    Das Leben ist voll vonWirbeln, ist wiederum die prägende Erfahrung Pletzingers und seiner Protagonisten. Dem Autor ist daher an „versöhnlichen“ Geschichten gelegen („Geschichten, die das Leben schreibt, sind das meist nicht“), die ein wenig Ruhe in die Wirbel bringen und den Versuch zu begreifen begleiten. Mit dem Hund – von MDR-Literaturexperte und Förderpreis-Jurymitglied Michael Hametner im Werkstattgespräch als „Kronzeuge des Verlustmotivs“, von Pletzinger selbst als „der Kitt, der die Erzählstränge zusammenhält“ vorgestellt – würden auch die „Nöte der Vergangenheit“ bestattet. Von all den Etiketten, die seinem Buch angeheftet wurden, ist dem 34-jährigen Autor das des Liebesromans noch am sympathischsten. Allerdings auch am schwammigsten, denn: „Welches Buch handelt nicht von der Liebe?“ Mit der Ikone Uwe Johnson will sich der Preisträger unterdessen – Ähnlichkeit hin, Leistung her – keineswegs „übermütig auf eine Stufe stellen“.

    Als verbindenden Anspruch aber sieht auch er allemal „das Bemühen um Erinnerung und was mit ihr geschieht“ und eine Sprachgestaltung als adäquates Transportmittel der Geschichte: „Sie soll einen Rhythmus haben, dem man gern folgt“, bestätigt er. So hatte er auch am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo „Bestattung eines Hundes“ als Abschlussarbeit entstand, von der Lyrik zur Prosa gefunden. „Meine Gedichte waren Kürzestgeschichten“, schaut er zurück; nicht zuletzt die Skepsis von Dozent Michael Lentz („er bedeutete mir, dass das Quatsch war, was ich da machte“) verhalf zum Genre-Wechsel.

    Nun, da der zweite Roman entsteht, sieht sich Thomas Pletzinger wieder am Anfang, „am Anfang des Weiterschreibens“. Dass Figuren seines Debütromans noch keineswegs auserzählt sind, hat er bereits angedeutet. Und auch für die Neubrandenburger Uwe-Johnson-Tage, deren 15. Auflage mit dem Förderpreis-Abend zu Ende ging, kann Gundula Engelhard, Geschäftsführerin der die Reihe wie den Preis ausrichtenden Mecklenburgischen Literaturgesellschaft, der so schnell nicht ausgehenden Sujets gewiss sein. Zu danken sei das den Qualitäten heutiger Autoren ebenso wie einem „zunehmend aktiven“ Publikum und vor allem der „Unverstaubbarkeit“ von Johnsons Werk.

    Nordkurier, 28. September 2009
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