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Ventil gegen Schlurfen

Jahrelang wurde Agatha S. aus Neubrandenburg falsch behandelt. Denn ihre Symptome passten allzu leicht zu Alzheimer, Parkinson oder zu allgemeinen ...

So sieht ein Kopf nach der Operation aus, bei der ein „Abfluss“ eingebaut wird.

Jahrelang wurde Agatha S. aus Neubrandenburg falsch behandelt. Denn ihre Symptome passten allzu leicht zu Alzheimer, Parkinson oder zu allgemeinen Alterserscheinungen. Tatsächlich litt sie an Altershirndruck.Erst eine Operation brachte jetzt Besserung.
Dr. Michael Fritsch, Chefarzt der Neurochirurgie am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum, hat der alten Dame geholfen. Normaldruckhydrozephalus (NPH) heißt die Krankheit im Fachjargon.

„Man sagt, dass ein Prozent der über 65-Jährigen daran leiden. Wenn man den demographischen Wandel betrachtet, ist dies eine Krankheit mit Zukunft“, sagt Fritsch. In Deutschland leiden derzeit vermutlich mehr als 60 000 Menschen an NPH. Die Dunkelziffer ist laut Ärztekammer deutlich höher. Auch bei Agathe S. hatte lange niemand bemerkt, dass in ihrem Schädel die Hirnflüssigkeit immer mehr aufs Gehirn drückte. In der Folge verlor sie einige Alltagsfähigkeiten „und Lebensqualität“, wie Fritsch zu berichten weiß.

Oft werden nur Symptome behandelt

„Es passiert gerade in dem Alter, wenn man seinen Ruhestand genießen möchte. Weil die Patienten dann nicht mehr laufen können und inkontinent sind, können sie auch nicht mehr reisen“, erläutert der Chirurg.

In der Folge beginnt sich ein Karussell zu drehen, in dem auch die Angehörigen, vor allem die Ehepartner stecken. „Meine Kinder haben immer gesagt: Mensch Mutti, geh doch mal zu einem anderen Arzt“, erzählt die 73-Jährige. Die Tabletten gegen ihre Inkontinenz haben gegen die zunehmende Vergesslichkeit und die Laufprobleme nichts ausgerichtet. „Ich konnte nur noch mit meinem Mann in die Stadt und nur noch sehr langsam“, erzählt sie. Die Neubrandenburger Neurochirurgen haben der Patientin jetzt mit einem einfachen Eingriff geholfen. „Wir behandeln dabei aber nur die Symptome, weil wir die Ursache dieser Krankheit noch nicht ausreichend kennen. Es gibt einige Theorien, aber sicher wissen wir noch nichts“, sagt Michael Fritsch, der selbst annimmt, dass die Ursache in der Gefäßalterung zu finden ist. Die Gefäße verkalken, werden unflexibel und können den Druck nicht mehr ausgleichen. Das Gehirn, das unterm Dauerfeuer des menschlichen Pulsschlags liegt, ist dann nicht mehr geschützt, wenn das diffizile System des Hirnwassers außer Kontrolle gerät.

40 Minuten dauert der Eingriff

Agatha S. hatte ihrem Arzt den wichtigsten Hinweis wortwörtlich aufgetragen: „Ich schlurfte immer so, machte nur noch Tippelschritte.“ Auf der Neurochirurgie zeigte sich in einem MRT schnell, dass die Räume in ihrem Gehirn geweitet waren.Mit einem sogenannten TAP-Test wird dem Patienten Liquor entnommen.

Wenn sich eine sofortige Besserung einstellt, gilt die Krankheit als bestätigt. Bei der dann folgenden Operation wird ein sechs bis acht Millimeter großes Loch in den Schädel gebohrt und ein Schlauch eingeführt.

Die Technik, Hirnflüssigkeit abzulassen, ist schon fünfzig Jahre alt. Die größte Gefahr bei diesem knapp 40 Minuten dauernden Eingriff ist eine Infektion.

Besserung hält etwa fünf Jahre an

Die Besserung durch den chirurgischen Ablaufmechanismus hält knapp fünf Jahre an, danach ist mit einem Wiederauftreten von Symptomen zu rechnen.

Wünschenswert für Michael Fritsch wäre es, wenn sich die Öffentlichkeit der Krankheit bewusst wird und aufmerksamer hinschaut. „Sie sollte zur medizinischen Allgemeinbildung gehören wie Diabetes, Schlaganfall oder Herzinfarkt.“