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Alles neu –nach einer Woche

Beim Fastenurlaub auf Sylt sind die Menüs überschaubar, die Wirkungen allerdings nachhaltig.
Beim Fastenurlaub auf Sylt sind die Menüs überschaubar, die Wirkungen allerdings nachhaltig.
Martina Krüger

Neues Jahr, neues Glück, neue Vorsätze? Gesünder leben? Kein Kaffee, kein Fleisch, keine Schokolade? Autorin Martina Krüger wagte den Selbstversuch beim Fastenurlaub auf Sylt.

Sylt hat bezogen auf die Einwohnerzahl von circa 20 000, die höchste Dichte an mit Sternen und Preisen dekorierten Restaurants – und überhaupt ein großes gastronomisches Angebot. Also der ideale Ort, Fasten mit Urlaub zu verbinden? Frank Ahlers, seine Frau Minu und ihr Team vom Fastenhaus auf Sylt finden: ja! Deshalb wage ich den Selbstversuch mit etwas gemischten Gefühlen.

Ich komme spät und hatte mich insgeheim noch auf ein letztes leckeres Essen in meinem Lieblingsfischrestaurant gefreut. Nichts da. Ein salziger Trunk ist die Abendspeise, ein Einlaufbesteck der ungewöhnliche Willkommensgruß. Dann noch die Präsentation der wichtigsten Gesundheits- und Entspannungs- und Schönheitsanwendungen im Haus. Man braucht ja sonst nichts. Als kleines subversives Zeichen genehmige ich mir noch ein Bier und eine Zigarette vor meinem Zimmer. Ich ahne nicht, dass dies zumindest bis heute meine letzte Zigarette und mein letztes Bier, das schmeckt, sein würde. In der ersten Nacht ist der Magen unruhig und die Träume werden zur schweren Kost. Das Unerledigte auf der Arbeit türmt sich auf, ebenso tauchen in meinen Gedanken Verstecke für Essen auf. Im Fastenhandbuch steht, dass solche Träume normal seien. Der nächste Tag beginnt mit Frühsport, um 8.15 Uhr im Freien. Einmal, schwöre ich mir, mache ich diesen Quatsch mit. Tage später renne ich früh freiwillig ums Haus, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Kaffee gibt es ja nicht. Dann wird der Frühstückssaft gelöffelt – jeden Tag eine wunderbare neue Kreation, ebenso, wie das abendliche Gemüsesüppchen. Davon gibt’s sogar Nachschlag. Dann beginnt so etwas wie Gruppen-Urlaub.

Fasten und wandern – bei jedem Wetter

Lars Rohde ist der Betreuer unserer zehnköpfigen Truppe. Zu jedem Saftfrühstück liest er eine Geschichte vor, danach gibt es Kurse in Syltkunde. Hochinteressant, denn Lars ist ein echter Sylter, die sterben laut Berichten langsam aus oder wandern aufs Festland, weil es dort Arbeit und bezahlbare Wohnungen gibt. Minu Ahlers, die sich ums Marketing fürs Fasten kümmert, ist eine Zugewanderte. Im Sauerland geboren, hat sie in Köln bei einem großen Stromkonzern aus Kauffrau gearbeitet. Ihren Mann hat sie beim Fasten kennengelernt.

Frank Ahlers hat vor gut 20 Jahren diesen Gesundheitstrend erkannt. Damals noch ohne eigenes Haus. Aber in behaglicher Atmosphäre eines speziellen Domizils, ein wenig abgeschirmt, kommt man besser zur Ruhe. Und Ahlers hat aufs Aktivsein beim Fasten gesetzt. Otto Buchinger begründete in den 1920er Jahren diese Methode. Das heißt neben Tee, Wasser, einem Gläschen Saft und Gemüsebrühe satt steht Bewegung in frischer Luft auf dem Programm. Und so lautet der Plan für uns Fastenteilnehmer: Täglich elf bis zwölf Kilometer wandern – und das bei jedem Wetter.

Sylt ist nicht groß und auf diese Art kommt man um die ganze Insel. Eine Idylle – die welligen Dünen, die bis ins Inselinnere reichen, der Strandhafer, die Kartoffelrose, Häuser mit reetgedeckten Dächern. Auf der einen Seite die wogende Nordsee und auf der anderen die schnell wechselnden Wolkenformationen. Ein rauer Traum von Landschaft. Dann ist da Kampen, der Ort, der noch nobler ist als die anderen. Gunter Sachs urlaubte dort einst mit Brigitte Bardot und viele andere Schöne und Reiche haben in Kampen Feriendomizil. Die Insel war schon immer Treff- und Erholungspunkt für Maler, Schriftsteller, Schauspieler: Emil Nolde, Gerhart Hauptmann, Christian Morgenstern, Thomas Mann – und Hans Fallada.

Auf einer anderen Wanderung sehen wir die Tragik von Sylt – das Meer nimmt sich Stück für Stück von der Insel. Alle menschlichen, ingenieurtechnischen Ideen werden sozusagen vom Meer ausgetrickst. An anderen Stellen ist auch die Vergangenheit noch gegenwärtig, die ehemaligen Militärkasernen der Wehrmacht sind heute unter anderem Kinderheime. Immer wieder schön, die kleinen Orte. Doch kaum jemand wohnt hier. Alles Ferienquartiere. Obwohl man innerlich den Kopf schüttelt über soviel Vermarktungswut, ist die Harmonie und Stimmigkeit der Insel doch bewundernswert. Zu solchen Gedanken gibt es reichlich Gelegenheit auf den Wanderungen. Danach bin ich erschöpft. Noch mal in die Sauna und dann ins Bett – es ist früher Nachmittag. Später versuche ich, zu lesen. Oh, was ist das? Die Buchstaben verschwimmen. Dass die Sehkraft während des Fastens nachlassen kann, habe ich dann später nachgelesen. Das Hungergefühl ist langsam weg, aber es bleibt eine innere Angespanntheit, die sich bis zum Ende der Fastentage nicht ganz löst. Dann die Erwartung, wie wird es sein, wieder im richtigen Leben anzukommen? Der erste Apfel begeistert mich nicht sonderlich, auch ansonsten spürte kein Bedürfnis nach üppigem Essen. Kaffee und andere Genussmittel – warum musste das in meinem früheren Leben sein? Hat mir das Fasten alles ausgetrieben? Nein, es hat mich in eine längst verlassene Ordnung zurückgebracht, mir Gelassenheit gegeben.

Dieses Gefühl stellt sich allerdings erst ein, zwei Wochen später ein. Wieder zu Hause füge ich meiner inneren Ordnung eine äußere hinzu und werfe alles Überflüssige in meiner Wohnung weg. Dass Fasten solche Folgen hat? Wie lange werden sie anhalten? Die verblüffendste Erkenntnis ist, dass sich der Körper innerhalb nur einer einzigen Woche quasi komplett neu justieren kann. Vorausgesetzt, der Geist widersetzt sich nicht.