Jan Fidora vom Wasserschloss Mellenthin zieht die Preise an. Aber kostendeckend sei das längst nicht, sagt er.
Jan Fidora vom Wasserschloss Mellenthin zieht die Preise an. Aber kostendeckend sei das längst nicht, sagt er.
Antje Enke von Abenteuer Flusslandschaft in Anklam blickt zuversichtlich in die Zukunft. „Alles andere würde ja auc
Antje Enke von Abenteuer Flusslandschaft in Anklam blickt zuversichtlich in die Zukunft. „Alles andere würde ja auch nicht helfen“, sagt sie.
Hohe Preise

Tourismus in der Krise - kostet das Bier im Restaurant bald 12 Euro?

Die Energiekrise setzt dem Tourismus massiv zu. Wenn Unternehmer nicht bereits die Reißleine gezogen haben, so erwägen sie drastische Maßnahmen.
MV

 

„Es lohnt sich nicht mehr”, sagt sich jetzt ein Restaurantbetreiber nach dem anderen in der Region. Und schließt die Türen. Der Grund: die Sorge vor den Energiekosten. Hatte den Touristikern bereits Corona und die resultierende Personalnot zugesetzt, so bringt jetzt die nächste Krise das Fass für einige zum Überlaufen.

Lesen Sie auch: Energiekrise zwingt Kommunen zum Lichtsparen

Bevor das Licht endgültig ausgeht, prüfen Betreiber in diesen Tagen noch diverse Energiesparmöglichkeiten. Das Hotel Wasserschloss Mellenthin auf Usedom etwa versucht, sich energetisch autark zu machen und erwägt nach Kündigung der Verträge mit den Strom- und Gasversorgern zum Jahresende 2022 den Einsatz von Methanolbrennstoffzellen. Immerhin seien 4000 Quadratmeter zu beheizen. Zunächst aber werde man eine Hackschnitzelanlage einbauen, verrät Hotelinhaber Jan Fidora.

Sich beim Thema Energie autark machen, das ist bislang nur einzelnen gelungen. Das Haffhus in Ueckermünde ist so ein Beispiel. Schon vor vier Jahren hatten die beiden Hoteleigner Nicole Winkler und Ricardo Joerges kräftig in die Modernisierung investiert und das 1999 übernommene Haus vom öffentlichen Stromnetz entkoppelt.

Nachhaltigkeit, wo man sie nicht unbedingt erwartet

„Auch ein so komplexer Betrieb wie unserer kann umfassend nachhaltig sein“, sagt Geschäftsführer Joerges. Das gelte sogar dort, wo man es gar nicht erwartet, bei einer Sauna oder einem beheizten Pool etwa, ist Nachhaltigkeit, die Nutzung regenerativer Energieträger möglich.“

Doch investieren wird in den kommenden Monaten schwierig, wenn schon das laufende Geschäft kaum trägt. Natürlich müsse man selbst auch die Preise erhöhen – was ihm sehr leidtue, schildert Jan Fidora. „Neulich hörte ich ein gut gekleidetes Spaziergängerpärchen überlegen, bei uns zu Kaffee und Kuchen einzukehren. Sie entschieden sich dagegen – mit der Begründung: ,Das können wir uns nicht mehr leisten, Schatz!‘“

Was man für ein Schnitzel und Bier verlangen müsste

Fidora habe ausgerechnet, was er verlangen müsste, wenn sich die Abschläge verdreifachen, um wirtschaftlich zu arbeiten – vorausgesetzt die Lebensmittelpreise bleiben wie jetzt. Dann müsse er für ein Bier 12,50 Euro und ein Schnitzel 42,50 Euro nehmen. Wahnsinn. Er fordert, dass der Staat hier schnell preisregulierend eingreifen müsse. „Das kann sonst niemand mehr erwirtschaften. Und flächendeckend wird das Licht ausgehen.“

Laut jüngster Branchenanalyse des Ostdeutschen Sparkassenverbands hat der ewige Tourismuskonkurrent Bayern schon jetzt dem nordöstlichsten Landesteil Deutschlands wieder den Rang abgelaufen. Und noch etwas zeigt die Studie: Die Übernachtungszahlen sind noch nicht wieder auf dem Niveau der Vor-Corona-Zeit. Vor allem die Angebote im Hinterland, abseits der Strände, erholen sich nur langsam von dem Pandemie-Schock.

Später Anfang und frühes Ende für die Saison

Das vorpommersche Hinterland, das in den vergangenen Jahren immer mehr Radler, Kanufahrer und Naturwanderer für einen sogenannten „sanften Tourismus“ begeistern konnte, schien diesen Sommer über fast schon ungewohnt leer. Den Eindruck bestätigt auch Antje Enke, vom Anklamer Unternehmen Abenteuer Flusslandschaft. „Die Peene war sehr leer – gerade im Vergleich mit den Corona-Jahren, in denen wir viele Leute hier hatten, die teilweise auch mit eigenen Booten unterwegs waren. Vermutlich ist aber auch an der These etwas dran, dass wieder mehr Leute ins Ausland gereist sind, weil das in den vergangenen Jahren schwierig war.“

Beim eigenen Geschäft wolle sie nicht klagen: „Wir sind zuversichtlich und optimistisch“, sagt sie. Doch die Saison für Ferienwohnungen, Bootsverleih, geführt Touren usw. sei spät und langsam gestartet. „So richtig los ging es erst Ende Juni und Tagesgäste kamen eigentlich erst ab Mitte Juli“, beschreibt sie. Auch die Nachfrage in den Wochen zwischen Sommer- und Herbstferien sei schwächer gewesen. „Ich denke schon, dass die Leute jetzt einfach das Geld zusammenhalten, weil man nicht weiß, was kommen wird“, so Enke.

Erste Auswirkungen des Sparens schon jetzt zu bemerken

Ein bisschen zu spüren sei das auch schon bei den Spritabrechnungen, der Hausboot-Mieter. „Wir merken, dass die Leute weniger Kilometer fahren und nicht immer die ganz großen Touren machen. Aber das ist ja eigentlich kein Problem, weil es hier ja hinter jeder Flussbiegung schön ist.“

Eine Umfrage des Tourismusverbandes unter 450 Unternehmen in MV ergab jüngst, dass mehr als 60 Prozent ihre wirtschaftliche Entwicklung in Gefahr sehen.75 Prozent der Befragten berichten von höheren Kosten bei Lieferanten und Lieferengpässen sowie derzeit wenig Gäste-Buchungen.

Wie die Preisexplosionen auffangen? Mehr als drei Viertel der Unternehmen gibt laut Umfrage die Preiserhöhungen an den Gast weiter. Zudem wollen viele ihr Angebot einschränken, Einzelbereiche wie Wellness sogar vorübergehend schließen. Ebenso werde nach Wärme-Alternativen gesucht: beim Solarstrom, Heizöl, Kohle oder Flüssiggas.

Tobias Woitendorf, Tourismusbeauftragter des Landes, sagte: „Touristische Unternehmen wären nicht nur davon bedroht, bei einer Gasmangellage vom Netz genommen zu werden, ihnen droht gerade in der Nebensaison aufgrund hoher Energieverbräuche und zunehmenden Verzichts auf Reisen eine erhebliche Problemlage.“ Und auch er fordert: „Dies muss politisch berücksichtigt und weitest möglich abgefedert werden.“

Auch interessant: Regierung einigt sich auf Gaspreisbremse

Als Maßnahmen in einem Notfallplan Gas fordern Touristiker unter anderem die Umstellung der Fördermittel auf die Nutzung von erneuerbaren Energien sowie Abschreibungen bei Investitionen zur Steigerung der Energieeffizienz. Ferner fordert jedes zweite Unternehmen wirtschaftliche Unterstützung wie die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes oder Überbrückungshilfen. 33 Prozent wünschen sich unbürokratische Genehmigungsverfahren beim Brennstoffwechsel und 14 Prozent die Tilgungsaussetzung für die Corona-Hilfskredite über den 31. Oktober hinaus.

 

zur Homepage

Kommentare (1)

52 Milliarden Mark kostete ein Glas Bier am 15. November 1923 auf dem Höhepunt der Hyperinflation. Ein Pfund Fleisch 900 Milliarden und ein Pfund Brot 30 Milliarden.