TRICKBETRÜGER UNTERWEGS

Bisher über 100 Schockanrufe in Vorpommern in diesem Jahr

Seit Jahresbeginn häufen sich in Vorpommern-Greifswald die anonymen Anrufe der Trickbetrüger. Vor allem ältere Menschen fallen immer wieder auf die Schockanrufe herein.
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Mit sogenannten Schockanrufen werden derzeit vor allem im südlichen Teil des Landkreises Vorpommern-Greifswald gutgläubige Rentner und Rentnerinnen um ihr Erspartes gebracht. Karl-Josef Hildenbrand
Greifswald ·

Am Telefon ist ein Hilferuf und ein heftiges Schluchzen einer jungen Frau zu hören, und die Seniorin glaubt darin die Stimme ihrer Schweigertochter zu erkennen. Dann meldet sich ein Polizist und erklärt mit ruhigem, aber bestimmtem Ton, dass die im Hintergrund weinende Frau in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt sei und wegen Fluchtgefahr verhaftet werde. Nur eine Kaution könnte das noch verhindern.

Die verängstigte und aufgeregte Rentnerin willigt ein und zahlt eine Stunde später 9.000 Euro an eine vorbeigeschickte Frau – und erfährt dann erst spät, dass alles nur ein perfider Trick war.

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Schockanrufe im Landkreis

Solche sogenannten Schockanrufe, wie hier Anfang Januar in Hamburg geschehen, häufen sich derzeit auch in Mecklenburg-Vorpmmern. In der Region Vorpommern-Rügen hatten unlängst an einem einzigen Wochenende zwei betagte Frauen auf ähnliche Weise rund 31.000 Euro verloren. In jüngster Zeit habe es besonders viele dubiosen Anrufe im Süden des Landkreises Vorpommern-Greifswald gegeben, sagte am Donnerstag der Leiter der Polizeiinspektion Anklam, Gunnar Mächler.

„Wir haben seit Jahresbeginn mehr als 100 derartige Trickbetrugsversuche im Kreis registriert. Doch es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer noch sehr viel höher liegt, weil es so machem Betrogenen oft peinlich ist, seinen Irrtum öffentlich zu machen oder aber weil er sich gar nicht mehr an die Details erinnert.“ Der bisherige Schaden im nordöstlichsten Landkreis Deutschlands hat sich seit Jahresbeginn bereits auf über 60.000 Euro summiert.

Unterschiedliche Betrugsmaschen

Die Masche der Betrüger sei unterschiedlich, oft aber auch sehr vergleichbar. Da gebe es den in Not geratenen Enkel, der dringend Geld brauche, da melde sich die freundliche Lottodame mit einem plötzlichen Gewinn, für dessen Auszahlung in Vorkasse gegangen werden müsse und ganz aktuell treiben sich am Telefon sogar angebliche Ärzte oder Krankenschwestern herum, die den schwer an Corona erkrankten Sohn behandelten und dafür Behandlungskosten eintreiben müssten. Mitunter werde – wie im Beispiel Hamburg – sogar mit verteilten Rollen getäuscht.

Aus Erfahrung wisse man, dass es sich hier nicht um Einzeltäter, sondern um gut organisierte internationale Netzwerke handle, sagte Mächler. Im Ausland, vor allem in der Türkei, agierten schwer ausfindig zu machende callcenterartige Banden, die die Telefonbücher einer Region abarbeiteten – in einer Region, in der Mittelsmänner und -frauen dann bereitstünden, sofort die erpressten Gelder einzusammeln. Derzeit sei so ein Trupp im Raum Pasewalk-Ueckermünde aktiv. „Wenn die Gegend abgegrast ist, zieht die Trick-Kolonnen dann in die nächste weiter.“

2021 noch keine Straftäter erwischt

Bislang hat die Polizei in diesem Jahr hierzulande noch in keinem einzigen Fall die wegen Betrugs oder Betrugversuchs gesuchten Straftäter ermitteln können. Nur hin und wieder war es in den Vorjahren gelungen, Geldübergaben zu verhindern und die Trickbetrüger zu verhaften. Die Ermittler wären vermutlich erfolgreicher, wenn die Bevölkerung aufmerksamer wäre und sich zum Beispiel Zeugen melden würden, die Verdächtige vor den Häusern lauern sähen. „Besser ein Anruf mehr als zu wenig“, rät Mächler.

Mit Aufklärungsveranstaltungen versuchen Polizeibeamte seit mittlerweile sechs Jahren die Senioren und Seniorinnen über die kriminellen Tricks zu informieren und Tipps zu geben, wie man reagieren sollte. Doch seit Corona derartige Treffs verhindert, müssen die Beamten improvisieren. Mit Plakaten und Flyern, die jetzt zum Beispiel mit Hilfe des Präventionsrates in Arztpraxen ausgelegt werden, soll die Informationslücke etwas geschlossen werden.

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An sich Kriminalität durch Corona gesunken

Insgesamt aber, sagt der leitende Polizeibeamte, sei die Kriminalitätsrate deutlich gesunken. „Wir hatten 2020 insgesamt 13.290 Delikte, so wenige wie seit Bestehen des Landkreises Vorpommern-Greifswald noch nicht. Mit einer „Kriminalitäts-Inzidenz“ von 5.640 Delikten je 100.000 Eiwohnern binnen eines Jahres zähle der Kreis derzeit zu den sichersten im Landesvergleich. Die Aufklärungsquote stehe bei 58,7 Prozent.

Vor allem Diebstahldelikte seien deutlich zurückgegangen. Experten sehen darin eine positive Auswirkung der Corona-Pandemie. „Wo Geschäfte geschlossen sind, gibt es keine Ladendiebstähle, wo die Menschen im Lockdown daheim bleiben, gibt es keine Einbrüche, wo keine Touristen unterwegs sind, werden weniger Fahrräder gestohlen, und wo die Grenze zeitweise dicht ist, sinkt die grenzüberschreitende Kriminalität“, sagte Mächler. Das Tragische: Nach Nordkurier-Informationen wurde ein Ehepaar in der Region Wolgast genau zu der Zeit betrogen, als der Leiter der Polizeiinspektion in Anklam über Schockanrufe informierte.

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