Synnöve Steinert-Schmidt
Synnöve Steinert-Schmidt Mareike Klinkenberg
Interview

Corona schafft Ohnmacht und zusätzlichen Stress in Familien

Was Corona und die damit verbundenen Einschränkungen für Familien bedeutet, erleben Fachleute hautnah. Stress und Wut bis zur Spaltung der Familien. Eine Sozialpädagogin hat verschiedene Erklärungen dafür.
Anklam

In ihrer Arbeit als Familien- und Erziehungsberaterin bei der Anklamer Caritas kommt Synnöve Steinert-Schmidt mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen. Viele ihrer Klienten leiden unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Die Sozialpädagogin hat Erklärungen und sucht nach Auswegen.

Mit welchen Sorgen kommen in diesen Tagen die Familien zu Ihnen?

Zu den Themen wie Beziehungen, Streit, Erziehungsfragen, Schulprobleme oder auch Mobbing kommen momentan vermehrt Ereignisse, die auf die Corona-Pandemie zurückzuführen sind und auf die damit zusammenhängenden Maßnahmen. Wir erleben ganz viel Angst. Dabei geht es nicht um die Krankheit selbst, sondern viel mehr um den Umgang damit, der nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in einzelnen Familien für Spaltung und Verunsicherung sorgt.

Was meinen Sie damit konkret?

Ich erlebe, dass aus der Angst vor der Erkrankung ist die Angst vor den Ungeimpften geworden ist. Durch die Familien ziehen sich tiefe Gäben, aus einem früheren Gemeinsam wird ein Ausschlussverfahren mit Schuldzuweisungen und Unverständnis. Der Freund wird zum Feind.

Wir erleben diese Ohnmacht in den Familien gerade jetzt rund um die zurückliegenden Festtage. Eltern meiden aus Angst vor der Erkrankung ihre Kinder und Enkelkinder oder Familienteile sich abgrenzen, weil jemand geimpft oder eben aus unterschiedlichsten Gründen eben nicht geimpft ist. Zu dieser Sorge kommt noch die Ungewissheit: Wie überstehen wir eine Quarantäne? Wie organisieren wir uns da? Gibt es wieder Kurzarbeit? Reicht dann unser Geld? Welche Bestimmungen gelten eigentlich gerade? Mach ich alles richtig? Und dann alle Fragen rund um die Impfthematik mit ihrem Für und Wider.

Das alles ruft die unterschiedlichsten Gefühle bei den Menschen, die unsere Hilfe suchen, hervor. Die einen fühlen sich ausgeschlossen und mit ihrer Meinung nicht ernst genommen. Viele sind misstrauisch geworden und empfinden die Berichterstattung als einseitig und „verordnet“. Andere fühlen sich sogar schikaniert.

Was macht das aus ihrer Sicht als Sozialpädagogin mit den Menschen?

Die Durchsetzung der Maßnahmen geschieht mit Druck und Nachdruck, der die Menschen zusätzlich stresst. Und Stress sucht nach Entlastung und macht am Ende krank, wenn es kein Ventil zur Entlastung mehr gibt. Die Politik trägt allein in der Art und Weise, wie sie kommuniziert, ihren Teil zu diesem Druck bei. Sie redet von Testpflicht, Impfpflicht, Ausschluss, Verschärfung, Bestrafungen – alles Worte, die allein schon in der Kommunikation unerbittlich und sogar autoritär wirken. Das schürt nichts als Angst und verführt manchen sogar zu illegalen Handlungen. Und das erleben wir ja gerade und kennen das auch aus der Erziehungswissenschaft: autoritäres Handeln mach das Gegenüber klein und duckmäuserisch oder ganz groß im Widerstand gegen diese Autorität.

Alarmierend für uns ist, wie viel Erschöpfung wir gerade erleben, dass viele Menschen sagen, dass sie nicht mehr können und an die Grenze der Belastbarkeit angekommen sind und deshalb krank werden. Wir erleben Rückzug in Innenräume, Flucht in Computerwelten, Depressionen und Isolation. Anspannung und Stress der Erwachsenen lassen Partnerschaftskonflikte schnell eskalieren und werden von den Kindern als bedrohlich wahrgenommen, das wiederum schürt zusätzliche Ängste.

Haben Sie einen Lösungsansatz parat? Was können wir gegen die Verunsicherung und gegen die Spaltung tun?

Uns alle verbindet die Sorge vor einer Erkrankung. Uns verbindet der Schmerz um Erkrankte und die Liebe zu Angehörigen und Nahestehenden. Wir haben alle gemeinsam Sorge um die Zukunft und wollen gern auch zukünftig selbst- und mitbestimmt leben. Stärke und Kraft schöpfen wir in dieser schweren Zeit nicht in der Spaltung, sondern im Verbundensein.

In unserer Arbeit bieten wir beispielsweise getrennten Eltern, die sich nicht zu bestimmten Punkten für ihre Kinder einigen können, eine Mediation an. Die verläuft nach Regeln, die sich als erfolgreich erwiesen haben. Genauso eine Art Mediation würde ich zerrissenen und gespaltenen Familien und Bekanntenkreise jetzt empfehlen.

Wie genau läuft das in der Familienberatung ab?

Das Ganze ist ein gemeinsames Gespräch. Jede Konfliktpartei trägt ihren Standpunkt vor. Wichtig ist, dass jeder gehört fühlt. Beschimpfungen und Schuldzuweisungen sind in diesem Gespräch tabu und werden sofort unterbunden. Gefühle und Motive werden geklärt, Lösungsvorschläge diskutiert und nach einem Konsens gesucht.

So entstehen Einigungen, die Kinder nicht im Konflikt zerreiben, sondern gute Wachstumsmöglichkeiten bieten. Vielleicht schaffen wir das als Gesellschaft zum Thema Corona ja auch.

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