Im und um das beeindruckende Kulturhaus Grimmen wollen Opernale-Chefin Henriette Sehmsdorf (2. von rechts) sowie vorpommersche
Im und um das beeindruckende Kulturhaus Grimmen wollen Opernale-Chefin Henriette Sehmsdorf (2. von rechts) sowie vorpommersche Kulturmacher verschiedener Sparten das Signal „Achtung Vielfalt!“ setzen. Susanne Schulz
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Die Theatergruppe „U100“ aus Loitz ist zu Gast mit ihrem Stück „Das Leben geht heiter“, das übrigens auch am Sonnabend bei der Demminer Kunstnacht gezeigt wird. Ulrike Rosenstädt
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Noch einmal gezeigt wird beim Festival die 2021 uraufgeführte Oper „Luise Greger, eine pommersche Gans“ über eine Greifswalder Komponistin, gespielt von Joana-Maria Rueffer (rechts) und Friederike Schnepf. Volker Metzler
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Mit vier Meter hohen Figuren will das Wismarer Projekt „Nosferatour” auf den Spuren des berühmten Horror-Stummfilms nun „Grimmen in Aufruhr” versetzen. Jens Büttner
Kulturfest

Festival zeigt, was Vorpommern kulturell zu bieten hat

Die Opernale lädt Akteure ein, denen die Corona-Pandemie besonders zu schaffen machte. In Freude und Feierlaune mischt sich aber auch eine mahnende Botschaft.
Grimmen

Das Städtchen hat wenig mehr als 10 000 Einwohner, dafür ein Kulturhaus, in dessen Saal bis zu 1000 Menschen Platz finden; es hat Musiker und Sänger und kulturfreudiges Publikum; und bald hat es auch ein Festival. „Achtung Vielfalt“ wird es heißen und vom 22. bis 25. September in mehr als 20 Veranstaltungen zeigen, was Vorpommern kulturell zu bieten hat.

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Opernale an einem Ort

„Nicht dort, wo ohnehin schon viele Touristen sind und es leicht ist, im Sommer ein Spektakel zu machen, sondern an sehenswertem Ort mit vielen engagierten Akteuren“, sagt Henriette Sehmsdorf. Sie ist künstlerische Leiterin der Opernale, die seit zehn Jahren Musiktheater an ungewöhnliche Schauplätze im ländlichen Raum Vorpommerns brachte und nunmehr erstmals an einem Ort, in Grimmen, ein „Festival der kulturellen Breite“ zelebriert.

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Signal senden

So wie bisher, mit eigenproduzierten Uraufführungen in jedem Jahr, könne der Verein aber nicht weitermachen. „Das haben zwei Jahre Corona bewirkt“, sagt die Opernregisseurin. Das Wissen, dass es vielen Kulturmachern im Amateur-, semiprofessionellen und soloselbstständigen Bereich genauso geht, führte zur Idee, ein Signal zu senden: „Es gibt uns noch, hier sind wir!“

Jugendblasorchester ist dabei

Und sie haben einiges vorzuweisen: Schauspiel und Figurentheater, Chor- und Orchestermusik, Oper und Tanz füllen das Programm. Die allermeisten Akteure sind in der Region zu Hause. Das Jugendblasorchester Grimmen zum Beispiel, geleitet von Volkmar Doß, zugleich Leiter der Musikschule Vorpommern-Rügen. „Wir haben schwere Zeiten hinter uns und nutzen jede Chance, um zu spielen und um zu werben für das, was wir tun“, sagt er. Die Pandemie habe dem Ensemble einen „Aderlass“ von 60 auf 35 Mitwirkende beschert. Jetzt kommen die Auftrittsanfragen wieder in Schwung.

Nach Corona-Krise: „Wir rappeln uns wieder auf“

Ein Mitglied verloren, zehn neue gewonnen – so fällt die Pandemie-Bilanz von Benjamin Saupe als Leiter der Singakademie Stralsund aus. Das ist nur einerseits eine gute Nachricht. Denn andererseits kommt der Zuwachs aus Chören, die die Corona-Zeit nicht überstanden haben. „Zwei Jahre nichts machen zu können, kratzt an der Energie“, weiß Saupe. Das wiederholte Schließen, Öffnen und Wieder-Schließen habe vielen Ensembles nicht gut getan.

„Wir rappeln uns wieder auf“, sagt energisch Hedwig Golpon, die ihre Loitzer Theatergruppe „U100“ zum Festival bringt. Nach einem Stadtfest hatte sie einst mit der Frage, wer Lust aufs Theaterspielen habe, fünf Frauen im Alter zwischen 60 und 80 Jahren um sich geschart. Mit ihrem Stück „Das Leben geht heiter“, in dem die Damen auf einer Bank fröhlich, frech, traurig, sarkastisch und auf alle erdenkliche Weise über alles Erdenkliche reden, wollen sie ihren Vor-Corona-Erfolg fortsetzen.

Junge Leute mehr als willkommen

Nachwuchs zu gewinnen, nennt Leiter Siegfried Manthey als großes Ziel der Feuerwehrkapelle Grimmen. Die 14 Aktiven brächten es derzeit zusammen auf „fast 1000 Jahre“, unkt Manthey und wünscht sich, dass mehr junge Leute in der Region bleiben oder hierher zurückkehren.

Hommage an Vampir-Film

Diese vier Ensembles machen nur einen Bruchteil des Programms aus, das im September bei „Achtung Vielfalt“ geboten wird. Beteiligt sind unter anderem auch De Pommerschen Engelspierken aus Barth, bei denen ganze Familien mitwirken, die Theaterwerft Greifswald, Chöre aus Grimmen, Greifswald und Stralsund oder das Projekt „Nosferatour“ aus Wismar, das sich mit 4,20 Meter großen Puppen auf die Spuren des berühmten Horror-Stummfilms begibt. Das Opernale-Ensemble übrigens zeigt bei dieser Gelegenheit noch einmal seine im Vorjahr uraufgeführte Oper „Luise Greger, eine pommersche Gans“ über eine (immerhin nur fast) vergessene Greifswalder Komponistin.

Zu neuer Bedeutung gelangt übrigens der Satz „Das Festival wird aufgezeichnet“. Dafür nämlich sorgt die Dresdner Künstlerin Henrike Terheyden, die in der Tradition einstiger Gerichtszeichner per „graphic recording“ (grafische Aufzeichnung) die Veranstaltungen begleitet und deren Arbeiten im Kulturhaus zu sehen sein werden.

Kulturpolitik im Visier

Eröffnet wird das Festival am 22. September mit einer Podiumsdiskussion. In Zusammenarbeit mit dem Landesverband Soziokultur wollen die Veranstalter der Frage nachgehen, wie kulturelle Vielfalt erhalten und ein „Kultursterben“ verhindert werden kann. Auch die Zukunft der Opernale könne „nicht über den 31. Dezember 2022“ hinaus geplant werden, macht Henriette Sehmsdorf deutlich. Mit Unterstützung diverser Förderer werde das diesjährige Budget von 120 000 Euro aufgebracht. Doch das Festival sei auch als Signal zu verstehen, dass sich in der Kulturpolitik strukturell etwas ändern müsse, um freie Akteure besser abzusichern.

Viele kostenfreie Angebote und eine Festival-Aktie

Der Vorverkauf für „Achtung Vielfalt“ beginnt am 15. Juni. Mit vielen kostenfreien Angeboten im öffentlichen Raum und Eintrittspreisen zwischen 10 und 25 Euro wollen die Gastgeber bewirken, „dass der Preis keine Hemmschwelle darstellt“. Für 75 Euro wird ein Festivalpass fürs Gesamtprogramm erhältlich sein. Zudem kann schon jetzt eine Festival-Aktie erworben werden, die ebenfalls Zugang zu allen Veranstaltungen gewährt und darüber hinaus einen Spendenanteil enthält, der Geflüchteten aus der Ukraine freien Eintritt ermöglicht. Der Spielplan des Festivals ist veröffentlicht auf der Internetseite www.opernale.de.

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