Nord Stream 2 ist fertig, doch eine Betriebserlaubnis soll es wegen des russischen Angriffskrieges nicht geben. Der Chef des vorpommerschen Unternehmerverbandes hält das für einen Fehler.
Nord Stream 2 ist fertig, doch eine Betriebserlaubnis soll es wegen des russischen Angriffskrieges nicht geben. Der Chef des vorpommerschen Unternehmerverbandes hält das für einen Fehler. Jens Büttner
Der Präsident des Unternehmerverbandes Vorpommern, Gerold Jürgens, spricht sich klar für die Genehmigung und In
Der Präsident des Unternehmerverbandes Vorpommern, Gerold Jürgens, spricht sich klar für die Genehmigung und Inbetriebnahme von Nord Stream 2 aus. Heike Rehberg
In Vorpommern setzt man auf den nächsten großen Industrie-Deal. Unternehmer und Politik werben um den Autokonzern V
In Vorpommern setzt man auf den nächsten großen Industrie-Deal. Unternehmer und Politik werben um den Autokonzern VinFast, der in Deutschland ein milliardenschweres Werk plant. Vielleicht im Industriepark bei Pasewalk? Andrej Sokolow/Fred Lucius
Interview

Vorpommerns Unternehmer wollen Erdgas aus Russland und E-Autos aus Vietnam

Vorpommern könnte in der Energie-Krise zu einem Drehpunkt für die deutsche Wirtschaft werden. Doch den Flüssiggas-Import über die Ostsee sieht man im Unternehmerverband kritisch.
Lubmin

Vorpommern hat die Chance, Standort für ein riesiges E-Auto-Werk zu werden. Über Pasewalks Chancen, aber auch über die Zukunft der Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 und den Bau von LNG-Terminals an der Ostsee sprach der Chef des Unternehmerverbandes Vorpommern, Gerold Jürgens, mit Nordkurier-Reporter Ralph Sommer.

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Herr Jürgens, der vietnamesische Autokonzern VinFast will in Deutschland eine topmoderne Fabrik für E-Autos errichten. Für wie groß halten Sie die Chance, dass im Rennen um die Ansiedlung tatsächlich der Standort Vorpommern zum Zuge kommt?

Unser neuer Hauptgeschäftsführer Stefan Rudolph lässt derzeit seine guten Kontakte in Vietnam spielen. Und die Landesregierung betreibt dort sogar ein eigenes Büro. Wir haben dem vietnamesischen Botschafter (auf Lebenszeit) Nguyen Huu Trang unser Pasewalker Angebot mit 156 Hektar Fläche vorgestellt. Unser Land bewirbt sich nun offiziell mit dem Industriestandort Berlin-Szczecin. Und auch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig bringt sich jetzt persönlich ein. Ich denke, wir haben ganz gute Karten.

Ihr Verband pflegt ja schon seit Jahren gute Kontakte zu dem asiatischen Land. Was erhoffen Sie sich davon, abgesehen von der Milliardenansiedlung für Elektrofahrzeuge?

Vor allem Fachleute. Wir haben mal mehrere unserer Firmen angeschrieben und nach dem Bedarf an Arbeitskräften gefragt. Viele haben auf Anhieb geantwortet. Sie brauchen mindestens 300 Leute. Nicht nur in der Usedomer Gastronomie, sondern auch auf dem Bau und im verarbeitenden Gewerbe.

Wir haben vereinbart, dass Interessenten in Vietnam eine Deutschausbildung absolvieren werden, damit wir ihnen dann einen lukrativen Job hierzulande anbieten können. Um unseren Bedarf zu decken und die Gewinnung ausländischer Fachkräfte zu erleichtern, müsste aber dringend das Einwanderungsgesetz in Deutschland angepasst werden.

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Wie man hört, pflegen Sie ja auch gute Kontakte zu Brasilien. Mit Erfolg?

Durchaus. Ich zum Beispiel habe kürzlich einen brasilianischen Bauingenieur eingestellt, der jetzt mit Frau und zwei Kindern nach Deutschland umsiedeln will. Im Januar waren wir mit einer Unternehmerdelegation im brasilianischen Pomerode, einer Kleinstadt mit rund 30 000 Einwohnern.

Die Torgelower Mele-Gruppe und weitere Firmen werden dort und in der nahe gelegenen größeren Stadt Blumenau Abfall-, Biogas-, Strom- und Solartechnologie-Projekte vorstellen. Wir haben dort zwei deutschsprachige Bürgermeister, die Angebote mehrerer vorpommerscher Firmen sehr unterstützen.

Wie ist denn generell derzeit die Stimmung in der vorpommerschen Wirtschaft?

Wir kämpfen noch mit den Folgen der Corona-Pandemie und stellen uns auf neue Personalausfälle ab dem Herbst ein. Wenn dann aber noch ein Gasmangel kommt, dann haben wir ein richtiges Problem, weil zu befürchten ist, dass viele unserer Unternehmen als nicht nachhaltige Industrie eingestuft werden und womöglich die Produktion herunterfahren müssen.

Über die russisch-europäische Gasleitung Nord Stream 1 kommt in Lubmin derzeit nur noch ein Fünftel der lieferbaren Gasmenge an. Der Ruf nach einer Genehmigung von Nord Stream 2 wird immer lauter. Bürgermeister aus Vorpommern forderten das bereits in einem gemeinsamen Brief. Wie stehen Sie dazu?

In unserem Vorstand haben sich alle bislang von mir dazu befragten Mitglieder eindeutig auch dafür ausgesprochen. Wenn hier das Gas ausgeht, dann kann das nicht im Interesse der Arbeitgeber und -nehmer liegen.

Was viele gar nicht wissen: Im Unterschied zu Nord Stream 1, wo das Gas direkt weitergeleitet wird, verfügt Nord Stream 2 auch über Möglichkeiten, direkt in Lubmin Gas abzuzapfen. Das ist bei der ersten Leitung nicht der Fall. Wir haben uns deshalb gefreut, dass Frau Schwesig die Fertigstellung dieser Nord Stream 2 so unterstützt hatte.

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Jetzt sollen zwei LNG-Terminals in Lubmin errichtet werden. Ist das nicht nur aus politischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht die bessere Alternative?

Wer sagt das? Wir wollen Flüssiggas mit Schiffen nach Deutschland importieren und wissen noch nicht mal, was das kosten wird. Es gibt keinen Preisvergleich, keinen Wettbewerb, der verhindern würde, dass die Preise immer weiter steigen. Ein Unternehmer lässt sich üblicherweise immer mindestens zwei, drei Angebote erstellen, ehe er sich dann entscheidet. Sollte die Pipeline Nord Stream 2 nicht in Betrieb gehen, unterstützen wir natürlich die LNG-Terminals.

Würde die Errichtung der geplanten Terminals nicht auch neue Aufträge für die vorpommersche Wirtschaft bedeuten?

Da müssen wir die Ausschreibungen abwarten. Ich glaube aber nicht, dass da bedeutende Aufträge auf uns zukommen werden, denn die erforderlichen Umbaumaßnahmen sind doch sehr begrenzt.

Als die USA das Embargo gegen den Weiterbau von Nord Stream 2 verordneten, hatte das Land die umstrittene Umweltstiftung gegründet, die Firmen beim Weiterbau unterstützte. Welche Firmen das waren, wird nicht veröffentlicht. Auch Sie haben sich dagegen ausgesprochen, warum eigentlich?

Ich kenne natürlich einige Namen, aber was nützt es jetzt, diese publik zu machen. Ich sehe die Gefahr, dass dann diese Firmen von amerikanischer Seite sanktioniert werden, dass womöglich ihr Zahlungsverkehr durch amerikanische Banken eingefroren wird oder die Firmenvertreter Einreiseverbote für die USA bekommen.

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Ein ganz anderes Thema: Der Internationale Frauentag wird künftig in Mecklenburg-Vorpommern zum Feiertag. Nun ist auch noch der Europatag im Gespräch. Was hält die Wirtschaft davon?

Wir haben mal nachgerechnet: Ein zusätzlicher Feiertag kostet ein mittelständisches Unternehmen etwa 30.000 bis 40.000 Euro. Soweit ich weiß, würde aber der Europatag ja nur alle fünf Jahre gefeiert werden. Als Unternehmer kann ich einen zusätzlichen Feiertag nur teilweise befürworten.

Unsere Leute auf dem Bau haben 30 Tage Jahresurlaub, den sie teilweise mit Brückentagen kombinieren. Das heißt, dass sie insgesamt fast 50 Wochentage im Jahr nicht arbeiten. Und dann kommen ja auch noch witterungsbedingte Ausfälle im Winter dazu, für die sie Schlechtwettergeld beziehen.

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Als Geschäftsführer leiten Sie fünf Firmen mit über 500 Beschäftigten. Sie sind im vergangenen Jahr 70 geworden. Wie lange wollen Sie denn noch arbeiten?

(lacht): Ich mache noch mindestens fünf Jahre.

Was halten Sie von der geforderten Rente mit 70?

Ich kann doch keinen Dachdecker mit 65 noch aufs Dach schicken. Klar, gibt es Ausnahmen, aber grundsätzlich sollte es Rente erst mit 70 nur auf freiwilliger Basis und mit entsprechenden Anreizen wie einer flexiblen Arbeitszeit geben. Aber ich kann mir eine zeitlich begrenzte Regelung zur Rente mit 70 vorstellen, etwa für fünf Jahre, bis wir unser Nachwuchsproblem gelöst haben.

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