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Viele Menschen in der Region, die Anspruch auf staatliche Hilfen bei steigenden Wohnkosten hätten, würden diese bislang nicht beanspruchen, glaubt man beim Mieterverein Jens Büttner
Dirk Barfknecht, Geschäftsführer des Mietervereines Vorpommern-Greifswald Foto:
Dirk Barfknecht, Geschäftsführer des Mietervereines Vorpommern-Greifswald Foto: ZVG/Privat
Energiekrise

Mieterverein schlägt Alarm – Tausenden Mietern droht die Kündigung wegen hoher Energiekosten

Der Mieterverein Vorpommern-Greifswald erwartet eine Pleitewelle, die mehrere Tausend Haushalte in der Region erwischen wird. Das sei vielen nicht bewusst.
Greifswald

Dramatisch steigende Betriebskosten erwartet der Mieterverein im Landkreis Vorpommern-Greifswald in diesem Jahr. Von einer Pleitewelle und vielen existenziellen Nöten spricht der Geschäftsführer Dirk Barfknecht (57) auf Nachfrage des Nordkurier.

Der Kostenanstieg und die „explodierenden Energiepreise“ seien vorherzusehen doch real noch nicht spürbar, da die Vermieter derzeit erst die Abrechnungen für das Jahr 2021 versenden. Für viele Haushalte käme das böse Erwachen womöglich erst in einem knappen Jahr, befürchtet er.

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Der Verein schätzt die Zahl derjenigen, die allein im Großraum Greifswald ihre Betriebskosten dann nicht mehr aus eigener Tasche bezahlen können, auf mehr als 2000.

Kaltmieten könnten um 7,9 Prozent steigen

Den Anstieg der Grundmieten sehen die Experten zurzeit jedoch noch moderat bis geringer als im Vorjahr. Beim Thema Mietspiegel-Entwicklung warte der Verein in diesen Tagen ab. „Doch es gibt einen Bereich, den wir genau im Auge behalten. Das sind die sogenannten Index-Mietverträge“, sagt Dirk Barfknecht.

Bei solchen Vereinbarungen drohen den betroffenen Mietern nun drastische Steigerungen. Denn die Entwicklung der Nettokaltmieten orientiere sich in diesen Fällen nicht am örtlichen Mietspiegel, sondern am Preisindex für die Lebenshaltungskosten aller privaten Haushalte in Deutschland.

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Dieser werde vom Statistischen Bundesamt ermittelt. Da die Inflation bei 7,9 Prozent liegt, steigen die Kaltmieten für diejenigen mit solch einem Vertrag jetzt automatisch auch um 7,9 Prozent. „Und das ist natürlich ein erheblicher Anstieg“, sagt der Fachmann, betont aber, dass solche Verträge in der Region eher selten vorkommen.

Katastrophe bei Betriebskosten erwartet

Bei den Betriebskosten steht eine Katastrophe für viele Mieter bevor. Schon im Jahr 2021 sind die Gaspreise heftig gestiegen. „Zwar nicht so wie heute, aber auch um 6 bis 10 Prozent“, sagt der Experte. Das sei nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei den Fachleuten im Verlauf der aufkommenden Energiekrise untergegangen.

Wenn Vermieter im vorausgegangenen Jahr einen sehr günstigen Anbieter hatten und einen Preis von 5,5 Cent pro Kilowattstunde anboten, steige dieser um durchschnittlich 2 Cent. „Darin steckt die Erhöhung von zwei Jahren und das macht natürlich schon viel für den Mieter aus“, sagt der Jurist.

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Sollen Mieter freiwillig mehr bezahlen?

„Mit den aktuellen Abrechnungen bieten einige Vermieter eine freiwillige Vorauszahlung auf die Betriebskosten 2022 an.“ Die Unternehmen wissen um die gestiegenen Preise und überlassen die Entscheidung den Mietern. Was empfiehlt der Mieterverein? Sollte man diese freiwillige Zahlung von 100 bis 200 Euro im Monat leisten?

„Diese Zahlung ist unschädlich. Das sei vorweg betont. Wer 3000 Euro auf dem Konto hat und meint, er könne die Nachzahlung einfach vom Konto abbuchen im kommenden Jahr, für den ist es ja nicht dramatisch“, sagt der erfahrene Berater. Und auf diejenigen, die kein Geld haben, komme die Katastrophe so oder so zu.

Denn sie können weder jetzt vorauszahlen noch in einem Jahr die Nachzahlung bedienen. Dirk Barfknecht empfiehlt persönlich die Vorauszahlung all jenen, die sie jetzt leisten können, um den Schock im kommenden Jahr zu verringern. Auch ein Anbieterwechsel mache derzeit leider keinen Sinn, fügt er hinzu.

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Staatliche Hilfen werden häufig nicht genutzt

Die Fachleute führen momentan knapp 160 Beratungen im Monat durch und helfen Mietern zusätzlich mit Telefongesprächen. Dass die Zahl der durchgeführten Beratungen trotz drohendem Kostenanstieg und vielen Ängsten in Medien und Bevölkerung nicht gestiegen ist, erklärt sich Barfknecht einerseits durch die gute Informiertheit und andererseits durch die typische Gelassenheit der Vorpommern. „Ich schätze die Mieter in unserer Region als sehr vernünftig und intelligent ein“, sagt er.

Wer mit existenziellen Sorgen und großen Ängsten zu den Experten komme, dem empfehlen die Vereinsberater erst mal, eine Finanzübersicht zu erstellen. „Wir müssen sehen, was wir und was wir nicht bezahlen können.“ Als Zweites sei es unerlässlich, staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen, wo es sie gibt.

„Es gibt so viele Mieter, die noch kein Wohngeld beantragt haben“, weiß Barfknecht. Hartz-VI-Empfänger sollten sich auch direkt an ihr Job-Center wenden und dort ihre Fragen vortragen. Einmalige Sonderzahlungen für Energiekosten müssten schließlich auch beantragt werden.

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„Eines haben wir in den vergangenen Jahren nämlich immer wieder sehr erfreut festgestellt: Die Behörden sind nah- und erreichbarer geworden“, lob der Jurist.

Vermieter dürfen Mieter auf die Straße setzen

Wenn dann in einem Jahr die Nebenkosten-Abrechnungen für 2022 kommen, werde das akute Problem entstehen, dass manche Haushalte nicht mehr zahlen können. Theoretisch dürften die Vermieter ihre Mieter dann auf die Straße setzen, wenn wirklich nicht gezahlt wird.

„Deshalb fordern wir von der Politik in dieser Ausnahmesituation als Mietervereine bundesweit einen zeitlich begrenzten Kündigungsstopp für Mietverträge“, sagt Barfknecht. Wenn unerwartete Situationen wie in diesem Jahr eine Bevölkerung so belasten, müsse der Staat seine Bürger schützen. „Und dies auch gesetzlich verankern“, fügt der Jurist energisch hinzu.

Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des Vereins www.mieterverein-vorpommern.de

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