Kommunalwahl in Vorpommern
85-jähriger Ex-Major mischt die SPD auf

Tatkräftig für Japenzin: Albrecht von Hagen will im zarten Alter von 85 Jahren Kommunalpolitiker werden.
Tatkräftig für Japenzin: Albrecht von Hagen will im zarten Alter von 85 Jahren Kommunalpolitiker werden.
Gabriel Kords

Albrecht von Hagen tritt seit Jahren denen auf die Füße, die er für den Niedergang des dörflichen Raums verantwortlich macht. Im Mai will der Japenziner bei der Kommunalwahl antreten.

Japenzin zählt gut 200 Einwohner und verlor vor einigen Jahren seine Selbstständigkeit zugunsten der Gemeinde Spantekow. Der Konsum hat kurz nach der Wende dicht gemacht, das Dorfgasthaus kann nur für Veranstaltungen gemietet werden und die Straße ins Dorf ist in schlechtem Zustand. Japenzin ist in vielerlei Hinsicht ein Dorf wie viele andere im Nordosten.

Allerdings hat nicht jedes Dorf einen wie Albrecht von Hagen: Eine Art Wutbürger, der die Situation in seiner Gemeinde seit fast zehn Jahren anprangert. 2009 zog er in den Ort, weil es ihn wieder in seine pommersche Heimat zog. „Es hat nicht lange gedauert, da habe ich angefangen, die Zustände hier zu hinterfragen“, sagt von Hagen. Dazu gehört vor allem, dass es „im Grunde niemanden hier interessierte, wie es den Menschen in den kleinen Dörfern geht“.

Diesen Vorwurf erhebt der 85-Jährige auch heute noch: „Es ist erschütternd, wie sehr weite Teile der Politik am echten ländlichen Raum vorbeigehen”, sagt er. „Das Gerede vom ländlichen Raum richtet sich oft nur an die kleinen Städte und schließt die Dörfer einfach aus.“ Schnelles Internet, Einkaufsmöglichkeiten, Öffentlicher Nahverkehr – oder eine halbwegs vernünftige Straßenanbindung: Davon können viele der ganz kleinen Orte nur träumen.

Eine Art Berater für Vorpommern-Staatssekretär

Die Entwicklung sei schon Jahrzehnte alt: In Vorpommern gebe es Menschen, die sich seit Kriegsende abgehängt fühlten, sagt von Hagen. Viele Familien seien Heimatvertriebene. Sie hätten ihre Identität zu DDR-Zeiten verleugnen müssen, seien kaum unterstützt worden. Spätestens seit der Wende seien die ländlichen Regionen dann gänzlich aus dem Blickfeld gerückt: „Nach der Wende sind so viele Milliarden für den Aufbau Ost ausgegeben worden“, sagt von Hagen.

„Wirtschaft, Landwirtschaft, Industrie, Küste haben den Aufbau geschafft, aber die Dörfer nicht.“ Der Politik fehle es an Wertschätzung für den dörflichen Raum. Es müsse endlich umgesteuert werden. Von Hagen ist, seit er 2013 anfing, auf die Probleme öffentlich aufmerksam zu machen, durchaus auf offene Ohren gestoßen – bei Kommunalpolitikern, Landräten, sogar Ministern. Manche hat er wieder vergrault. Andere haben Abhilfe geschaffen.

So sind inzwischen etwa die allerschlimmsten Schäden in der Straße ausgebessert. Das Wahllokal, das in Japenzin 2016 gestrichen wurde, ist inzwischen wieder eingerichtet worden, nachdem von Hagen einen regelrechten Aufstand angezettelt hatte. Einer jener Politiker, gegen die er regelmäßig anstänkert, hat ihn überzeugt, dass das Benennen von Problemen allein nicht ausreicht: Patrick Dahlemann, der 30-jährige Vorpommern-Staatssekretär. „Albrecht von Hagen stand sozusagen an meinem ersten Tag als Staatssekretär bei mir auf der Matte und hat geschimpft“, sagt der Sozialdemokrat. Aber: Die Themen, auf die von Hagen aufmerksam mache, seien weitgehend genau die Themen, deretwegen er Staatssekretär geworden sei. Von Hagen fungiere nun für ihn als eine Art Berater.

Liberal-Konservativer auf SPD-Wahlliste

Doch Dahlemann hat auch ein ernstes Wörtchen mit dem 85-Jährigen gewechselt: „Patrick hat mich ermahnt, nicht bloß zu schimpfen, sondern auch daran mitzuwirken, dass es anders wird“, sagt der Senior. Er habe nicht vorgehabt, sich kommunalpolitisch zu engagieren. Aber: „Man muss die Chancen zur Mitgestaltung, die die Demokratie einem gibt, auch ergreifen.“

Nun tritt von Hagen am 26. Mai für die SPD zur Kommunalwahl an – für den Kreistag. Dass er, der frühere Major mit Adelsnamen, der sich selbst als eher „liberal-konservativ“ bezeichnet, jetzt ausgerechnet auf einer Sozi-Wahlliste steht, lässt ihn selbst schmunzeln: „Ich bin ja nicht Parteimitglied geworden“, sagt er. „Aber in der Kommunalpolitik geht es nicht um Parteibücher, sondern um die besten Ideen und darum, dass sich jemand kümmert.“ Genau dafür will von Hagen werben: „Für welche Partei sie sich entschieden, ist letztlich egal – so lange es Demokraten sind. Es geht um Inhalte und darum, tatkräftig etwas zu verändern.“

Kommentare (1)

in den Kreistag für die SPD! Manch einer will mit 85 noch die Welt verändern. Andere haben das noch nicht einmal versucht.