GEJAGT VON TALIBAN

Afghane in Greifswald vermisst seine Familie

Ein 41-Jähriger floh aus Afghanistan, weil die Regierung ihn verriet und die Taliban ihn jagten. In Greifswald hat er sich ein neues Leben aufgebaut und hofft auf ein Wiedersehen mit Frau und Kindern.
Esmail J., ein Geflüchteter aus Afghanistan, in seiner Greifswalder Wohnung. Die Situation in seiner alten Heimat bereite
Esmail J., ein Geflüchteter aus Afghanistan, in seiner Greifswalder Wohnung. Die Situation in seiner alten Heimat bereitet dem 41-Jährigen große Sorgen. Thomas Beigang
Greifswald ·

Der sechsstöckige Plattenbau in Greifswald sieht übel aus. Nächstes Jahr aber, so heißt es, soll das Gebäude kernsaniert werden. Die Mieter müssen sich neue Quartiere suchen und – wenn sie später wieder einziehen – mehr Miete zahlen.

Schon schlimme Zeiten in Afghanistan erlebt

Auch Esmail J. muss sich umsehen und sein Zimmer mit Kochnische verlassen. Die neue Adresse macht ihm aber gerade die wenigsten Sorgen. Viel mehr beschäftigt den 41 Jahre alten Mann aus Afghanistan die Situation in der alten Heimat, in der die radikalislamistischen Taliban binnen kurzer Zeit wieder die Macht an sich gerissen haben. Jetzt, davon ist der Wahl-Greifswalder überzeugt, brechen wieder ganz schlimme Zeiten an. Die der Geflüchtete früher hautnah miterlebt hat – und deshalb darum bittet, seinen vollständigen Namen nicht zu nennen. Sicher ist sicher, denn noch leben seine Geschwister dort und man weiß ja nie.

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Esmail J. gehört zur Volksgruppe der Hazara. Die Hazara sind mongolischer Abstammung, man geht davon aus, dass sich mongolische Soldaten im 13. Jahrhundert in der Region niedergelassen und mit der schiitischen, persischen Bevölkerung vermischt haben. Aufgrund der ethnischen Herkunft, Sprache und des schiitischen Glaubens sind sie immer wieder Opfer von Diskriminierung und Gewalt, insbesondere von paschtunischer Seite, der größten Bevölkerungsgruppe. Viele Hazara sind ins Ausland geflüchtet, vor allem in den Iran, nach Pakistan und Europa. In ihrem Heimatland machen sie nur noch weniger als zehn Prozent der Bevölkerung aus.

Verraten und auf der Flucht fast erschossen

In seinem Dorf war der junge Esmail der allererste und einzige, der sich 2005 zum Dienst in der Armee verpflichtet hat. Vielleicht, so die Hoffnung des Rekruten, könne er so seine Leute besser beschützen. Falsch gedacht. Taliban bedrohten deshalb seine Familie und zwangen ihn zur Abgabe seiner Waffe vor den Dorfältesten.

Das Militär behandelte ihn deshalb als Deserteur, er tauchte unter, wurde verraten und auf der Flucht fast erschossen. Hier, sagt er und zeigt auf seinen linken Unterarm: Narben zeugen von Schussverletzungen. Die Taliban wollten sich an ihm als einem „Verräter“ rächen, und die afghanische Regierung und die Armee, sagt Esmail J., hätten ihn im Stich gelassen.

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Kirchenasyl als Rettung vor der Abschiebung

„Er ist zwischen die Mühlsteine geraten“, sagt der Greifswalder Pfarrer Hans-Joachim Seidel. Der Ruheständler hat den Geflüchteten unter seine Fittiche genommen, seit er 2018 nach Greifswald kam. Damals hatte der Afghane schon eine wahre Odyssee hinter sich. Aus Pakistan, wohin er sich mit seiner Frau und den fünf Kindern in vorläufige Sicherheit gerettet hatte, trieb es Esmail J. nach Schweden.

Von dem Land hatte er eine Menge Gutes gehört und dass Menschen wie er dort willkommen sind. War er aber nicht, nach negativen Asylbescheiden reiste der Mann ohne neue Heimat Hals über Kopf nach Deutschland. Hier wollte man ihn sofort zurück nach Schweden schicken – vor der Abschiebung rettete er sich und zog in eine Kirche in Ludwigslust. Kirchenasyl, da ist der mächtige Staat machtlos. „Ja, aber“, sagt Ex-Pfarrer Seidel, „man darf die Kirche nicht verlassen, sonst wird man verhaftet und abgeschoben“.

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Sechs Monate lang lebte Esmail dort von Spenden und der Barmherzigkeit der Kirche, dann konnte der Mann einen neuen Asylantrag stellen. Noch ist darüber nicht entschieden, jede Woche kann der Brief von der Behörde kommen. Der Afghane fürchtet sich davor.

Größter Teil des Lohns wird an die Familie geschickt

Seidel ist aber ein bisschen optimistisch. Denn der Antrag sei sehr wohl begründet, legt sich der Pfarrer a.D. für seinen Schützling fest, den er nicht nur aus christlicher Nächstenliebe ins Herz geschlossen hat. Denn der habe längst bewiesen, dass er hier leben wolle. Schon im Flüchtlingsheim begann Esmail J. bei einem Ehrenamtler Deutsch zu lernen und hat in einem Dönerladen gearbeitet – ohne Bezahlung, als „Praktikum“. Das Angebot, dort schwarz zu arbeiten, lehnte der Mann aber ab. Im Heim hat er dann Bäder und Toiletten geputzt, für zwei Euro die Stunde.

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Im November 2018 begann der 41-Jährige dann als Hilfskraft in einer Greifswalder Entrümpelungs- und Abrissfirma auf Probe zu arbeiten, schon nach sechs Tagen bot ihm der Chef einen unbefristeten Vertrag an. Bis heute schuftet der Familienvater dort und schickt Monat für Monat den größten Teil seines Lohns an seine Familie in Pakistan.

Brief an Innenminister Horst Seehofer

Die er seit sechs Jahren nur per Telefon und Video kennt. Kommen darf die, wenn sein Asylantrag positiv entschieden ist. An nicht viel anderes mag Esmail J. gerade denken. Vor einer Weile schon hat der Neu-Greifswalder einen Brief an den Bundesinnenminister Horst Seehofer (CDU) geschrieben und ihm die Situation geschildert. Eine Antwort hat er noch nicht erhalten.

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