In dem Buch „Die Neumanns – Eine deutsche Familiengeschichte” wird das tragische Schicksal eines Anklamer Pa
In dem Buch „Die Neumanns – Eine deutsche Familiengeschichte” wird das tragische Schicksal eines Anklamer Paares während der Nazizeit geschildert. Matthias Diekhoff
Jüdisches Leben

Bei Else Neumann entschuldigt sich auch nach dem Krieg niemand

Die Familie Neumann war einst in Anklam alteingesessen und wohlsituiert. Durch den Holocaust wurde sie so gut wie ausgelöscht.
Anklam

Die „Goldenen Zwanziger” sind auch für Else Stahlberg und Martin Neumann eine wunderbare Zeit. Die beiden Anklamer sind lebenslustig, sie reisen viel und gehen gern tanzen. Sie treffen sich mit Freunden und Verwandten.

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Else Stahlberg hat nach der Schule angefangen, als Hausmädchen in Hotels auf der Insel Usedom zu arbeiten. Sie stellt sich gut an und wird bald Empfangsdame in den besseren Hotels der Kaiserbäder. So erfährt sie unter anderem, was modisch in Berlin der „letzte Schrei” ist und kleidet sich dem entsprechend.

Großhandel für Getreide und Dünger

Martin Neumann lernt sie Anfang der 20er Jahre kennen. Er entstammt einer alteingesessenen und gut situierten jüdischen Anklamer Familie. Der Vater von Martin Neumann betreibt einen Großhandel für Getreide, Sämereien sowie Futter- und Düngemittel. Die Familie besitzt mehrere Grundstücke und Gebäude in Anklam.

Martin Neumann macht eine kaufmännische Lehre, um sich auf die Tätigkeit im Familienunternehmen vorzubereiten. Von 1914 bis 1918 ist er als Frontsoldat am Ersten Weltkrieg beteiligt. Seine Einheit ist das 2. Pommersche Ulanenregiment Nr. 9. Nach dem Krieg kehrt er nach Anklam zurück. Gemeinsam mit seinem Bruder gelingt es ihm, die Familienfirma zu stabilisieren und auszubauen.

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In Neubrandenburg geheiratet

Nachzulesen sind diese vielleicht gar nicht mal so ungewöhnlichen Lebensläufe in dem Buch „Die Neumanns – Eine deutsche Familiengeschichte” von Holger Strube-Schurtz. Der Autor hat das Schicksal des Anklamer Paares anhand von Dokumenten rekonstruiert, die über Jahrzehnte in der Familie von Else Stahlberg aufbewahrt wurden, und mit eigenen Recherchen ergänzt.

In dem Buch abgebildet ist unter anderem auch die Bescheinigung über die Eheschließung des Paares am 10. November 1933 in Neubrandenburg. Dass dies nicht in seiner Heimatstadt geschah, hat nach Ansicht des Autor vor allem mit der Entwicklung in Anklam zu tun.

Auf offener Straße angespuckt

Die Propaganda der Nationalsozialisten hat auch an der Peene die öffentliche Meinung gegenüber den jüdischen Mitbürgern verändert. Freunde und Bekannte von Else und Martin Neumann ziehen sich mehr und mehr zurück. Else Neumann wird auf offener Straße beleidigt und angespuckt.

Ihr Mann wird absichtlich vom Bürgersteig gedrängt, weil es ihm wegen seiner Abstammung nicht zustehe, diesen zu benutzen, heißt es in dem Buch. Auch das Geschäft der Neumanns wird Anfang der 30er Jahre boykottiert. Unter anderem werden die Mühlen und Getreidehändler der Umgebung aufgefordert, mit den Neumanns keine Geschäfte mehr zu machen. 1935 muss die Firma aufgegeben werden.

Ausreise nach Amerika misslingt

Gegen Ende des Jahres entscheidet sich das Paar, nach Berlin umzuziehen. Das tut auch der Bruder von Martin Neumann, weitere vier Geschwister wohnen bereits in der Großstadt. Dort geht es zwar etwas anonymer zu, allerdings findet Martin Neumann dort keine Arbeit, weil er Jude ist. Die Familie muss vom Ersparten leben.

Die Repressionen der Nazi-Regierung gegenüber der jüdischen Bevölkerung nehmen ständig zu. Am 9. November kommt es in vielen Orten Deutschlands zu Pogromen. Auch Else und Martin Neumann werden in ihrer Wohnung überfallen. Martin Neumann wird ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht und dort inhaftiert.

Anfang 1939 wird er wieder entlassen und bemüht sich um eine Ausreise nach Amerika, was letztendlich aber nicht gelingt. In den folgenden Jahren wird er immer wieder zur Zwangsarbeit in verschiedene Lager geschickt.

Letztes Lebenszeichen aus Auschwitz

Am 23. Januar 1943 wird er erneut verhaftet und ins Gefängnis des Berliner Polizeipräsidiums am Alexanderplatz gebracht. Im Mai 1943 erhält erhält Else Neumann einen Brief von ihrem Mann aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Es ist das letzte Lebenszeichen von ihm. Im Juni teilt man Else Neumann in Berlin mit, dass ihr Mann verstorben sei. Als Todesursache wird Herzversagen angegeben.

Else Neumann kehrt nach Anklam zurück und wohnt bei Vater und Schwester in der Peenstraße 29. Einige der Anklamer, von denen sie zuvor gedemütigt wurde, leben noch dort. Entschuldigungen gibt es auch nach dem Krieg offenbar nicht. Else Neumann selbst sieht nach Angaben des Autors auch keinen Sinn darin, nachträglich Rechenschaft einzufordern.

Namen nennt sie nicht. Nach dem Tod ihres Vaters zieht sie nach Stuttgart um, wo sie 1978 stirbt. Letztendlich wurden zehn Mitglieder der Anklamer Familie Neumann deportiert. Neun davon wurden ermordet. Nur vier Neumanns konnten sich durch die Flucht nach Amerika retten.

Das Buch „Die Neumanns – eine deutsche Familiengeschichte” ist unter anderem im Museum im Steintor erhältlich.

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