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Beschleunigungsspur für Öko-Strom

Die riesige Halle des Maschinenhauses des einstigen Kernkraftwerkes Lubmin ist in den vergangenen Jahren zur Produktionsstätte von Industrie-Unternehmen geworden.  Foto: Stefan Sauer

VonJörg SpreemannDer Regionalversorger E.ON edis investiert auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks Lubmin sechs Millionen Euro und nimmt eine ...

VonJörg Spreemann

Der Regionalversorger E.ON edis investiert auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks Lubmin sechs Millionen Euro und nimmt eine Schaltstelle für Öko-Strom aus
Vorpommern in Betrieb.

Lubmin.„Die Sammelschiene funktioniert wie eine Wasserleitung“, erklärt Bernd Mücke die Funktion des viele Meter langen Metallrohrs in lichter Höhe. Allerdings werde über den Strang kein kostbares Nass transportiert, sondern Strom, berichtet der Projektleiter des Netzbetreibers E.ON edis. Der regionale Versorger in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg hat auf dem Gelände des einstigen Kernkraftwerkes Lubmin für sechs Millionen Euro einen Energieknoten geknüpft. Wegen des langen Winters habe es länger als geplant gedauert, die Enden des armdicken 110-Kilovolt-Kabels, das eine Länge von 1600 Metern aufweist, mit der neuen Schaltanlage zu verbinden, berichtet Mücke.
Lubmin gehöre ab sofort zu den Standorten im Leitungsnetz von E.ON edis, an denen die wachsende Menge an Öko-Strom in die bundesweite Hochspannungsautobahn gespeist werde, ergänzt Thomas Knübel, verantwortlich für die Umspannwerke. Die Elektrizität werde in ganz Vorpommern eingesammelt und über eine bereits bestehende Trasse geschickt, über die zu DDR-Zeiten das Kernkraftwerk Lubmin mit Strom beliefert wurde. „Wir hätten nie gedacht, dass wir nicht nur Stromversorger, sondern auch -entsorger werden“, sagt Knübel. Derzeit liege das Angebot an Strom aus Wind, Sonne und Biogas um das Dreifache über dem
Bedarf im Nordosten. Die überschüssige Elektrizität müsse nach Hamburg,
Nordrhein-Westfalen oder Bayern geschickt werden. E.ON edis ist gesetzlich verpflichtet, erzeugte Öko-Energie abzunehmen.
Der Strom fließt von Lubmin aus vorläufig über eine Umleitung zu den weit entfernten Verbrauchern. Während E.ON edis die eigenen „Strippen“ gezogen hat, ist die Beschleunigungsspur auf die Stromautobahn des vorgeschalteten Netzbetreibers „50 Hertz Transmission“ in Lubmin noch eine Baustelle. Deswegen „tuckert“ der Öko-Strom erst mit der Spannung von 110 000 Volt auf einer gemieteten Leitung zum Umspannwerk Lüdershagen bei Stralsund, um von dort aus mit „Höchsttempo“ 380 000 Volt im 50-Hertz-Netz auf die Reise in den Süden zu gehen.
Der Aufbau der neuen Schaltstelle hat einen weiteren Grund: Neben einer Solaranlage mit einer Leistung von 1,8 Megawatt erzeugt in Lubmin ein Industriekraftwerk weit mehr als 20 Jahre nach der Stilllegung der Atommeiler Strom. Die Elektrizität ist ein Nebenprodukt der Ostsee-Pipeline, durch die Erdgas aus Russland nach Mitteleuropa fließt und die in Lubmin ans Festland andockt. Vor Ort wird das Gas für den Weitertransport aufgewärmt und nebenbei mehr Strom erzeugt, als im Industriegebiet auf dem Gelände des Kernkraftwerks verbraucht wird. Überwacht vom brandenburgischen
Fürstenwalde aus, wird über den neuen Energieknoten auch der „Saft“ aus dieser Quelle zu den Verbrauchern transportiert.
„Der Ausbau unseres Leitungsnetzes ist für uns das große Thema“, erläutert E.ON edis-Sprecher Michael Elsholtz. Im vergangenen Jahr seien dafür über 100 Millionen Euro investiert worden. Der Boom der erneuerbaren Energie sei ungebrochen. Die politische Debatte um eine veränderte Förderung des Öko-Stroms spiegele sich noch nicht im Rückgang der Zahl beantragter Projekte wider. Die Kosten für den Betrieb, die Wartung und den Ausbau der Netze zahlen die Stromkunden.

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j.spreemann@nordkurier.de