Riems

Corona-Impfstoff wird in Vorpommern getestet

Arbeiten hinter Glaswänden – das soll Transparenz demonstrieren. Das Forschungsgelände auf der Halbinsel Riems an sich ist aber nicht frei zugänglich.
Thomas Mettenleiter (r), Leiter des Loeffler-Instituts im Gespräch mit Staatssekretär Patrick Dahlemann (SPD) bei dessen Besuch auf der Forschungsinsel.
Rinder, Bienen, Frettchen, Fische. Ein halber Zoo lebt auf dem Riems. Doch kein Tier darf die Insel verlassen – weder tot noch lebendig.

Mit geballten Kräften und hoffentlich bald mehr Geld wird auch am Friedrich-Loeffler-Institut an einem Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht. Dabei spielen Tierversuche eine wichtige Rolle.

Die Welt redet von einer zweiten Corona-Welle. Ein Blick auf die Infektionszahlen kann einen dagegen glauben lassen, dass in Vorpommern noch nicht einmal die erste Welle richtig angekommen ist. 140 bestätigte Fälle gab es seit Anfang März im Landkreis. Trotzdem wird mitten in Vorpommern ein entscheidender Beitrag im Kampf gegen das Virus geleistet. Es geht um die Entwicklung eines Impfstoffes.

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Auf der Halbinsel Riems mitten im Greifswalder Bodden, befindet sich das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI). Hier hat der Namensgeber vor 110 Jahren mit seiner Arbeit in den Bereichen der Medizin, Hygiene und Bakteriologie bahnbrechende Fortschritte erzielt und das weltweit erste Institut für Virologie gegründet. Von diesem Ruhm hat das FLI bis heute nichts eingebüßt.

„Jeder sollen sehen können, was wir hier machen”

Laboratorien wie auf dem Riems, die von der ersten bis zu der höchsten Sicherheitsstufe S4 reichen, sind so sonst nirgendwo zu finden. Denn sie sind „offen“. Durch Glaswände kann man den Experten bei der Arbeit zuschauen – zumindest theoretisch. Der Direktor der Einrichtung, Professor Thomas Mettenleiter erklärt, dass die Bauweise keine praktische Bewandtnis habe. „Das haben wir für die Transparenz gemacht. Jeder soll sehen können, was wir hier machen.“ Offenheit sei wichtig, sonst entstünden Gerüchte. Mettenleiter erinnert mahnend an die Geschichte aus Tübingen, dem ersten Standort des Instituts. Als der normale Außenzaun in den 80ern gegen einen Hochsicherheitszaun ersetzt wurde, kamen Gerüchte und Legenden auf. Das will er hier vermeiden. Denn Stoff für Legenden gäbe es auf der gesperrten Halbinsel, die nur nach Anmeldung und mit triftigem Grund betreten werden darf, genug.

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Denn hinter den doppelten Sicherheitsfenstern forschen über 100 Doktoranden und zahlreiche weitere Wissenschaftler an für Tiere und Menschen gefährlichen Viren. Schweinepest, BSE, Vogelgrippe, Ebola und nun natürlich auch an Corona. Immerhin ist das Virus eine sogenannte Zoonose. Es hat also den Artensprung von Tieren auf den Menschen geschafft und ist damit nicht nur für Menschen, sondern auch für Haus- oder Nutztiere eine potenzielle Bedrohung.

Frettchen nehmen Corona ähnlich auf wie Menschen

Die Wissenschaftler am FLI arbeiten in gleich mehreren Bereichen mit dem Sars-CoV2-Virus. So gehe es um die Identifizierung von Zwischenwirten im Tierreich, mögliche Auswirkungen auf die Landwirtschaft, also auf Nutztiere und eben auch um eine mögliche Therapie oder Impfung. Aktuell wird auf dem Riems nur ein Mittel von Wissenschaftlern der Ludwig-Maximilians-Universität in München getestet, es kämen jedoch immer wieder Anfragen, erklärt Mettenleiter. Dort arbeite man an einem der „Kandidaten“. Also einem Impfstoff, auf den Hoffnungen gesetzt werden, dass er im Kampf gegen das Virus helfen kann.

Für die Versuche nutzen die Virologen vor allem Frettchen und Goldhamster. Mäuse könnten sich, nach bisherigem Wissensstand nicht anstecken, Frettchen aber nehmen das Virus ähnlich auf wie Menschen, vor allem im Rachenbereich, wo sie es auch verteilen. Goldhamster würden sogar Symptome zeigen, erklärt Mettenleiter. Er redet respektvoll über die Tiere, denen die Forschung viel zu verdanken habe. Als er an dem Freiluftgehege mit Alpakas und Ziegen vorbeigeht, erzählt er lachend, dass er sich manchmal eher wie ein Zoodirektor fühle. Hier, auf dem Riems, gibt es beinahe alles. Von Bienen über Fische bis zu Rind und Zecken.

Es fehlt vor allem an Forschungspersonal

In der Regel verlässt keines der Tiere die Insel lebend. Das ist keine Quälerei, sondern sei notwendig. Daran erinnert ein Ausbruch der Maul- und Klauenseuche im englischen Surrey 2007. Der Erreger trat durch falschen Umgang mit der Gefahr aus einem Labor aus. Auch wenn in diesem Fall ein schnelles Eingreifen Schlimmeres verhinderte, erinnerten sich doch viele an den verheerenden Ausbruch der Krankheit wenige Jahre zuvor. Allein in England mussten damals über sechs Millionen Tiere notgeschlachtet werden. Mettenleiter ist offen, wenn es um das Verfahren mit den Tieren geht. Waren sie einmal in einem S4-Labor, führt der Weg raus über ein kochendes, alkalisches Bad. Von den Tieren bleibt nichts übrig. Auch keine Gefahr.

Hier spüren die Wissenschaftler vom Riems wohl am deutlichsten, wie Corona sich auswirkt. Der Kochbehälter ist eine US-amerikanische Erfindung. Er wird gerade gereinigt und muss neu eingestellt werden. Das müsste jedoch ein Mitarbeiter aus der Firma machen. Er darf jedoch gerade nicht einreisen. Ein Problem, das es noch zu lösen gilt. Vielleicht gibt es bis dahin ja einen Durchbruch beim Impfstoff. Dafür wartet man beim Loeffler-Institut derzeit auch auf finanzielle Zusagen vom Bund. Auf die nächsten drei Jahre brauche er 1,5 bis 2 Millionen Euro, so Mettenleiter. Er benötige vor allem mehr Personal, damit die Forschung weitergehen kann. Übergangsweise habe man Mitarbeiter von anderen Projekten abgezogen, die jetzt am Corona-Virus arbeiten.

Philipp Schulz

p.schulz@nordkurier.de
Redakteur

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