Streit an der Uni Greifswald

Der Rechts-Professor

Der Mann mit dem Stinkefinger lehrt Jura an der Uni Greifswald, will für die AfD in den Landtag und hat gerade einem wegen Volksverhetzung verurteilten Neonazi zu Doktorwürden verholfen. Die Aufregung darüber ist groß, die Schlagzeilen sind empört. Doch wie rechts(extrem) ist der Rechts-Professor? Ein Ortstermin.
Professor Ralph Weber zeigte bei einer AfD-Demo in Stralsund am Sonnabend den Stinkefinger in Richtung der Gegendemonstraten. "Ein Fehler. Ich hätte lieber meinen nackten Hintern zeigen sollen", sagt er.
Professor Ralph Weber zeigte bei einer AfD-Demo in Stralsund am Sonnabend den Stinkefinger in Richtung der Gegendemonstraten. "Ein Fehler. Ich hätte lieber meinen nackten Hintern zeigen sollen", sagt er. ZVG/ER
Greifswald

Es ist alles da. Odin, der über das Haus wachen möge, das Thor-Steinar-Plakat, über das so viel gemunkelt wurde, die Schlacht im Teutoburger Wald, bei der die Germanen den Römern eine vernichtende Niederlage beibrachten. Bilder, Skulpturen, Germanenkult. Dazu Bücher überall, bis zur Decke, es ist mehr eine Höhle als ein Büro, und dann kommt der Höhlenbewohner, und schon sitzt man in einem uralten Sessel in einem Büro in der vornehm vor sich hingammelnden Juristischen Fakultät in Greifswald, es riecht nach dem Staub von 100 Jahren, kein Wasser, kein Kaffee. Die „Lügenpresse“, wie er sie schon des Öfteren genannt hat, wird empfangen von Deutschlands derzeit umstrittenstem Professor. Zwei, drei Freundlichkeiten, dann geht’s los, wobei man merkt, dass Weber hellwach bleibt.

Dass Stürme der Empörung über ihn hereinbrechen, ist Weber nämlich gewohnt, beinahe ist man geneigt zu vermuten, dass er das sogar ein wenig genießt und auch gerne anfacht. Der letzte Empörungssturm ist jetzt drei Wochen alt, ausgelöst hat ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die berichtete am 6. April, Weber habe einen Neonazi promoviert, ihm also den Doktortitel verliehen. Überschrift: „Fragwürdige Sympathien“. Vier Tage später erschien der Artikel im Internet. Dort hieß die Überschrift sogar: „Wenn der Professor das rechte Auge zudrückt“.

Da sitzt Weber nun also, drei Wochen später, in seinem Büro, beide Augen geöffnet, und es scheint, als amüsiere ihn das Ganze. Der Vorwurf, den erst der FAZ-Bericht und dann weitere Artikel erhoben, lautet: Weber hat zugelassen, dass der 31-jährige Maik Bunzel an seinem Lehrstuhl eine Doktorarbeit einreicht. Dabei ist Bunzel ein Rechtsextremer!

Doktorand Bunzel hat eine rechtsextreme Vorgeschichte

Aus der Luft gegriffen ist der Vorwurf nicht: Bunzel war tatsächlich Mitglied einer rechtsextremen Band mit dem wenig erbaulichen Namen „Hassgesang“. Die Texte der Band verherrlichten Adolf Hitler, hetzten gegen Juden – und führten auch zu mindestens einer Verurteilung Bunzels wegen Volksverhetzung und weiterer Straftaten. Das allerdings ist über ein Jahrzehnt her. Unter anderem wegen dieser Band wurde Bunzel vom Brandenburgischen Verfassungsschutz als Rechtsextremist eingestuft. Als er 2014 in Bayern Richter auf Probe wurde, sorgte seine Vergangenheit für reichlich Schlagzeilen. „Spiegel online“ berichtete, in diesem Zusammenhang habe Bunzel einen Bogen zu seiner Verfassungstreue „offenbar nicht wahrheitsgemäß“ ausgefüllt. Inzwischen arbeitet er nicht mehr als Richter, sondern als Rechtsanwalt in Cottbus.

Dr. Maik Bunzel ist er inzwischen. Aber was ist er noch? Neonazi? Ex-Neonazi? Immernoch-Braun? Immerhin trat Bunzel vorige Woche als Anwalt im Münchener NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe auf – er verteidigte dort vertretungsweise den Mitangeklagten Ralf Wohlleben. Ein Beweis für seine rechtsextreme Gesinnung ist das nicht, allenfalls ein Indiz. Zumal die Verteidiger Wohllebens, anders als die von Beate Zschäpe, größtenteils bekannte Nazi-Anwälte sind.

Geschrieben wird viel, nachgefragt angeblich nicht

Dem Nordkurier sagte Bunzel auf Anfrage, dass er heute vieles nicht mehr tun würde, was er als 18-Jähriger getan habe. Und nein, er sei kein Nazi, das sei absurd. Seine Promotion sei nicht das Ergebnis eines rechten Netzwerks. Und es tue ihm äußerst leid, dass Professor Weber wegen ihm jetzt so viele Scherereien habe. Was man halt so sagt, wenn die Presse fragt. Wenn sie denn fragt: Denn Maik Bunzel gibt weiter zu Protokoll, dass ja viel über ihn geschrieben worden sei, sich aber kaum ein Journalist die Mühe gemacht habe, mit ihm zu reden. Ähnlich ist es mit Professor Weber, der seinerseits betont, es tue ihm äußerst leid, dass Bunzel seinetwegen diesen Ärger habe.

Auch über Weber war schon viel zu lesen, allerdings wenig darüber, was er zu der ganzen Angelegenheit sagt. Seltsam, denn zumindest eine Nordkurier-Anfrage nach einem Gespräch wird sofort positiv beschieden. Andere Medien, beteuert er, hätten gar nicht gefragt und dann einfach geschrieben, er habe ihre Anfragen nicht beantwortet.

Weber: "Ich wusste nicht, wer das ist"

Zu den Vorwürfen gegen Maik Bunzel sagt Weber, er habe nichts von dessen rechtsextremer Vorgeschichte gewusst. Erst im Zuge der Presse-Berichterstattung habe er sich mit der Bunzel-Band „Hassgesang“ auseinandergesetzt. Die Texte finde er „ekelerregend“. Weber sagt allerdings auch: Mit der wissenschaftlichen Qualifikation des Mannes habe das nichts zu tun. Und er als Professor habe auch nicht über gegenwärtige oder vergangene Gesinnungen zu befinden, sondern über wissenschaftliche Leistungen. Und überhaupt: Auch in einem Fall Bunzel müsse der Gedanke der Resozialisierung Anwendung finden können.

Die Uni dagegen war empfindlich in ihrem Selbstverständnis als Hort der Weltoffenheit und Toleranz berührt. „Entsetzt“ sei man gewesen, als man erfahren habe, „dass kürzlich an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät ein medizinrechtliches Promotionsverfahren von einer Person abgeschlossen wurde, der laut Medienberichten rechtsextreme Äußerungen zugeschrieben werden, die im Jahr 2004 zu einer Verurteilung wegen Volksverhetzung geführt haben sollen.“

Mittlerweile verweist die Universität auf Anfrage auf einen Beschluss des Senats aus der vorigen Woche. Dort zitiert man unter der Überschrift „Weltoffenheit statt Intoleranz“ aus dem Uni-Leitbild: „Die Universität lädt Menschen jeglicher Herkunft und Überzeugung ein, an akademischer Bildung teilzuhaben. ... Daraus ergibt sich die Verpflichtung für sie und für jedes ihrer Mitglieder, in Forschung, Lehre und Studium für eine freiheitliche, zivile und demokratische Gesellschaft einzutreten und sich für das friedliche Zusammenleben der Menschen und Völker einzusetzen.“

Weber sagt nun allerdings, dass er diesem Leitbild absolut gerecht werde. So habe er auch schon einen Türken und einen Syrer auf dem Weg zum Doktortitel begleitet, auch zwei Frauen, die Funktionen in der Linkspartei hätten. Rund 50 völlig unterschiedliche Menschen, mehrheitlich Frauen, habe er schon promoviert. In keinem Fall habe er dabei die Kandidaten auf ihre politische Gesinnung hin durchleuchtet, das sei auch nicht seine Aufgabe, das gebe die Promotionsordnung auch nicht her.

In der NS- und DDR-Zeit gab es eine Gesinnungsprüfung – aber heute?

Das Bedauern der Uni-Leitung darüber, dass die Verleihung der Doktorwürde an Bunzel nicht mehr zu verhindern gewesen sei, hat Weber allerdings zum Anlass genommen, sich noch einmal intensiver mit der Promotionsordnung zu beschäftigen. Und da, sagt er, habe er im Archiv interessante Varianten gefunden. Beispielsweise aus dem Jahr 1938. Die NSDAP sei sehr kreativ gewesen, wenn es um den Ausschluss unerwünschter Wissenschaftler gegangen sei. Auch in der Rechtsgeschichte der DDR gebe es entsprechende Vorlagen. Er selbst allerdings würde sich bei Neuauflage solcher Praktiken nicht mehr zu einer Mitarbeit bereitfinden. Spricht’s und lächelt maliziös.

Im politischen Streit ist das Webers erprobteste Waffe: Ein Hauch akademischer Arroganz, eine Portion Frechheit, dazu gerne auch mal eine offen zur Schau gestellte rechte Gesinnung, die aber serviert mit unbestechlich erscheinender Logik: Das treibt seine Kritiker schon immer auf die Barrikaden und lässt sie umso verzweifelter protestieren, desto unangreifbarer er sich hinter formaljuristischer Korrektheit verschanzt.

2010 trug er demonstrativ Thor-Steinar-Kleidung

Ein Paradebeispiel stammt aus dem Jahr 2010, Weber trat da öffentlich mit Thor-Steinar-Kleidung auf, der Liebslingsmarke vieler Rechtsextremer. Als Reaktion darauf erließ die Universität eine Hausordnung, nach der sie das Tragen rechtsextremer Kleidung verbot. Weber führte zu seiner Verteidigung an, er interessiere sich für germanische Mythologie, woran kein Zweifel bestehen kann, wenn man sich mal in seinem Büro umgeschaut hat. Das Tragen der Thor-Steinar-Kleidung wolle er nicht den Rechtsextremen überlassen, ebenso wenig die Pflege des germanischen Kulturerbes. Am Ende gab die Uni klein bei, und noch heute ziert ein Thor-Steinar-Poster das Büro Webers.

Immer wieder beschwerten sich Studenten zudem über angeblich frauenfeindliche und irgendwie rechtsextreme Ausfälle in seinen Vorlesungen. Bewiesen werden konnten die Vorwürfe nie, an konkreten Zitaten fehlt es auch. Es ist ein „Irgendwie“-Unbehagen mit der Gesinnung des Professors. Und er ist ja auch tatsächlich rechts, das sagt er auch selbst, ohne zu zögern.

Bis zu seinem Austritt 2014 sei er jahrzehntelang Mitglied im „rechten Flügel“ der CDU gewesen. In den 80er Jahren wäre er beinahe schon einmal rausgeworfen worden, weil er in seiner baden-württembergischen Heimat einen CSU-Ortsverband gründen wollte. Dem Rauswurf aus der CDU Mecklenburg-Vorpommern kam er zuvor, indem er zurück in seinen CDU-Verband in der Heimat wechselte. Dort habe man sich über seine Rückkehr gefreut, behauptet er.

Und warum jetzt die AfD? Er sei der Partei erst beigetreten, sagt Weber, als klar gewesen sei, dass sie nicht auf „neoliberalem Lucke-Kurs“ weitermachen werde, sondern auf „national-konservativem Kurs“. Über eine Partei rechts der CDU denkt er schon seit Jahren öffentlich nach, hielt zu diesem Thema sogar Vorträge, unter anderem bei einer Burschenschaft.

„Ich hätte meinen nackten Hintern zeigen sollen“

Weber kandidiert nun für die AfD bei den Landtagswahlen im September für den Wahlkreis Usedom, einen Platz auf der Landesliste hat er nach eigenen Angaben nicht. Vorige Woche dann entstand das Stinkefinger-Foto, bei der AfD-Wahlkampfauftakt-Veranstaltung mit Alexander Gauland in Stralsund. Weber sagt: „Ich habe mich von den Gegendemonstranten dazu hinreißen lassen, die hatten es noch viel schlimmer getrieben.“ Den Finger habe er für höchstens fünf Sekunden gezeigt. Klingt da so etwas wie Reue durch? Wohl eher nicht: „Ich hätte ihnen den nackten Hintern zeigen sollen“, meint Weber vielmehr. Wobei er das allerdings als historisches Zitat aus Goethes Götz von Berlichingen verstanden wissen will. Burg Berlichingen liege immerhin keine zehn Kilometer entfernt von seiner Heimatstadt, Krautheim im Odenwald. Und, ganz Jura-Professor, schiebt er nach: Schon drei Mal wurden Leute für diese Form der Beleidigung freigesprochen, weil sie sich glaubhaft auf das Götz-Zitat berufen hätten. Und da ist es wieder, dieses Lächeln eines Mannes, der sich schon auf den nächsten Streit freut.

Ist Weber also vielleicht einfach nur ein akademischer Querulant mit schrägem Humor, der nicht einstauben will in seinem juristischen Studierzimmer und stattdessen lieber Staub aufwirbelt?

Weber widerspricht entschieden. Manchmal sei er zwar schon belustigt über die Reaktionen, die er ernte. Sein politisches Engagement sei aber sehr ernst. Und das ist er dann auch selbst. Schließlich gehe es um Deutschlands Zukunft, belehrt er, darum, ob es das Land so in 50 Jahren noch gebe oder nicht.

Und weil es um diese zentrale Frage gehe, verstehe er auch manche aufgeregte Gegenreaktion bei linken Gegnern. Mit Blick auf die deutsche Geschichte könne er die sogar verstehen. Ein Rechter löse dort offenbar Urängste aus, das Ende von Toleranz und Freiheit scheine unausweichlich verbunden mit dem Aufstieg einer Partei wie der AfD. Dabei, so Weber, seien das genau die Werte, für die er auch selbst eintrete. Und dabei lächelt er schon wieder, als würde er sich auf den nächsten wütenden Proteststurm freuen.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Greifswald

zur Homepage