VIREN-STATISTIK IM FOKUS

Die sonderbaren Corona-Zahlen aus Vorpommern-Greifswald

Seit Wochen verlässt sich die Bevölkerung auf die täglich neuen Zahlen des Robert-Koch-Institutes. Dort laufen die bestätigten Corona-Fälle aus den Ländern und Kreisen zusammen. Doch es gibt auch Zahlen, die bislang nicht veröffentlicht wurden.
Seit Mitte März wurden die Kapazitäten für Corona-Tests deutschlandweit massiv erweitert. Im Kreis Vorpommern G
Seit Mitte März wurden die Kapazitäten für Corona-Tests deutschlandweit massiv erweitert. Im Kreis Vorpommern Greifswald wurde trotz stationärer und mobiler Abstrichzentren der überwiegende Teil der Verdachtsfälle gar nicht auf das Virus untersucht. Britta Pedersen
Vorpommern.

Seit das Coronavirus in den Alltag Einzug gehalten hat, ist vieles anders. Gewohnheiten wurden aufgebrochen und neue Riten sind hinzugekommen. Eines dieser neuen Rituale ist die tägliche Veröffentlichung der aktuellen Zahlen an neuen Infektionen. Meistens werden diese am späten Nachmittag durch das Robert-Koch-Institut, die Landesämter für Gesundheit und Soziales (LaGuS) und teilweise auch die Kreise selbst veröffentlicht.

An diesen Zahlen wird bereits seit Wochen das Schicksal des Landes gemessen. Die Zahl der Neuinfektionen muss sinken, die Reproduktionszahl, also der Wert, der angibt, wie viele andere Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt, muss sinken. Von diesen Zahlen soll abhängen, wie Politiker entscheiden, wann und ob etwa Kitas, Schulen oder der Einzelhandel öffnen oder schließen.

Verdachtsfälle vier Mal höher als bestätigte Fälle

Seit Dienstagabend gibt es neue Zahlen. Andere Zahlen als sonst. Der Kreis hat „Auf vielfachen Wunsch, auch der Gemeinden“, wie der Leiter des Verwaltungsstabes, Dietger Wille (CDU) es sagte, genauere Zahlen veröffentlicht. Zum einen wird nun klar, wie viele Infizierte es in welchen Ämtern und Städten in Vorpommern-Greifswald gab. Wie viele von ihnen genesen sind und wie viele durch das Virus sterben mussten. Des Weiteren hat sich der Kreis aber auch entschieden, zwei weitere Werte an die Öffentlichkeit zu geben: „Wahrscheinliche Fälle“ und „Verdachtsfälle“. Zahlen, die in der öffentlichen Debatte bislang kaum auftauchten. Dass die Behörde überhaupt eine solche Art „offizielle Dunkelziffer“ der Infektionen erfasst, war wohl nur einzelnen Eingeweihten bekannt. Wie Kreis-Sprecher Achim Froitzheim bestätigt, gebe es für die Berechnung dieser Zahlen auch keine bundeseinheitlichen Kriterien.

Doch was bedeuten diese Werte, die viermal so hoch sind wie die Zahl der bestätigten Infektionen? Werden die wahrscheinlichen Infektionen und die Verdachtsfälle zu den nachgewiesenen CoVid19-Fällen gerechnet, sind es mit Stand Montag nicht mehr 129 sondern plötzlich 525 Fälle im Kreis. Ein deutlicher Unterschied, der auch die Frage aufwirft: Warum wurden so viele Menschen nicht getestet, obwohl es einen Infektionsverdacht gab, teilweise sogar als „wahrscheinlich“ galt, dass sie sich angesteckt haben?

Für den Kreis ist das eine „Frage der Philosophie“, wie Kreis-Sprecher Achim Froitzheim es formuliert. Die Philosophie nämlich, wie sinnvoll Massentests sind. Kommt es zu einer Pandemie, definiert das Bundesinfektionsschutzgesetz die Zuständigkeiten. Hier ist geregelt, dass die einzelnen Gesundheitsämter der Kreise die Entscheidungsgewalt haben. In Deutschland gibt es 294 Kreise, also theoretisch auch 294 verschiedene Philosophien zu den Massentests. In Vorpommern-Greifswald hat man sich dagegen entschieden.

In Vorpommern-Greifswald jede Infektionskette aufgedeckt

Was in Ballungsräumen und bei besonderen Lagen, etwa den Ausbrüchen der Krankheit in den Pflegeheimen Ahlbeck und Tutow, sinnvoll sei, würde über einen längeren Zeitraum und in der Fläche, die der Kreis hat, Unmengen an Kapazitäten binden, wie Froitzheim, die Entscheidung begründet. Personal, Zeit, Kapazitäten in den Laboren, bis hin zur Knappheit der Schutzkleidung für diejenigen die Tests abnehmen sollen.

Deswegen habe der Verwaltungsstab mit der zuständigen Amtsärztin abgewogen und eine Entscheidung getroffen. Neben den Personen die Symptome zeigen und getestet werden, gibt es als erste Abstufung „wahrscheinliche Fälle“. Hier listet der Kreis „Hochrisikokontakte“. Menschen, die mit Corona-Infizierten engen Kontakt hatten, aber selbst keine Symptome zeigen. Sie werden für 14 Tage zur Quarantäne aufgefordert oder können sich, soweit der Hausarzt einer Überweisung zustimmen sollte, testen lassen. Ähnliches gilt für die Verdachtsfälle. Auch sie können direkten Kontakt zu infizierten haben und müssen sich in Quarantäne begeben oder Testen lassen. Meistens werden Sie jedoch durch eines von zwölf Teams des Gesundheitsamtes ermittelt. Wie der Kreis erklärte, haben diese Teams bislang jede Infektionskette im Kreis aufdecken und kappen können. Einer der Gründe, die die niedrigen Corona-Zahlen im Kreis erklären.

Wie Froitzheim weiter erklärt, wurden die Zahlen, auch die ermittelten wahrscheinlichen und Verdachtsfälle, nicht zurück gehalten. Zumindest nicht für das RKI und das LaGuS, damit auch die Regierung in Schwerin. Somit ist davon auszugehen, dass alle 525 Personen, die zumindest im konkreten Verdacht standen, sich mit Corona infiziert zu haben, in die Überlegungen und Entscheidungen, wann welche Maßnahmen im Kampf gegen das Virus Sinn ergeben und wann sie zurückgenommen werden können, eingeflossen sind. Allerdings wurden sie auch mehrere Wochen nicht an die Öffentlichkeit kommuniziert.

 

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