WEG MIT KLEINEN DÖRFERN

Dieser Mann hatte die Abriss-Idee

Ein Wissenschaftler sagt Ja. Doch viele Vorpommern sind empört. Unsere kleinen Dörfer sollen nicht abgerissen werden, fordern die Menschen und schimpfen Richtung Berlin. Dort arbeitet der Mann, der die Abrissprämie fordert. Wer ist er und was treibt ihn an?
Oliver Wunder Oliver Wunder
Reiner Klingholz
Reiner Klingholz ZVG
Vorpommern.

Ein User zieht bei Facebook den Vergleich zu Nicolae Ceausescu, dem rumänischen Diktator. Ceausescu plante in den 80ern ein Dörferzerstörungsprogramm. Alle Dörfer unter 1000 Einwohnern sollten in größere Siedlungen zwangsumgesiedelt werden. So extrem fordert das Reiner Klingholz nicht. Doch die Menschen in der Region sind empört über seinen Vorschlag, Abrissprämien für Mini-Dörfer zu zahlen.

Reiner Klingholz, 60 Jahre alt – das ist der Mann, über den sich ganz Vorpommern aufregt. Klingholz ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Er lebt in Potsdam und ist Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Sein Büro liegt im feinen Charlottenburg. An der Uni Hamburg hat der Chemiker und Molekularbiologe seinen Doktor gemacht.

"Die Dörfer entsiedeln sich von ganz alleine"

Klingholz verteidigt sich. „Die Dörfer entsiedeln sich von ganz alleine, weil die Menschen wegziehen oder sterben“, sagt der Chemiker. Übrig bleiben nur noch wenige, die gerne wegziehen würden, es aber nicht können. Daran sei auch der Preisverfall der Grundstücke schuld. Die angedachte Abrissprämie ist vergleichbar mit dem Abrissprogramm für Plattenbauten. „Unser Vorschlag ist es, eine Teilkompensation zu zahlen, um den Umzugswunsch der Menschen zu erfüllen“, sagt Klingholz.

Er untermauert seine Meinung mit einer Umfrage in Mecklenburg-Vorpommern, laut der ein Drittel der über 60-Jährigen gerne umziehen würde. „Früher sind die Jungen weggezogen; jetzt ist die Versorgungslage nicht mehr so gut, und die Alten wollen weg.“ Aber er hält den Abriss von Dörfern auch nicht für die alleinige Möglichkeit: „Wenn Dörfer attraktiver werden wollen und können, ist das die bessere Lösung.“

 

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Kommentare (1)

Das sogenannte Dorzerstörungsprogramm Rumäniens wird heute mit deutscher Hilfe umgesetzt. Der Fachkräftemangel in Deutschland zieht Arbeitskräfte aus dem Osten ab und trägt zur Entsiedlung der Dörfer ebenso bei, wie die Übernahme gewaltiger Ackerflächen durch deutsches Unternehmertum, um sie personalkostensparend agrarindustriel auszubeuten,
zwar etwas radikaler als im Verbreitungsgebiet des NK aber eigendlich nicht viel anders als im schönen MV-tut-gut-Land.