Das ehemalige Wehrmachtsgefängnis ist nach Ansicht von Experten ein bundesweit einzigartiger Gedenkort.
Das ehemalige Wehrmachtsgefängnis ist nach Ansicht von Experten ein bundesweit einzigartiger Gedenkort. Mareike Klinkenberg
Die Autoren Magnus Koch, Andreas Wagner und Henrik Eberle sowie Moderator Lars Tschirschwitz vom Demokratiekladen Anklam.
Die Autoren Magnus Koch, Andreas Wagner und Henrik Eberle sowie Moderator Lars Tschirschwitz vom Demokratiekladen Anklam. Matthias Diekhoff
Neues Buch

Dramatische Fälle aus dem Anklamer Wehrmachtsgefängnis

Das Anklamer Wehrmachtsgefängnis ist ein einzigartiger Gedenkort. Das wurde bei einer Buchvorstellung deutlich. Wie er seiner Bedeutung gerecht werden kann, ist noch nicht ganz klar.
Anklam

Hätte Fritz Imblo aus Alzey am Rhein mal lieber den Mund gehalten. Als Teilnehmer des Frankreichfeldzuges im Zweiten Weltkrieges feiert er eines Tages ausgelassen in einer Schänke, er singt und grölt. Als ihn ein Wachtmeister zurück in die Kaserne bringt, macht er so einen Krach, dass sein Vorgesetzter wach wird.

Dieser Leutnant ist jünger als Fritz Imblo und wir von ihm als „Pimpf“ und „junger Schwan“ beschimpft. Ein erfahrener Offizier hätte die Sache vielleicht auf sich beruhen lassen und den Trunkenbold ins Bett geschickt. Der junge Leutnant allerdings bringt Fritz Imblo vors Kriegsgericht.

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Er wird zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, unter anderem weil seine „völlige Disziplinlosigkeit“ der „Manneszucht“ im deutschen Heer schaden könnte. Damit beginnt für den Mann aus Rheinhessen eine Odyssee durch verschiedene Gefängnisse und Lager, die ihn schließlich auch ins Anklamer Wehrmachtsgefängnis führt.

Beschrieben wird dieses Schicksal in dem Buch „Das Wehrmachtsgefängnis Anklam 1939-1945“, das am Donnerstagabend am historischen Ort bei einer Veranstaltung es Anklamer Demokratieladens vorgestellt wurde. Dabei gaben die Autoren Henrik Eberle, Magnus Koch und Andreas Wagner zwar nur einen kurzen Einblick in ihre Arbeit.

Weit über 100 Todesurteile vollstreckt

Recht deutlich wurde dabei allerdings, welche Rolle das Wehrmachtsgefängnis in Anklam zur Nazizeit gespielt haben muss. Genaue Zahlen gibt es zwar nicht, aber es müssen Tausende Männer gewesen sein, die dort gelandet sind.

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Ihre Vergehen waren unter anderem Fahnenflucht, Ungehorsam, Wehrkraftzersetzung aber auch Diebstahl, Urkundenfälschung oder Homosexualität. Oft wurden sie in andere Gefängnisse, Straf- oder Arbeitslager weitergeschickt. Aber in Anklam wurden auch weit über hundert Todesurteile vollstreckt.

Insgesamt gab es acht Wehrmachtsgefängnisse im Deutschen Reich. Das Buch, das von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern herausgegeben wurde, erklärt die Stellung dieser Einrichtungen – speziell der Anklamer – innerhalb des Militärjustiz-Apparates jener Zeit, das vor allem auf Abschreckung und gnadenlose Disziplinierung ausgerichtet war.

Haftbedingungen beschrieben

Es werden unter anderem die Haftbedingungen beschrieben und zahlreiche Einzelschicksale. Das vor allem auch dank 600 verschollen geglaubten Häftlingsakten, die 2015 im Militär-Archiv Freiburg aufgetaucht sind.

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Klar wurde bei der Buchvorstellung so aber auch, dass auf dem ehemaligen Wehrmachtsgefängnis eine besondere Verantwortung ruht, denn es ist das einzige in Deutschland, das in großen Teilen im Originalzustand erhalten und begehbar ist, erklärte Andreas Wagner.

Einzigartiger Gedenkort für ganz Deutschland

Um so mehr sei das Engagement der Stadt Anklam zu schätzen, die das Objekt angekauft und natürlich auch die Arbeit der Stiftung „Zentrum für Friedensarbeit – Otto Lilienthal – Hansestadt Anklam“, die die heutige Gedenkstätte hauptsächlich ehrenamtlich betreibt.

Bei der Gesprächsrunde im Anschluss wurde daher wohl auch gefragt, warum das ehemalige Wehrmachtsgefängnis als in dieser Form einzigartiger Gedenkort in Mecklenburg-Vorpommern – wenn nicht sogar deutschlandweit – sogar in Anklam selbst so unbekannt sei und nicht wesentlich stärker besucht würde.

Dazu hieß es, dass das ehemalige Wehrmachtsgefängnis tatsächlich noch eine größere Bedeutung bekommen müsse. Das allerdings sei allein auch mit noch so engagierten Ehrenamtlern nicht zu schaffen, hieß es. Dafür müssten bezahlte Stellen geschaffen werden. Und nicht zuletzt müsse sich der Bund und oder wenigstens das Land der Sache annehmen.

 

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