Klimaschutz

Dreckige Bootsmotoren? Greifswald hat da einen Plan

Diesel-Verbot und Tempolimit sind in aller Munde, aber was ist mit den Motoren von Sportbooten, Fahrgastschiffen und historischen Seglern? In Greifswald denkt man über Verbote nach.
Im Greifswalder Museumshafen liegen vor allem Segelschiffe. Doch auch die könnten von neuen Motor-Regeln bedroht sein.
Im Greifswalder Museumshafen liegen vor allem Segelschiffe. Doch auch die könnten von neuen Motor-Regeln bedroht sein. Maximilian Lill
Der Vorsitzende des Museumshafens Greifswald Peter Andrasch fürchtet, ein Konzept, wie es die Stadt Greifswald vorgelegt hat, könnte für die Eigner historischer Boote existenzbedrohlich sein.
Der Vorsitzende des Museumshafens Greifswald Peter Andrasch fürchtet, ein Konzept, wie es die Stadt Greifswald vorgelegt hat, könnte für die Eigner historischer Boote existenzbedrohlich sein. Maximilian Lill
Eine Pflicht, private Yachten und Boote umzurüsten, könne man sich absehbar nicht vorstellen, heißt es aus der
Eine Pflicht, private Yachten und Boote umzurüsten, könne man sich absehbar nicht vorstellen, heißt es aus der Greifswalder Stadtverwaltung. Maximilian Lill
Greifswald

Klimakrise und Dieselskandal: Verbrennungsmotoren sind zum politischen Kampfthema geworden. Doch dabei geht es längst nicht nur um Autos. Auch auf Bootseigner könnten schon in den nächsten Jahren massive Vorschriften – und damit Kosten – zukommen. Die Stadt Greifswald will dabei zu einer Art grünem Vorreiter in der Region werden. Das noble Ziel könnte für manchen Bootsbesitzer allerdings zum Problem werden. Besonders, aber nicht nur, wenn es um ältere Modelle geht.

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Umrüstung der Motoren bis 2030

Ein neues Klimaschutzteilkonzept, das die Stadtverwaltung zusammen mit dem Verein „Baltic Energy Forum“ herausgegeben hat, beschreibt, wie das gehen soll – mit ziemlich radikalen Ideen. Innerhalb weniger Jahre – bis 2030 – müssten demnach private Yachten, aber auch Traditionsschiffe mit Antrieben erneuerbarer Energien ausgestattet werden. Bindend ist das alles bislang noch nicht, zeigt aber, wohin die Reise gehen könnte – für private Segler oder Angler, aber auch für die historischen Schiffe am Museumshafen der Stadt.

Hafenverein reagiert „verständnislos“

Dessen Flair und Anblick könnten sich in den nächsten Jahren stark verändern. Wo heute Schiffe wie die Stubnitz, ein Fahrgastschiff von 1900, oder die Pomeria, ein Dampfeisbrecher von 1907, liegen, könnte in Zukunft nur noch ein kleiner Teil der dort liegenden Schiffe bewundert werden. Denn für die Umrüstung drohen enorme Kosten.

„Verständnislos bis amüsiert“, sei seine Reaktion auf dieses Konzept gewesen, sagt Peter Andrasch, der Vorsitzende des Museumshafens. Das Papier solle wohl vor allem den „grünen Zeitgeist treffen“, glaubt er. Andrasch sorgt sich, dass auf private Bootsbesitzer und Vereine enorme Kosten zukommen könnten. Und dies für Umrüstungen, die unterm Strich wenig zum Klimaschutz beitragen. 90 Prozent der in Greifswald liegenden Schiffe seien Segelboote, deren Sinn und Zweck es schließlich sei, weitgehend ohne Motor angetrieben zu werden. Der CO2-Ausstoß liege dadurch die meiste Zeit ohnehin bei null. Enttäuschend findet er zudem, dass das Konzept ohne Dialog mit den Schiffseignern erarbeitet worden sei. Man wäre auch beim Museumshafen offen für Neues, allerdings müsse sich das auch in einem nachvollziehbaren Rahmen bewegen.

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Klimafreundliche Umbauten von Schiffen können teuer werden. Bei einem Fahrgastschiff wie der Stubnitz, knapp 30 Meter lang und mit Diesel angetrieben, dürfte eine Umrüstung 200 000 Euro kosten, schätzt Andrasch. Summen, die für die wenigsten Besitzer so einfach zu stemmen sein dürften. Für den Museumshafen und dessen Schiffe wäre eine verpflichtende Umrüstung bei 30 bis 40 betroffenen Schiffen laut Andrasch existenzbedrohlich. Entsprechend wenig Verständnis zeigt er für solche Vorschläge. Viele der Traditionsschiffe seien rund einhundert Jahre alt – das sei doch „in Sachen Nachhaltigkeit kaum zu überbieten.“

Neue Tankstellen und große Batterien im Wasser

Das entsprechende Konzept der Stadt sieht für die Umrüstung eine Elektrifizierung der Schiffe vor. Das kann mit E-Motoren funktionieren, aber auch mit Brennstoffzellen, die direkt mit Wasserstoff oder Ammoniak betrieben werden. Doch wie realistisch ist das Ganze? E-Motoren für Boote sind seit einigen Jahren verfügbar. Der Marktanteil wächst stetig, aber auf niedrigem Niveau. Das liegt vermutlich vor allem an der Batterietechnik. Genau wie Elektroautos, haben elektrisch betriebene Schiffe mit einer limitierten Reichweite zu kämpfen und die Idee, große Batterien auf dem Wasser zu betreiben, dürfte auch einige Bootsbesitzer abschrecken.

Eine Alternative: Der synthetische Kraftstoff C.A.R.E-Diesel, eine etwas umweltbewusstere Alternative zum normalen Kraftstoff. Eine Umrüstung des Motors wäre nicht notwendig, allerdings müssten dafür flächendeckend neue Tankstellen geschaffen werden.

Motoren wiederum mit Ammoniak zu betreiben, hat eine lange Geschichte. Der Erfinder Emile Lamm baute schon 1872 Straßenbahnen, die in New Orleans mit der Verbindung aus Stickstoff und Wasserstoff betrieben wurden. Diese wurden allerdings durch die Elektrifizierung verdrängt. 150 Jahre später könnte das Gas eine Renaissance erleben. Statt es wie damals einfach bei hohen Temperaturen zu verbrennen, setzen Forschung und Industrie inzwischen auf Brennstoffzellen.

Theoretisch hat das viele Vorteile: Als Abfallprodukt, entsteht kein CO2, sondern nur Stickoxide und Lachgas. Ammoniak lässt sich zudem deutlich leichter lagern und transportieren als reiner Wasserstoff. Einige Experten gehen davon aus, dass in rund 30 Jahren jedes vierte Schiff mit Ammoniak betrieben wird. Doch serienreif ist die Technik noch lange nicht.

Angeblich nur ein Denkanstoß

Im Greifswalder Rathaus hält man den tatsächlichen Einfluss des Konzeptes für begrenzt. Vieles hänge von entsprechenden Förderprogrammen, den Schiffseigentümern und nötigen Gesetzesänderungen ab. Letztlich sei die Kommune für das Thema auch nicht zuständig. „Das Konzept zeigt Möglichkeiten auf, was für den Klimaschutz alles im Bereich des maritimen Sektors denkbar wäre. Es soll als Denkanstoß für eine umweltbewusstere Zukunft dienen“, sagt Michael Haufe. Er arbeitet im Bereich Umwelt- und Naturschutz des städtischen Bauamtes und sieht die Stadt Greifswald bei dem Thema als Vorreiter für die Region. Er könne sich gut vorstellen, dass es zukünftig in ganz MV Bereiche geben wird, die nicht mehr mit klassischen Verbrennungsmotoren befahren werden dürfen. Dies sei auf vielen Binnenseen bereits heute Realität. Die Voraussetzung für Veränderungen im maritimen Sektor sei ohnehin, dass die „Forschung und Entwicklung umweltfreundlicher Antriebe weiter gut verläuft und entsprechende Förderprogramme aufgelegt werden“, sagt Haufe.

Absehbar sei für ihn jedenfalls nicht vorstellbar, dass es eine verpflichtende Umrüstung privater Yachten oder Boote geben wird. Allerdings: Dass Neuzulassungen bei Yachten in einigen Jahren nur noch mit Elektromotoren als Antrieb erfolgen, scheint ihm durchaus plausibel. Ob das allerdings mit Anreizen oder Verboten durchgesetzt werden soll, das seien politische Entscheidungen. Aus seiner Sicht solle es eine „Mischung aus beidem“ sein.

Traditionsschiffe, wie sie am Museumshafen liegen, sollten umgerüstet werden, sobald Förderprogramme zur Umrüstung bestünden und wenn die Schiffe ihren Status nicht verlieren würden, sagt Haufe. Direkten Einfluss auf solche Förderungen habe die Stadt allerdings nicht. Der Fokus liege ohnehin auf der Berufsschifffahrt, mit deren vielen Tausend gefahrenen Kilometern im Jahr und nicht auf den Museumsschiffen. „Es müssen Lösungen gefunden werden, mit denen alle Seiten gut leben können und die insbesondere die Schiffseigner nicht finanziell überfordern“, sagt Haufe.

Auch hier allerdings bleibt vieles offen: Auf einen zeitlichen Rahmen kann sich die Stadtverwaltung nicht festlegen und auch nicht darauf, ob die Umrüstung verpflichtend werden soll. Das seien Entscheidungen, auf die die Kommune keinen Einfluss habe, zudem seien die örtlichen Gewässer Bundeswasserstraßen. Soll heißen: Den Blick auf die Traditionsschiffe soll es am Stadthafen auch noch nach 2030 geben. Vielleicht weichen die röhrenden Dieselmotoren der Fahrgastschiffe bis dahin aber einem leisen Säuseln.

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