Aus Kriegstagen

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Ein Dorf bricht nach Jahrzehnten sein Schweigen

Für Jürgen Meyer waren es die furchtbarsten Stunden seines Lebens.

Wenn sich der 71-Jährige an die letzten Kriegstage im Frühjahr 1945 erinnert, verdunkelt sich sein Blick. Viele Jahre hat er kein Wort darüber verloren, wie die anderen Alten im Dorf auch. Nun haben sie ihr Schweigen gebrochen und den Jungen von den Gräuel in Alt Teterin berichtet. Sie haben eine Gedenktafel organisiert, die am Montag auf dem Friedhof des kleinen Dorfs in Vorpommern eingeweiht wurde. Sie erinnert an 32 Menschen, die meisten Frauen und Kinder, die sich kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs das Leben nahmen und die Jürgen Meyer, der damals acht Jahre alt war, mit beerdigt hat.

Mehr als 64 Jahre nach dem Schrecken streift Günter Jacobis Blick über die vielen Gräber. Er zeigt auf eine Kuhle jenseits des Dorfes. "Dort haben wir uns zwei Tage lang vor den Russen versteckt. Insgesamt waren wir drei Familien. Es war schlimm, das Geschrei, das in den Nächten vom Dorf herüber hallte!", berichtet Jacobi.

Am 29. April 1945 hatten die sowjetischen Truppen den Wald vor Alt Teterin erreicht und dort Quartier bezogen. Als die Rotarmisten ins Dorf einrückten, trieben sie die Männer aus den Häusern und führten sie in das Nachbardorf Stretense. In der Region wurde heftig gekämpft. Anklam, von deutschen Piloten bombardiert, stand in Flammen, der Lichterschein war noch im sechs Kilometer entfernten Alt Teterin zu sehen. In der Dunkelheit kamen die Soldaten in Gruppen zurück, stürmten die Häuser, vergewaltigten Frauen und Mädchen.

Als von Stretense der Lärm eines Generators herüber drang, machte ein fruchtbares Gerücht die Runde. Verängstigt, gedemütigt und unter dem Eindruck monatelanger NS-Propaganda über angebliche abartige Gräueltaten der Roten Armee, erzählten die Frauen von einer Höllenmaschine, einem gigantischen Fleischwolf, durch die ihre Männer gedreht würden. Viele sahen im Freitod den einzigen Ausweg.

"Wir saßen gerade im Pfarrgarten am Frühstückstisch", erinnert sich Ilse Krüger, die damals elf Jahre alt war. "Da rannte eine junge Frau von nebenan ins Haus, mit einem Strick. Sie schrie, sie werde sich aufhängen. Und wir sollten das auch tun. Dann rannte sie davon. Aber wir haben uns im Dachboden der kleinen Schmiede versteckt. In dem kleinen Häuschen hatte uns keiner vermutet. So haben wir überlebt."

In jenen zwei Nächten spielten sich furchtbare Szenen in Alt Teterin ab. In der Schule gleich neben der Kirche erhängte sich die Frau des Dorflehrers, Hedwig Triglaff, auf dem Dachboden. Kurz zuvor hatte ihre erwachsene Tochter Hildburg ihren Sohn Günther mit einer Fahrradkette erwürgt und sich selbst das Leben genommen. Viele Frauen flüchteten in den nahe gelegenen Biesewitzer Busch, ertränkten ihre Kinder in einem Graben und erhängten sich anschließend im Wald.

Am Tag danach kehrten die verschleppten Männer ins Dorf zurück. Sie hatten in Stretense auf Geheiß der Besatzer konfiszierte Schweine und Rinder schlachten müssen. "Einige von ihnen brachten sogar etwas Fleisch mit zurück, wollten ihre Familien überraschen. Doch sie fanden ihre Frauen und Kinder tot vor", berichtet Hans Meyer, der als Zwölfjähriger die Leichen von den Bäumen schnitt, mit Gleichaltrigen zum Friedhof karrte und sie in einem Massengrab bestattete.

Über die Ereignisse wurde jahrzehntelange nie öffentlich im Dorf gesprochen. Die Übergriffe "der sowjetischen Befreier" seien in der DDR tabu gewesen, sagt Jacobi. Erst Jahre nach dem Ende der DDR brachen Zeugen ihr Schweigen, vertrauten sich der Dorfchronistin Angela Krüger an. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sammelte Gelder für eine Gedenktafel mit den Namen jener 9 Frauen, 2 Männer und 21 Kinder, die damals ums Leben kamen. Nun wird an ihr Schicksal erinnert.