NEUES AUS DER REGION

Einmal ohne alles, bitte!

Viele fragen sich beim Einkaufen, ob wirklich alles doppelt und dreifach verpackt sein muss. Sie schleppen Plastik, Pappe und Dosen mit nach Hause, um es dort gleich wieder wegzuwerfen. Was für ein Irrsinn – findet ein Greifswalder Paar und bastelt an einem Gegenentwurf.
Philippe Schäfer und Ester Strohmer wollen einen Laden eröffnen, den der Kunde ganz ohne Verpackungsmüll verlas
Philippe Schäfer und Ester Strohmer wollen einen Laden eröffnen, den der Kunde ganz ohne Verpackungsmüll verlassen kann. „Uver – der Unverpackt-Laden am Meer“ soll er heißen. Philipp Schulz
In einem Unverpacktladen werden die Nudeln erst abgefüllt – und dann an der Kasse gewogen.
In einem Unverpacktladen werden die Nudeln erst abgefüllt – und dann an der Kasse gewogen. Helen Ahmad
Auch Süßigkeiten kann man in einem solchen Laden lose kaufen.
Auch Süßigkeiten kann man in einem solchen Laden lose kaufen. Helen Ahmad
In anderen Städten, wie zum Beispiel bei Carolin Schönborn in Potsdam, gibt es solche Geschäfte bereits.
In anderen Städten, wie zum Beispiel bei Carolin Schönborn in Potsdam, gibt es solche Geschäfte bereits. Bernd Settnik
Greifswald ·

Auf dem Greifswalder Markt steht vor einem Pavillon ein Tisch. Auf ihm sind viele verschiedene Sachen drapiert – selbstgenähte Taschen aus verschiedenen Stoffen, bunte Bienenwachstücher, Gläser ohne Etikett, nur versehen mit einem Klebezettel auf dem Deckel: Kräutertee, Cashewnüsse und andere Sachen. Neben dem Tisch steht eine Holzkonstruktion, die einen gläsernen Spender hält, gefüllt mit Haferflocken. Darunter steht eine kleine Schiefertafel mit einer guten Erklärung für das vielfältige Sortiment: „Unverpackt in Greifswald“.

Nicht nur hinter dem Tisch, sondern auch hinter der Idee stehen Philippe Schäfer und Ester Strohmer. Das Paar lebt seit 2018 in Greifswald. Eigentlich sind die beiden zum Studieren hergekommen, doch nun verfolgen sie einen anderen Plan: Das Paar will einen Laden eröffnen, den der Kunde ganz ohne Verpackungsmüll verlassen kann. „Uver – der Unverpackt-Laden am Meer“ soll er heißen.

Mit Dosen und Gläsern zum Einkaufen

Davon gibt es erst eine Handvoll in MV. In Vorpommern wäre es der erste seiner Art. Doch noch ist es nicht so weit. Erst wollen die beiden die Greifswalder mit dem Konzept vertraut machen, denn vieles soll ihren künftigen kleinen Laden von einem normalen Einkaufserlebnis unterscheiden. Von einem Einkaufserlebnis „wie in einem Tante-Emma-Laden“, spricht Schäfer, der Umweltnaturwissenschaft studiert. Die Eröffnung ist für Ende des Jahres geplant. Aktuell suchen beide nach passenden Räumen.

Mehr lesen: Es geht auch ohne Tüte: Bewusstsein für Plastikmüll wächst

Das Sortiment wird für den Kunden so zur Verfügung stehen, dass kein weiterer Müll entsteht. Kosmetika und Shampoos etwa kommen gehärtet und nicht in Plastikflaschen. Reis, Nudeln, Hartweizen und Haferflocken sind frei portionierbar. Gleiches gilt für Gewürze oder Öle, die einfach abgefüllt werden können. „Die Leute können mit Beuteln, Tupperdosen oder auch Gläsern zu uns kommen und die Sachen direkt abfüllen“, erklärt Philippe Schäfer.

Über 400 Kilo Müll im Jahr pro Peron

Alte Gläser können Kunden auch zum Laden bringen. Nachdem sie desinfiziert wurden, können sie von anderen Kunden zum Transport genutzt und wieder zurückgebracht werden – die beiden Gründer setzen auf Vertrauen und Gemeinschaft.

„Zero waste“, zu Deutsch etwa „Null Abfall“ oder „keine Verschwendung“, nennt sich das Konzept hinter dieser Art von Einkauf. Gerade mal rund einhundert Unverpackt-Läden in Deutschland listet etwa der Naturschutzbund NABU auf seiner Internetseite. Sie alle sind in den vergangenen sechs Jahren entstanden. Im selben Zeitraum stagnierte der Verbrauch im Punkt Haushaltsabfälle bei den Deutschen.

Mehr lesen: Plastikfrei leben in Waren – das geht!

Laut Statistischem Bundesamt fallen pro Einwohner durchschnittlich zwischen 453 (2013) und 462 (2016 und 2017) Kilogramm Haushaltsabfälle im Jahr an. Dazu zählen neben Hausmüll unter anderem auch Sperrmüll, Bioabfälle und getrennt erfasste Wertstoffe wie Glas, Pappe und Holz. 2018, im letzten Erhebungszeitraum, waren es 455 Kilogramm, davon lag der Hausmüll durchschnittlich bei 157 Kilogramm pro Person. Hier in Mecklenburg-Vorpommern hat im Jahr 2018 ein Einwohner 438 Kilogramm Haushaltsabfälle produziert, davon 229 Kilogramm Haus- und Sperrmüll.

Erst die Hälfte der Finanzierung steht

Um ihren Traum von der eigenen Gründung zu verfolgen, hängen sich beide richtig rein: Das Paar hat Ende August ein Existenzgründerseminar in Neubrandenburg besucht. Ester Strohmer studiert eigentlich Psychologie an der Fernuni Hagen, will sich aber zunächst auf den Laden konzentrieren und hat deshalb ein Urlaubssemester eingeschoben. Im Internet sammeln die beiden Geld. 20.000 Euro wollen sie über Crowdfunding, also Kleinspenden, sammeln. Erst wenn diese Marke erreicht ist, wird das Geld auch ausgezahlt – alles oder nichts. Die Aktion läuft seit dem 21. August. 33 Tage lang können Unterstützer des Konzepts Geld einzahlen. Nach nur neun Tagen war schon mehr als die Hälfte zusammen. Aktuell sind es über 15.500 Euro, die durch rund 280 Unterstützer gespendet wurden.

Beide wollen jedoch nicht nur Geld nehmen – für die Spende gibt es auch etwas, beispielsweise einen Gutschein für den ersten Einkauf oder einen Workshop. Denn Letzteres wollen die beiden ebenfalls in dem Laden anbieten. „Zero waste“ und Selbstmach-Projekte, beispielsweise das Herstellen von Bienenwachstüchern, sollen dann Themen sein.

MitgeMiScht

Einkaufen nach eurem Geschmack?

Wie findet ihr die Geschäftsidee der beiden Studenten? Könnt ihr euch vorstellen, mit eigenen Gefäßen zum Einkaufen zu gehen und wünscht euch mehr solcher Läden? Oder bevorzugt ihr die normalen Supermärkte? Hinterlasst uns doch einfach weiter unten einen Kommentar oder schreibt uns eine E-Mail an [email protected].

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Greifswald

zur Homepage