Stefan Schwill vom Nabu erklärt EU-Politikerin Hannah Neumann (Grüne) das Stadtbruch-Projekt.
Stefan Schwill vom Nabu erklärt EU-Politikerin Hannah Neumann (Grüne) das Stadtbruch-Projekt. Anne-Marie Maaß
Der ausgewiesene Wanderweg ist teils kaum noch zu erkennen.
Der ausgewiesene Wanderweg ist teils kaum noch zu erkennen. Anne-Marie Maaß
Der Anklamer Stadtbruch hat aus Naturschutz-Sicht vieles zu bieten.
Der Anklamer Stadtbruch hat aus Naturschutz-Sicht vieles zu bieten. Anne-Marie Maaß
Naturschutz

Grüne Europa-Politikerin zwischen vorpommerscher Wildnis und Moornutzung

EU-Politikerin Hannah Neumann hat ein Ziel: mehr Moorschutz in Europa. In Vorpommern war sie nun zu Besuch, um vor Ort zu sehen, wie unterschiedliche Konzepte dazu aussehen können.
Anklam

Kurz nach halb neun Uhr an der Einfahrt zum Anklamer Stadtbruch bei Grünberg. Der stellvertretende Nabu-Landesvorsitzender Stefan Schwill guckt erneut auf die Uhr.

Leicht über der Zeit sei man schon, stellt er fest – dann wird der anstehende Marsch wohl etwa schneller ausfallen müssen. Doch da ist der weiße Miettransporter bereits in Sicht, in dem Hannah Neumann und ihre Mitarbeiterinnen vorfahren.

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Die EU-Abgerodnete der Grünen ist in den vergangenen Tagen weit gereist. Die Oder stand auf dem Plan. Anstatt der bedrückenden Bilder des immensen Fischsterbens steht in Vorpommern nun ein ganz anderer Natureinblick an.

Wildnis als angestrebtes Ziel

Es geht in „die Wildnis”. Denn die Verwilderung sei eine Säule des Moorschutzes, doziert Stefan Schwill. Nach einer kurzen Autotour geht es dann wirklich rein in das Moorgebiet.

Aufregung bei der Gruppe. Raus in die Natur, solche Termine seien ihr am liebsten, sagt Neumann und geht motiviert voran. Spannend sei das alles im Stadtbruch – der Geruch, die feuchte Luft.

Sie lässt sich Pflanzen und Entstehungsgeschichte des heutigen Gebiets erklären. Nach den ausgebauten Wegen geht es dann dicht rein ins Schilf. Eine dicke Kreuzspinne macht es sich kurzzeitig auf der Schulter der EU-Politikerin bequem.

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Kaum noch Wege, weniger Jagd

Der ausgewiesene Wanderweg ist da kaum noch zu erkennen, nur ein Trampelpfad führt durchs meterhohe Schilf. Einen entspannten Sonntagsspaziergang würden hier wohl nur wenige einschlagen. Dennoch gebe es bereits erste Klagen, dass fast schon zu viele Naturbegeisterte durch den Stadtbruch pirschen, erklärt Schwill.

Die Nabu-Stiftung, die das Areals von der Stadt Anklam aufkaufte, kümmert sich bei Bedarf etwa einmal im Jahr um die Mahd des Weges. Auch die befestigten Wege, die noch für den Holzschlag angelegt wurden, wird es in dieser Form so bald wohl nicht mehr geben.

Sie werden zumindest nicht in dieser Form weiter ausgebaut, so Schwill. Auch die Jagd soll nur noch auf einem kleinen Teil des rund 2500 Hektar großen Moorgebietes durchgeführt werden.

Moorerhalt als Klimaschutz

Der Natur ihren Lauf lassen, lautet hier das Motto, um wieder zurück zum natürlichen Moor zu gelangen. Für Grünen-Politikerin Neumann ein legitimes Ziel. Man müsse das Moor auch einfach mal Moor sein lassen, erklärt sie.

Allein dieser Selbstzweck müsse aus Natur- und Klimaschutzgründen auch mal genügen, ergänzt sie. Gleichzeitig sei ihr aber auch bewusst, dass Menschen natürlich das am meisten zu schätzen wissen, wo sie Natur und Vielfalt auch erleben können.

Wanderweg in weite Ferne gerückt

Dies trifft gewissermaßen auch einen wunden Punkt im Anklamer Stadtbruch. So sollte auch touristische Erlebbarkeit eigentlich beim vorgelegten Konzept der Nabu-Stiftung eine Rolle spielen und ein zweiter Wanderrundweg zwischen Rosenhagen und Kamp eingeplant werden. Fördermittel standen dafür zur Verfügung.

Am Ende scheiterte das Ansinnen am Widerspruch der Gemeinde Bugewitz, so Schwill. Diese lehnte das komplette Vorhaben ab. Ohne die gemeindeeigenen Wege sei damit aber auch der Wanderweg passé. Die Mittel wurden wieder aus der Förderung herausgerechnet und der Weg ist somit wohl für absehbare Zeit in weite Ferne gerückt.

Die aus Naturschutz-Sicht notwendigen Grabenverschlüsse kommen nun aber trotzdem. So soll vor allem der Eintrag von nährstoffreichem Haffwasser in das Moorgebiet gehemmt werden, erklärt der Naturschützer. Vor allem die großen Torfgräben seien da ein Problem, dem nun mit Spuntwänden begegnet werden soll, so Schwill.

Neue Nutzung auf nassem Grünland

Um Akzeptanz geht es auch einige Kilometer weiter beim nächsten Termin nahe Bargischow. Dorthin hat das Greifswalder Moorschutzzentrum eingeladen. Der nächste Termin an dem voll gepackten Erkundungstag für die Berlinerin Neumann in Vorpommern.

Dieses Mal steht nicht die Verwilderung im Vordergrund, sondern die Möglichkeit zur landwirtschaftlichen Nutzung von Moorflächen. Paludi-Kultur ist das Stichwort. Hier sollen die Wiesen bei Bargischow nun Vorreiter werden und einem Modellprojekt dienen.

So soll auch vor Ort mehr Teilhabe geweckt werden. Das Interesse sei durchaus da, betonen die Forscherinnen. Um die örtlichen Landwirte zu überzeugen, fehle es aus ihrer Sicht jedoch an den richtigen Perspektiven für die wirtschaftliche Nutzung – die sollen nun mit dem neuen Projekt aufgezeigt werden.

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