Eimerweise Müll: So viele Belege wurden am Dienstagvormittag ausgedruckt und weggeworfen. Foto: Dennis Bacher
Eimerweise Müll: So viele Belege wurden am Dienstagvormittag in der Bäckerei Grützmann gedruckt und weggeworfen. Dennis Bacher
Einzelhandel

Händler verärgert über sinnlose Bonpflicht

Seit Neujahr gibt es zu jedem Kauf einen Kassenbeleg dazu – so zumindest die Theorie. Ein Besuch bei Anklams Einzelhändlern zeigt: praktisch jede Quittung landet im Müll.
Anklam

Für die Betreiberin des Kiosks im Anklamer Lilienthal-Center ist die neue Regelung „reiner Schwachsinn“. Seit einer Woche sind deutsche Einzelhändler wie Christine Hilke dazu verpflichtet, jedem Kunden einen Bon auszuhändigen. (der Nordkurier berichtete) Ganz egal, ob der den Zettel gebrauchen kann oder nicht. In einem Pappkarton unter dem Tresen sammelt Hilke seit dem vergangenen Donnerstag massenweise Kassenzettel. Denn: „Die meisten Kunden haben einfach kein Interesse an ihrem Bon“, so die Kiosk-Chefin. Ausgedruckt werden muss er trotzdem. Mehr als eine Kassenrolle würde dafür am Tag verbraucht werden, sagt sie. „Für nichts und wieder nichts.“

Ähnliches berichten die Verkäuferinnen der Bäckerei Grützmann am Anklamer Markt. „In 98 Prozent der Fälle werfen wir die Belege weg“, heißt es da. Hin und wieder würde ein Geschäftsmann auf seine Quittung bestehen, am Vormittag soll eine Kundin ihren Beleg eingefordert haben. Alles Ausnahmen.

Belege für jedes einzelne Eis seien völliger Unsinn

Im Normalfall wandert der Bon unter die Theke, zu den anderen ungewollten Zetteln, die dort von den Angestellten in einem großen Plastikeimer gesammelt werden. Schon zur Mittagszeit ist der bis zum Rand gefüllt. Unermüdlich spuckt die Maschine der Bäckerei nämlich Bon für Bon aus – auch dann, wenn gerade nur ein einzelnes Brötchen über den Tresen ging. „Wo kommen wir denn hin, wenn wir im Sommer für jedes Eis einen Beleg aushändigen sollen?“, fragt sich eine Verkäuferin. „Kassenzettel machen natürlich Sinn, wenn Waren unter Garantie fallen und umgetauscht werden können“, findet Christine Hilke vom Kiosk. „Aber bei Zigaretten oder Zeitschriften? Blödsinn!“ Einerseits würde ständig von Klimaschutz gesprochen werden, andererseits trage die Kassenbonpflicht zur Umweltverschmutzung bei.

Ein weiteres Problem für die Händler ist die Entsorgung. Da die nun vorgeschriebenen Kassenrollen aus verrotungsbeständigem Thermopapier sind, dürfen sie nicht einfach im Papiercontainer entledigt werden. „Wir müssen also nicht nur für den Mehraufwand an Papier aufkommen, sondern uns auch um die fachgerechte Entsorgung Gedanken machen“, sagt Hilke. Mit der Einführung der Bonpflicht soll laut zuständigem Ministerium Steuerbetrug eingedämmt werden. Eine Manipulation der Kasse kann beispielsweise anhand eines Abgleichs des Bons mit den Aufzeichnungen der Kassensoftware festgestellt werden.

Bonpflicht im Kontrast zum Klimaschutz

Dass der Staat dadurch zusätzlich Geld einnehmen und schwarze Schafe überführen will, die nicht korrekt Steuern zahlen, können auch Anklams Einzelhändler sehr gut verstehen. Doch, anders als etwa in Österreich, gilt in Deutschland ab sofort zwar eine Bonausgabepflicht, aber keine Annahmepflicht. Ob der Kunde die Quittung mitnimmt, entscheidet er weiterhin selbst. Im Müll landet sie am Ende offenbar so oder so – und das in Zeiten, in denen so viel über das Ressourcensparen gesprochen wird.

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