Die Polizisten fanden zufällig sechs Gramm Ecstasy in der gefundenen Tasche.
Die Polizisten fanden zufällig sechs Gramm Ecstasy in der gefundenen Tasche. Archiv
Aus Versehen

Hilfsbereiter Rentner bringt versehentlich Dealer vor Gericht

Egal, welche Geschichte stimmt: Ein junger Mann, dem das Wasser sowieso schon bis zum Hals steht, hat riesengroßes Pech gehabt. Oder sich einfach nur ganz dumm angestellt.
Pasewalk

Da muss selbst der Richter lachen. Wenigstens einmal in der Verhandlung, als sich zwei alte Bekannte gegenüber sitzen. Richter Gerald Fleckenstein kennt den Angeklagten, vor Jahren schon musste er über den heute 31-Jährigen ein Urteil fällen. Damals drehte sich alles um schweren räuberischen Diebstahl, da gab es nicht viel Anlass zum Lachen. Jetzt schon. Denn – als der einzige Zeuge in der Verhandlung gegen den jungen Mann gesagt hatte, was es zu sagen gab, bedankte sich der Angeklagte artig bei ihm für dessen Hilfsbereitschaft. Dabei hatte jenes uneigennützige Engagement den Danksager erst so richtig in die Bredouille gebracht.

Rentner findet Umhängetasche des Dealers

Jener Rentner hatte an einem frühen Samstagmorgen auf dem Weg zum Bäcker in Torgelow die Umhängetasche des Delinquenten gefunden. Darin fast 300 Euro, der Ausweis, eine EC-Karte, das Plastikteil von der Krankenkasse und ein bisschen Zeugs, das der Rentner nicht kannte. Und weil der Tochter des aufmerksamen Zeitgenossen auch gerade erst wichtige Papiere verloren gegangen waren, wusste der nur zu gut, welche Aufregungen und Laufereien mit der Wiedererlangung verbunden sind. Also suchte der ehrliche Finder gleich nach dem Frühstück mit den Brötchen vom Bäcker die Adresse des Verlierers auf. Doch der war nicht da. „Und ich hab wirklich mehrfach geklingelt“, erzählt der Mann. Pech für den Finder, der musste sich jetzt was einfallen lassen – aber noch viel größeres Pech für den Besitzer der Umhängetasche. Also blieb nur der Weg zur Polizei.

Polizei inspiziert die gefundene Tasche

Die schaute genau nach und protokollierte den Fund. Und entdeckte – leider – auch mehr als sechs Gramm Ecstasy, die illegale Droge zum Aufputschen, und einiges an Zubehör. Und das Geld, so der Staatsanwalt, in „dealertypischer Stückelung, meistens Zehn- und Zwanzig-Euro-Scheine“. Für die Ermittler keine allzu schwierige Aufgabe, den jungen Mann vor Gericht zu bringen. Unerlaubter Besitz von illegalen Betäubungsmitteln, so lautet die Anklage. Wie um Himmels willen habe er denn die Umhängetasche verlieren können, begehrt der Richter zu wissen. Er sei betrunken gewesen, windet sich der Torgelower, als er mitten in der Nacht unterwegs zu einem Bekannten war, mit dem er in dessen Garten feiern wollte. Oder nur trinken, da gibt es kaum einen Unterschied. Als er den Verlust im Garten bemerkte, will er gleich retour gegangen sein, um die Taschen zu suchen, vergebliche Mühe allerdings.

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Das alles wollen der Richter und der Staatsanwalt nicht glauben. Vielleicht habe er die Tasche aus irgendwelchen Gründen nur verstecken müssen. Die Vermutung aber, das entdeckte Amphetamin war zum Verkauf bestimmt und das Geld aus der Tasche der Erlös vorher gegangener Dealerei, kann aber nur schwer bewiesen werden. Die knapp 300 Euro jedenfalls habe er sich mühevoll vom Munde abgespart, eigentlich sollten damit Stromschulden abbezahlt werden. Aber auch das ging irgendwie schief, so dass er noch immer stromlos in Torgelow lebt, zuckt der Angeklagte mit den Schultern. Immerhin noch besser als früher, eine ganze Weile lebte der Vielleicht-Drogenhändler sogar unter freiem Himmel oder in Obdachlosenunterkünften. Alles soll jetzt aber besser werden, redet sich der Torgelower ein, der nie einen Beruf erlernt und keinen Job hat.

Mit seinem neuen Urteil wird das aber schwer. Der Richter verurteilt ihn wegen des unerlaubten Besitzes der Amphetamine zu einer Geldstrafe in Höhe von 40 Tagessätzen und legt den Tagessatz auf 20 Euro fest. Sehr hoch für einen Hartz-IV-Empfänger. Die Höhe eines Tagessatzes bestimmt das Gericht unter Berücksichtigung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Täters. Dabei geht es in der Regel von dem Nettoeinkommen aus, das der Täter durchschnittlich an einem Tag hat oder haben könnte. Einige Amtsgerichte, wie das in Pasewalk, rechnen dabei auch das Hartz-IV-Empfängern zustehende Wohngeld hinzu. Der Angeklagte hat jetzt nichts mehr zu lachen. Zumal auch die gefundenen knapp 300 Euro eingezogen werden. Die Erklärung, dies sei Erspartes, glaubt der Richter nicht.

 

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