Anne Benjes lebt in Usedom/Stadt und ist als Märchenerzählerin im Osten Mecklenburg-Vorpommerns unterwegs.
Anne Benjes lebt in Usedom/Stadt und ist als Märchenerzählerin im Osten Mecklenburg-Vorpommerns unterwegs. Dajana Richter
Benjes ist stets auf der Suche nach Geschichten aus aller Welt. In ihren Bücherregalen reiht sich ein Märchenbuch an
Benjes ist stets auf der Suche nach Geschichten aus aller Welt. In ihren Bücherregalen reiht sich ein Märchenbuch ans nächste. ZVG
Bei Märchen kommen vielen zwar zuerst Schneewittchen, Rotkäppchen und der Wolf oder andere Stücke aus der Samml
Bei Märchen kommen vielen zwar zuerst Schneewittchen, Rotkäppchen und der Wolf oder andere Stücke aus der Sammlung der Gebrüder Grimm in den Sinn, aber Anne Benjes bevorzugt für ihre Auftritte aus mehreren Gründen andere Märchen. Fotos: © nicoletaionescu, JackF – stock.adobe.com
Klassiker der Literatur

Wie die richtigen Märchen zur Erziehung beitragen

Märchen sind zwar uralt, können aber gerade in Zeiten wie diesen Mut machen - und einen Beitrag zur Erziehung der Kinder leisten, weiß Märchenerzählerin Anne Benjes.
Usedom

Die stillen Tage zum Jahresende sind auch die Zeit der Märchen, ob im Fernsehen, als Buch oder in anderen Jahren auch auf der Theaterbühne. Und vielleicht sind Märchen gerade in diesen Tagen, wo die Corona-Pandemie den Alltag bestimmt und belastet, wichtiger denn je – als eine Art Hoffnungsdichtung in schweren Zeiten.

Geschichten handeln von Liebe, Freundschaft, Hass und Neid

Dieser Ansicht ist zumindest die Märchenerzählerin Anne Benjes aus Usedom/Stadt. Denn die uralten Geschichten handeln von grundlegenden menschlichen Erfahrungen wie Liebe, Freundschaft, Neid oder Hass, aber eben auch von Ereignissen, die das Leben gefährden und von Prüfungen, denen es sich zu stellen gilt. Mit ihrem oftmals guten Ende erzählen sie davon, dass das Leben trotz aller Widrigkeiten und Gefahren gelingen kann. Und das würde den Lesern oder Zuhörern eine innere Befriedigung schaffen.

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Aber auch für Märchenerzähler sind es schlechte Zeiten. Normalerweise hat Anne Benjes in diesen Wochen viel zu tun. „Doch aufgrund von Corona war das in diesem Jahr nicht so. Es war sehr ruhig, leider“, bedauert die 77-Jährige. Alle zuletzt geplanten Veranstaltungen mussten abgesagt werden. „Dabei gibt es gerade für die Weihnachtszeit so wundervolle Geschichten und es wäre für die Leute wichtig gewesen, den Alltag zumindest für einen Moment hinter sich lassen zu können.“

Sehnsucht nach Harmonie und Geborgenheit

Warum wollen die Menschen eigentlich gerade in dieser Zeit Märchen hören? „Das hat sicher verschiedene Gründe“, sagt Anne Benjes. „Zum einen ist es die Zeit, in der man sich verstärkt auf sich selbst besinnt.“ Viele seien gerade in diesen Tagen melancholisch und sehnten sich nach Harmonie und Geborgenheit. Sie würden sich an die eigene Kindheit zurückerinnern und an damals lieb gewonnene Weihnachtstraditionen.

Zum anderen liege es an der Jahreszeit. „Früher war es Brauch, sich an den dunklen Winterabenden in gemeinsamer Runde Märchen zu erzählen – auch mangels fehlender Alternativen, wie zum Beispiel das Fernsehen“, erklärt sie. Heutzutage kommt dem Fernsehen in den Weihnachtstagen die bedeutungsvolle Aufgabe zu, einen Märchenfilm-Klassiker nach dem anderen zu senden. Besonders „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ hat es vielen Zuschauern angetan. Schaut Anne Benjes auch zu? „Ich habe gar keinen Fernseher“, sagt sie und muss lachen. „Aber ich weiß, dass es da qualitativ sehr gute Filme gibt. Wenn ich Märchen erzähle, ist es mir allerdings wichtig, dass ich den Kindern nicht viel vorgebe, denn sie sollen sich selber Bilder machen. Und das können sie nicht mehr so gut, wenn sie schon viele Märchenfilme gesehen haben, dann sind die Bilder in den Köpfen eingemeißelt und für die eigene Fantasie ist nicht mehr so viel Platz“, bedauert sie.

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Märchen und Weihnachten – im Grunde hat beides nicht viel miteinander zu tun. In kaum einem Märchen wird die biblische Weihnachtsgeschichte auch nur angesprochen. „Oft spielen die Geschichten nur zur Winter- oder Weihnachtszeit“, so Benjes. Als klassische Weihnachtsmärchen gelten zum Beispiel „Frau Holle“ von den Gebrüdern Grimm, „Nußknacker und Mausekönig“ von E. T. A. Hoffmann oder auch „Die Schneekönigin“ und „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen. „In anderen Regionen der Welt, zum Beispiel in Südamerika oder Skandinavien, spielt das Weihnachtsfest in den Märchen eine viel größere Rolle als bei uns. Da kommt die Heilige Familie öfter vor oder jemand geht zu einer Krippe und erlebt dort etwas bestimmtes“, erklärt die Märchenkennerin, in deren Wohnzimmerregalen unzählige Märchenbücher aus aller Welt zu finden sind.

Ursprünglich stammt Anne Benjes aus Niedersachsen, wo sie viele Jahre vor allem als Lehrerin in Förderschulen tätig war. Doch nach und nach wurde ihre Liebe zu den fantasievollen Geschichten immer größer, so dass sie 1992 beschloss, nur noch als freie Märchenerzählerin zu arbeiten. Einen besonderen Faible hat sie für die Märchen aus Siebenbürgen, eine Region im Zentrum Rumäniens, wo es bis heute deutschsprachige Minderheiten gibt. „Und die haben sehr interessante Märchen, die ich auch gern erzähle. Sie haben eine wunderschöne Sprache. Es sind weniger Märchen von Königen und Prinzessinnen, sondern es geht mehr um Durchschnittsmenschen und sie sind von der Thematik her noch mehr aus dem Alltag gegriffen.“

Freies Erzählen statt Vorlesen

Bei ihren Auftritten liest die 77-Jährige im Übrigen keine Märchen vor, sondern erzählt sie frei. „Das muss auch so sein“, sagt sie. „In Anlehnung an die alte Erzähltradition.“ Und sie wählt für ihre Programme vor allem unbekanntere Märchen aus, die die Kinder nicht kennen. „Das ist mir ein Anliegen. Die bekannteren Geschichten sind ein bisschen abgewetzt, auch wenn sie ganz kostbare Inhalte haben“, so Benjes.

Vielen noch recht unbekannt sind auch die Märchen aus Pommern. Gesammelt hat diese einst der Germanist und Volkskundler Ulrich Jahn (1861-1900), der daraufhin auch als der „Pommersche Grimm“ bezeichnet wurde. Das bekannteste Märchen ist sicherlich „Dei Fischer un syne Fruu“. Das wurde zuerst von Philipp Otto Runge aufgeschrieben, an einen Verleger geschickt und schließlich auch in die Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“ aufgenommen. „Ansonsten kennt die Märchen kaum einer, was ich sehr schade finde. Deshalb erzähle ich die besonders gern in Schulen“, erklärt Anne Benjes. „Sie sind volksnah und auch sehr amüsant. Viele Geschichten handeln von Bauern, die vom Adel unterdrückt wurden. Da spielt stark die Historie mit rein, so dass es manchmal schon fast mehr Anekdoten denn Märchen sind.“

2016 hat die Unesco das Märchenerzählen auch für Deutschland als immaterielles Kulturerbe bestätigt. Trotz dieser Wertschätzung kommt immer mal wieder die Frage auf, ob diese uralten Märchen heute noch zeitgemäß sind. „Ich bin der Ansicht, sie sind noch immer zeitgemäß und ich behaupte auch, jedes Märchen hat einen wahren Kern, man muss ihn nur erkennen. Und der ist heute noch genauso aktuell, wie vielleicht vor 500 Jahren“, ist Anne Benjes überzeugt.

Grimmsche Märchen nur für Erwachsene

Sie räumt aber auch ein: „Kritischer sehe ich aber auch die teils veralteten Erziehungsmethoden oder Rollenklischees, deshalb erzähle ich auch viele Grimmsche Märchen nicht für Kinder. Für Erwachsene, wenn das gewünscht ist, würde ich sie erzählen,weil sie den damaligen Kontext selbst besser einordnen können. Bei den Kindern setzt sich alles, was wir ihnen erzählen, erst einmal fest. Und damit werden sie dann allein gelassen und das darf nicht passieren. Da nützt es auch nicht, dass das Märchen positiv endet. Bis dahin haben sie tausend Tode erlitten.“

Ursprünglich waren die Märchen auch gar nicht für Kinder, sondern für Erwachsene gedacht. Und Anne Benjes würde sich wünschen, dass auch heutzutage diese Geschichten von den Älteren wieder mehr wertgeschätzt würden. Deshalb veranstaltet sie auch Märchenabende für Erwachsene. Aber auch diese können derzeit nicht stattfinden. Und so hat sie schon darüber nachgedacht, ihre Passion ins Netz zu verlegen und Online-Märchenstunden anzubieten. Doch noch hofft Anne Benjes, dass sie zeitnah wieder direkt in Kontakt mit den kleinen und großen Märchenfans der Region treten kann.

 

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