DOCUPY-DOKU „HEIMATLAND“

In Anklam vor allem nach rechts geschaut

Geschafft: In der Doku „Heimatland” sind Köln und Anklam in einem Atemzug genannt worden. Ein Kompliment für Vorpommern war das allerdings weniger. Denn Anklam bildete den braunen Gegenpol zum Multikulti-Stadtteil Widdersdorf.
Thorsten Pifan Thorsten Pifan
Der Marktplatz in Anklam kann im Winter trotz neuer Fassaden sehr trist wirken.
Der Marktplatz in Anklam kann im Winter trotz neuer Fassaden sehr trist wirken. Anne-Marie Maaß
Anklam.

Da war sie wieder die braune Keule, die am Montagabend zur besten Sendezeit ab 20.15 Uhr auf Anklam nieder sauste. Anklam nahezu reduziert auf schöne Fassaden und braunen Mob, der mit Bierflaschen pöbelnd auf vermeintliche Migranten losgeht. So beschreibt ein Schüler des hiesigen Lilienthal-Gymnasium zumindest eine Szene, die er beobachtet haben will. Deshalb möchte er nach der Schule seiner Heimat so schnell wie möglich den Rücken kehren, erzählt er in die Kamera. Zuvor hat er die Stadt und seine Menschen obendrein als spießig und verkrampft bezeichnet.

Die Reportage „Heimatland” arbeitet sich durch das neue Kölner Quartier Widdersdorf mit seinen sehr monotonen weißen Würfelhäusern und die vorpommersche Kleinstadt Anklam. Tatsächlich gemeinsam haben beide Orte die Einwohnerzahl, die jeweils bei rund 12.000 Menschen liegt. Während sich alteingesessene Kölner über Multikulti im neuen Widdersdorf erregen: „Die kommen gar nicht aus Köln, nicht einmal aus dem Rheinland und oft gar nicht aus Deutschland!”, hält Anklam als Gegenpol her mit einem Migranten-Anteil von unter drei Prozent.

Positiv schneidet Anklam ab, weil es Menschen offenbar wieder eine Heimat bieten kann. Seit fünf Jahren ist die Abwanderung gestoppt. Die Mehrheit der Gymnasiasten aus der vorgestellten Klasse kann sich vorstellen, in Anklam zu bleiben, oder nach dem Studium zurück zu kommen, der Stadt eine Chance zu geben: „Wohnen, wo andere Urlaub machen”, sagt eine Schülerin schwärmerisch. Verdrängt sie das Problem rechter Netzwerke, die es offenbar sehr wohl in Anklam gibt?

Im Film wird das nicht geklärt. Dafür ziehen die Autoren in der Dramaturgie nun das Handwerker-Netzwerk heran, das in der vergangenen Woche auch schon im Magazin „Monitor” thematisiert wurde. Einige der Firmeninhaber sind bekennende Rechtsextreme, dennoch ist das Bild, das die Filmemacher zeichnen, schief: Denn sie behaupten, es gebe 22 Firmen im Landkreis mit rechtsextremen Hintergrund. Das mag vielleicht sogar stimmen, suggeriert wird jedoch, dass alle in unmittelbarer Nähe zu Anklam liegen. Dabei reicht der Kreis von Greifswald bis Penkun. Es ist der flächenmäßig drittgrößte Landkreis in Deutschland.

Differenzierung und Ausgewogenheit vergessen

Wie der Beitrag wirkt, zeigt sich hingegen in einem Artikel von „Spiegel Online”. Autor Christian Buß schreibt unter der Überschrift „Stresstest in der Vorstadt”: „In Anklam gedeiht der Rechtsextremismus wie die Gemeinde gedeiht.” Bezug nimmt Buß dabei auf den Auftritt von Anklams Bürgermeister Michael Galander, der die positiven Veränderungen auf dem belebten Marktplatz zeigt und darstellt, wie Anklam aufblüht, leider scheinbar vor allem in der extrem rechten Ecke.

Bezeichnend, dass Anklam als Hochburg der AfD hingestellt wird. Sicher, Matthias Manthei holte bei der letzten Wahl 2016 das Landtagsmandat. Inzwischen hat er der AfD aber den Rücken gekehrt, kandidiert nun bei der Kommunalwahl für die Freien Wähler. Und wie es scheint, hat die AfD für die Stadt Anklam nicht einmal Kandidaten gefunden, die für die Stadtvertretung kandidieren.

Schade, dass die Journalisten beim Besuch in Anklam vor allem nach rechts geschaut und die Differenzierung, die Ausgewogenheit vergessen haben. Denn der Blick zurück in das Lilienthal-Gymnasium hat gezeigt, dass Anklam für etliche gebildete Schüler ein schönes Stück Heimat ist, dem sie treu bleiben wollen. Dies Bild wird im Verlauf der Sendung aber leider übertüncht.

Die Reportage „Was Deutschland bewegt – Heimatland” ist seit Montag hier in der ARD-Mediathek zu sehen.

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